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Zerstörte Kindheit - ein vielstimmiger Chor

Swetlana Alexijewitsch sprach mit letzten Zeugen des Zweiten Weltkrieges

»Ich habe gesehen, was kein Mensch sehen sollte ... nicht sehen darf ... Und ich war noch klein ... Ich habe gesehen, wie ein Soldat läuft, dann scheinbar stolpert. Hinfällt. Sich lange in der Erde festkrallt, sie umarmt ... Ich habe gesehen, wie unsere Kriegsgefangenen durch unser Dorf getrieben wurden ... Ich war noch klein.«

Acht Jahre war Jura Karpowitsch damals gerade erst, als er mit ansehen musste, was es nie hätte geben dürfen und was er niemals vergessen kann. Viele Jahre später, im Gespräch mit Swetlana Alexijewitsch, fragt er sich noch immer, ob Gott das alles gesehen und was er dabei gedacht hat.

Der Vater des zwölfjährigen Wolodja Parabkowitsch hat seinen Sohn angesichts des Grauens gewarnt, er soll die Augen schließen und nicht hinschauen. Der Himmel ist schwarz vor Flugzeugen, und um die beiden herum fallen die Menschen in den Sand und ins Gras. Dann fliegt ein Bomber ganz dicht vorbei, der Vater fällt um und macht die Augen nicht mehr auf.


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* Swetlana Alexijewitsch: Die letzten Zeugen. Kinder im Zweiten Weltkrieg. A. d. Russ. v. Ganna-Maria Braungardt. Hanser Berlin. 203 S., geb., 22,90 €.


»Waren wir etwa Kinder?« fragt Viktor Leschtschinski und beantwortet die Frage selbst: »Mit zehn, elf Jahren waren wir Männer und Frauen.« Tausende von Kindern in Weißrussland wurden während des Zweiten Weltkrieges ihrer Kindheit beraubt. Was sie in den Kriegsjahren erlebten und mit ansehen mussten, hat sie lebenslang traumatisiert. Erst Jahrzehnte später sind sie, die letzten Zeugen, überhaupt in der Lage, davon zu sprechen, wenn auch oft nur bruchstückhaft.

Swetlana Alexijewitsch ist Buchautorin (»Der Krieg hat kein weibliches Gesicht« u.a.) und Friedenspreisträgerin des Deutschen Buchhandels. Sie hat Männer und Frauen, die beim Einmarsch der Deutschen in Weißrussland Kinder oder Jugendliche, die also sechs, zehn, vierzehn Jahre alt waren, nach ihren Erinnerungen an diese Zeit befragt und hundert kurze Berichte davon in dem Buch zusammengestellt. Viele von ihnen sprechen somit erstmals öffentlich über ihr Leid. Die Autorin spannt im Vorwort den Bogen noch weiter, indem sie an die Millionen sowjetischer Kinder erinnert, die »während des Großen Vaterländischen Krieges (1941-1945) starben, Russen, Weißrussen, Ukrainer, Juden, Tataren, Zigeuner, Kasachen, Usbeken, Armenier, Tadschi-ken ... « Wir müssen die ungezählten toten Kriegskinder und Flüchtlingskinder seit dem Zweiten Weltkrieg bis heute hinzufügen und machen uns so die Notwendigkeit mahnender Erinnerung bewusst. »Die Szenen spielen jetzt, im ausgehenden 20. und beginnenden 21. Jahrhundert«, so Karl Schlögel über Alexijewitschs Buch »Secondhand-Zeit«. Das trifft hier ebenso zu.

Hunger, Kälte, brennende Häuser, Evakuierungen, Fluchten, Vertreibungen, Erschießungen, gefallene Väter, gestorbene Mütter - und wieder Hunger, Kranke, Erfrorene ... Vieles kennen wir heute aus Berichten und Dokumentationen, einiges ist hier so emotional geschildert, dass es wie eine neue Wunde schmerzt.

Swetlana Alexijewitsch hat die meisten Interviews offensichtlich Ende der 70er Jahre geführt und nun die »Bruchstücke« zu einer Art »Chorischer Zeugenschaft« zusammengesetzt. Der Begriff stammt aus der Begründung des Friedenspreises für die Autorin. Tatsächlich ist ein solcher vielstimmiger Chor in der Erinnerungs-Literatur einzigartig, wirft aber auch die Frage nach der Macht und Ohnmacht der Worte auf. Denn die müssen sich heute nicht nur gegen die Bilder behaupten, sondern auch gegen die Gewohnheit, die Abstumpfung beim wiederholten Hören gleicher und ähnlicher Berichte.

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