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Die Diktatur des Digitalen

Kunstaktion in Kreuzberg abgebrochen

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Am Heinrichplatz in Kreuzberg sorgte ein Kunstprojekt (»Wanna Play? Liebe in Zeiten von Grindr«) einige Tage lang für Ärger. Der aus den Niederlanden stammende Künstler Dries Verhoeven hatte dort mit Unterstützung des Theater Hebbel am Ufer (HAU) einen verglasten Container aufgestellt. In diesem chattete er mit schwulen Männern über die Dating-App »Grindr« und machte die Konversation auf einer LED-Wand für alle Passanten sichtbar.

Sichtbar hieß in diesem Fall: Auch die Profilnamen und die Profilbilder der Männer waren zu erkennen. Viele Betroffene fühlte sich bloßgestellt und in ihren Persönlichkeitsrechten verletzt, womit nach Medienberichten weder der Künstler noch das HAU gerechnet hatten. Ziel des Kunstprojekts sei es gewesen, die Menschen zum Nachdenken »über das Fehlen von zwischenmenschlicher Intimität« anzuregen, hieß es am Wochenende in einer Erklärung des Veranstalters.

Zunächst wurde die Kunstaktion nach den Protesten am Wochenende ausgesetzt, am Montagmorgen erklärte das HAU, dass das Projekt komplett abgebrochen werde. Zuvor hatte ein von Verhoeven bloßgestellter Mann dem Künstler in aller Öffentlichkeit einen Faustschlag verpasst. Man kann dies mit ein wenig Fantasie als Teil des Kunstprojekts interpretieren; immerhin demonstrierte das Opfer des Künstlers vor Publikum eine besonders rohe Art zwischenmenschlicher Intimität.

Man kann darin aber auch einen berechtigten Widerstandsakt der analogen Wirklichkeit gegen die Vereinnahmung des Individuums durch das Digitale sehen, eine Notwehr gegen die Diktatur des Digitalen. Die, so muss man sagen, wird längst nicht mehr nur durch die NSA oder die großen Internetkonzerne wie Google oder Facebook ausgeübt. Plattformen wie »Grindr« leben davon, dass der Einzelne Persönliches von sich aus preisgibt.

Der Begriff »Diktatur« ist an sich eindeutig definiert. Eine Diktatur zeichnet sich dadurch aus, dass eine einzelne Person oder eine Gruppe von Personen mit unbeschränkter Macht über das Volk regiert. Was aber, wenn sich das Volk gar nicht bewusst ist, dass es in einer Diktatur lebt? In wenigen Tagen wird das neue Buch von Stefan Aust und Thomas Ammann erscheinen. Der ehemalige Chefredakteur des »Spiegel« und der Internetexperte Ammann formulieren darin eine steile These, die sich bereits im Buchtitel manifestiert: »Digitale Diktatur«. Wer glaube, er könne im Internet noch den Rest von Intimität bewahren, der irre, teilten die beiden Autoren vorab mit. Die großen Konzerne erschnüffelten noch die geheimsten Dinge des Menschen, um sie in ihre Marketingstrategie zum Zweck der Profitoptimierung einzupassen.

Die These richtet sich in erster Linie gegen die »Digital Natives«, die jungen Menschen, die sich keine Sorgen darum machen, was mit ihren Daten im Internet passiert, die nicht wissen, worauf sie sich einlassen, wenn sie ihre Profile online stellen.

Die jetzt abgebrochene Kunstaktion am Heinrichplatz könnte sogar noch ein Gutes haben: Die Zahl derer, die jetzt wissen, wohin es führen kann, wenn sie ihre Profile online stellen, wird hoffentlich steigen.

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