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Schränke für WBS 70-Wohnzimmer

Sachsen war ein Zentrum der Möbelindustrie - ein Buch zeigt Aufstieg und Situation heute

  • Von Heidrun Böger, Leipzig
  • Lesedauer: 3 Min.
Möbel stellen ein Stück Zeitgeschichte dar, die Art und Weise ihrer Herstellung auch. Doch warum wurde gerade in Sachsen die Möbelindustrie einst so bedeutsam?

Jahrzehntelang war Sachsen die Hochburg der Möbelindustrie deutschlandweit, eine Tatsache, die den wenigsten bekannt ist. In Leipzig gab es am Ende des 18. Jahrhunderts mit Friedrich Gottlob Hoffmann den ersten »Meublen-Fabricant« mit eigenem Katalog, in Dresden-Hellerau wurden 1906 erstmals Möbel komplett maschinell produziert. Der Leipziger Historiker Thomas Nabert hat über all das ein faktenreiches Buch geschrieben: »Möbel für alle«, es ist gerade erschienen.

»Los ging es mit den Stuhlbauern«, erzählt Thomas Nabert, der für das Buch in vielen sächsischen Bibliotheken, Archiven und Museen recherchiert hat. Herausgekommen ist ein umfangreiches Werk mit zahlreichen Abbildungen, im Mittelpunkt steht die industrielle Fertigung.

Doch warum wurde gerade in Sachsen die Möbelindustrie so bedeutsam? Thomas Nabert: »Landwirtschaft war in den hiesigen Mittelgebirgen wegen des Klimas nur eingeschränkt möglich. Andererseits gab es viele Arbeitskräfte, die zuvor wegen des Bergbaus hierhergekommen waren.« Hinzu kam 1869 das Auslaufen des Patents des Tischlers Michael Thonet für die Fertigung von Bugholzmöbeln. Sofort entstanden in Rabenau und in Dresden große Fabriken für Bugholzmöbel, also Möbel aus gebogenen Hölzern. Der auch dort nachgebaute Thonet-Stuhl Nr. 14 war zeitlos schön, leicht und zerlegbar. Ein Klassiker, der sich gut industriell produzieren ließ.

Möbel stellen ein Stück Zeitgeschichte dar. Richtig los ging es mit der Produktion erst, als es breiten Bevölkerungsschichten besser ging, etwa ab 1890. Hatte davor der Hausstand meist auf einen Handkarren gepasst, konnten sich nun mehr und mehr Menschen größere Einrichtungen leisten - bis hin zur guten Stube, die schön möbliert war und nicht benutzt wurde. Auch Arbeiterfamilien strebten nach Bürgerlichkeit, nur hing dann in der guten Stube nicht Kaiser Wilhelm, sondern Liebknecht.

Wilsdruff, Eilenburg, Waldheim, Dresden, Rabenau - so hießen damals die Hochburgen der sächsischen Möbelindustrie. 1906 brachte der Wilsdruffer Theodor Porsch seinen »Küchentisch mit ausziehbarem Waschtisch« auf den Markt. Von 1930 stammt das legendäre Küchenbüfett »Dresden« der Eschebach-Werke Radeberg mit drehbaren Ablagen im Unterschrank. Und es gab natürlich die Deutschen Werkstätten Hellerau, mit einem guten Ruf weit über Sachsen hinaus. Ansprechend und leicht kamen deren Möbel daher.

Das Stuhlbaumuseum Rabenau fühlt sich der Tradition verpflichtet und hat jetzt den opulenten Bildband »Möbel für alle« initiiert und finanziert. Die sächsische Möbelindustrie zu DDR-Zeiten war geprägt von großen Kombinaten und kleinen halbstaatlichen Firmen - wie die von Dieter Kehr in Markranstädt bei Leipzig. Für die oft kleinen Neubauwohnungen brauchte man flexible Möbelprogramme. Manches war legendär und schlecht zu bekommen - wie die MDW-Anbauwand (Montagemöbel Deutsche Werkstätten). Entworfen hat sie 1967 Rudolf Horn, einer der wichtigsten Designer der DDR.

Die MDW, wie sie auch im Volksmund genannt wurde, passte genau ins Wohnzimmer der Wohnungsbauserie (WBS) 70 und konnte unendlich viel Kleinkram aufnehmen. Das Grassi Museum für Angewandte Kunst in Leipzig widmet Rudolf Horn aus Anlass seines 85. Geburtstags gerade eine kleine Präsentation. Der Meister war zur Eröffnung anwesend.

Seit Anfang der 1970er Jahre wurden große Stückzahlen zum Beispiel des Ikea-Regals »Billy« in Sachsen produziert. Das Werk in Heidenau arbeitete ausschließlich für den Westen. Waren 1989 etwa 25 000 Sachsen in der Möbelindustrie beschäftigt, sind es heute noch um die 6000. Thomas Nabert: »Die meisten Betriebe sind den Bach runtergegangen.«

Das Wegbrechen der Märkte in Osteuropa und im eigenen Land, in einigen Fällen Missmanagement sind die Gründe. Eine überschaubare Zahl mittelständischer Unternehmen fertigt heute noch Mobiliar aller Art, Stühle werden kaum noch in Serie hergestellt. Als überlebensfähig haben sich neben anderen die Deutschen Werkstätten Hellerau erwiesen. Nur werden heute dort Möbel für Villen, Vorstandsetagen und Luxusjachten gebaut.

Thomas Nabert: »Möbel für alle«, 376 Seiten, Pro Leipzig, 29 Euro, herausgegeben vom Deutschen Stuhlbaumuseum Rabenau, ISBN 978-3-945027-02-8

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