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«Lasst euch nicht wieder das Joch auflegen!»

Pfarrer Bernd Albani erinnert sich an ein dramatisches Kapitel der DDR-Geschichte - aufwühlende Oktobertage 1989 an der Gethsemanekirche in Berlin

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Es ist ein trüber Tag, der Himmel verhangen, ab und an blitzt ein Sonnenstrahl durch die Wolken. Schien die Sonne vor fünfundzwanzig Jahren, als Hunderttausende Menschen auf ostdeutschen Straßen unterwegs waren? Bernd Albani steht auf dem Balkon eines mehrstöckigen Miethauses am Pankower Bürgerpark, schaut hinunter, einer jungen Frau zu, die sich im Vorgarten schafft. Sie lächelt mir freundlich zu, als ich an ihr vorbei durch die weit geöffnete Tür des Hauses gehe. Albani ist Pfarrer im Ruhestand, genießt die Muße, die er nun hat. Und die ihm vor fünfundzwanzig Jahren nicht vergönnt war. Er war hineingeworfen in ein dramatisches Geschehen. Warf sich hinein. Bernd Albani erinnert sich:

Am 1. Oktober 1989 tritt er sein Pfarramt an der Gethsemanekirche an. Nicht erst seit den manipulierten Kommunalwahlen am 7. Mai des Jahres ist die Gemeinde in Berlins Prenzlauer Berg Treffpunkt kritischer Christen und konfessionsloser Oppositioneller. Der Gemeindekirchenrat hat den oppositionellen Gruppen den Anschluss des Pfarramtes als Kontakttelefon zur Verfügung gestellt.

An Albanis erstem Amtstag finden die Wahlen für den Gemeindekirchenrat statt. Anschließend setzen sich die alten und neuen Kirchenältesten zusammen und beschließen, dem Antrag einer Initiativgruppe stattzugeben, in und vor der Kirche eine unbefristete Mahnwache für aus politischen Gründen inhaftierte DDR-Bürger abzuhalten. Tag und Nacht bleibt die Kirche geöffnet, jeden Abend 18 Uhr findet eine Fürbitt- und Informationsandacht statt. Auch in Berlin knistert die Luft.

An jenem ersten Tag im Oktober ist auch Erntedankfest. Feldfrüchte und Obst sind dekorativ vor dem Altar ausgebreitet. «Wir pflügen und wir streuen», dichtete Matthias Claudius. Die Menschen in der Gethsemanekirche können sich nicht so recht erfreuen an dem Segen des Herrn und der Frucht fleißiger Hände. Die Herzen sind beschwert. Kein Himmlischer Frieden in ihrem Land. Und kein irdischer. Wie viele Freunde haben in den letzten Tagen und Wochen über Prag, Budapest oder Warschau den Weg in den Westen gewählt, weil sie an dem verkrusteten, einengenden System in der DDR verzweifelten?

Die Fürbittandacht am 2. Oktober vereint etwa dreißig Menschen, am darauffolgenden Tag sind es schon dreihundert und ab dem dritten Tag Abend für Abend an die dreitausend, die hier die Gemeinschaft suchen, Ermutigung und aktuelle Informationen über die Situation in ihrem Land, die von den zentral gelenkten Medien unterschlagen werden. Die Gethsemanekirche droht aus ihrem hundertjährigen Gemäuer zu platzen.

«Wachet und betet – Mahnwache und Fürbitte für die zu Unrecht Inhaftierten» ist auf dem Transparent zu lesen, das über dem Kirchenportal gespannt ist. Ein Meer brennender Kerzen bedeckt die Brüstung. Die Menschen singen «Dona nobis pacem.» Gib uns Frieden. Einer der Herrschenden, Politbüromitglied Horst Sindermann, wird später sagen: «Mit allem haben wir gerechnet, nur nicht mit Kerzen und Gebeten. Sie haben uns wehrlos gemacht.»

Ab dem 4. Oktober sind rund um die Kirche Volkspolizisten postiert, unbewaffnet und sich in ihrer Uniform womöglich selbst nicht wohl fühlend. Sie sollen das «wachsame Auge» der Staatsmacht bezeugen, die blind ist und nicht begreift. Am Abend des nächsten Tages hält Pfarrer Albani die Fürbittandacht: «Züge fahren durch unser Land, Züge mit verriegelten Türen. Polizei sperrt die Bahnstrecken ab, räumt Bahnhöfe ... Was ist los in diesem Land am Vorabend des großen Feiertags? Was ist los in meinem Land? Man sollte ihnen keine Träne nachweinen, war in unseren Zeitungen zu lesen... Gestern waren Freunde bei mir. Sie weinten ihren Freunden nach, unseren Freunden... Ja, ich weine ihnen nach, weil es junge Leute sind, die hier in diesem Land leben und arbeiten wollten. Junge Leute, die keine Hoffnung mehr hatten für dieses Land, weil sich nichts bewegt, alles erstarrt ist.»

Albani fragt sich und seine Zuhörer an jenem 5. Oktober: Wie umgehen mit Trauer, Scham und Zorn? Regression oder Gewalt? Eines ist gewiss: Es gibt kein Zurück. Kein Zurück zu den entwürdigenden Ritualen des ewigen Ja-Sagens, des gedankenlosen Hände-Hebens und Zettel-Einwerfen, des Mundhaltens und Mitlaufens. «Wir kennen sie, wir praktizierten sie, die Rituale der Macht und der Unterwürfigkeit», sagt der Pfarrer und zitiert Paulus: «Zur Freiheit hat uns Christus befreit! So steht nun fest und lasst euch nicht wieder das Joch der Knechtschaft auflegen!» (Galater 5,1). Diese Worte wollten sie hören, die Unzufriedenen und Ungläubigen, die Unsicheren und Unverzagten. Worte der Bestätigung und Ermunterung. Er fänd’s schön, lässt Albani wissen, «wenn die alten Herren unter sich wären am Festtag, allein mit ihren Bewachern». Tatsächlich werden sie zwei Tage später, am 7. Oktober, allein unter sich sein, abgeschirmt vom Volk, das draußen protestiert. Tanz auf der Titanic im Palast der Republik.

Gottes Wege sind unergründlich, Albanis ungewöhnlich. Der 1944 in Dresden Geborene absolvierte zunächst eine Ausbildung als Laborant am Zentralinstitut für Kernphysik in Rossendorf, studierte Physik, war Aspirant an der Lomonossow-Universität in Moskau und wissenschaftlicher Mitarbeiter an der Hochschule für Verkehrswesen in Dresden. Er promovierte zur Theorie des Festkörpermagnetismus. Harte Materie. Die sich so gar nicht mit Spiritualität verträgt, Transzendenz und Jenseits nicht kennt. «Das ist eine Sicht von außen, ein naives Verständnis von Glauben und Kirche», belehrt mich der Christ. «Für mich besteht da kein Gegensatz. Es gibt eine Ahnengalerie berühmter und zugleich tief religiöser Physiker, von Albert Einstein über Werner Heisenberg bis zu Max Planck.» Sein naturwissenschaftliches Beginnen nennt Albani eine ganz wichtige Erfahrung. «Ich bin dadurch viel rationaler im Umgang mit theologischen Fragestellungen.» Historisch-kritischer Bibelexegese steht er aufgeschlossen gegenüber. Es sei spannend, in welchem gesellschaftlichen, politischen, religiösen oder philosophischen Kontext und Diskurs die Texte entstanden sind.

Doch was bewog den stolzen Vater von vier Kindern, noch einmal und nämlich Theologie zu studieren? Mutter und Großmutter, die Beschützer seiner Kindheitsjahre, gingen nur zu Weihnachten in die Kirche. Albani aber besuchte den Konfirmandenunterricht und gehörte der Jungen Gemeinde an, «mein geistliches Zuhause. In der Schule war es allerdings nicht gern gesehen, wenn wir das kleine silberne Kugelkreuz, unser Abzeichen trugen». Und in Dresden engagierte er sich in der «offenen Arbeit» der Weinberggemeinde, die von seinem späteren Freund Frieder Burkhardt initiiert worden ist. Er erfuhr, dass der Freiraum gebraucht wird, den die Kirche bietet. Nicht nur für die alternative Jugendszene, sondern für die vielen neu entstehenden politischen Initiativen und Gruppierungen.

Die Atmosphäre in seiner Arbeitsgruppe an der Verkehrshochschule der Elbmetropole sei angenehm gewesen. «Ich hatte keinen Grund zu klagen», sagt Albani. «Das, was ich da rechnete und forschte, das schadete wohl niemandem, aber es nutzte wahrscheinlich auch niemandem. Wir waren ziemlich weit weg vom Weltstandard.» Unerfreulich und unbefriedigend für Albani. Er möchte nützlich sein, Dienst am Menschen tun. Und so beginnt er ein Studium am Theologischen Seminar, der kirchlichen Hochschule in Leipzig.

Die Halbzeit ist erreicht, da wird der Student verhaftet. Am 21. Juni 1978. Seine Ein-Mann-Demonstration quer durch die Leipziger Innenstadt hat die Staatsmacht provoziert. Ein Schild vor der Brust, ein Schild auf dem Rücken, spazierte er etwa eine halbe Stunde vom Rathaus bis zum Hauptbahnhof – forderte die Freilassung von Rudolf Bahro, Autor der «Alternative». «Ich fand es unheimlich mutig, dass jemand das Instrumentarium der marxistischen Gesellschaftsanalyse auf den real existierenden Sozialismus in der DDR anwandte und offen aussprach: Das ist kein Sozialismus, allenfalls ein Sozialismus im Larvenstadium. Und ich fand es gemein, ihm dann nachrichtendienstliche Tätigkeit zu unterstellen.» Albani hat seine Frau nicht eingeweiht, keine Mitstreiter um sich geschart. «Aus eigenem Schutz, um nicht wegen staatsfeindlicher Gruppenbildung belangt zu werden.» Lediglich einer Freundin vertraute er sich an, damit sie Frau und Freunde benachrichtige, wenn er eingesperrt würde. Es war wohl seiner Aufregung geschuldet, dass der angehende Theologe auf seinen Protestschildern versehentlich «Freiheit für Wolf Bahro» schrieb. «Das war mir hinterher furchtbar peinlich», sagt Albani.

Eigentlich hat er nur von seinem verfassungsmäßig garantierten Recht auf freie Meinungsäußerung Gebrauch gemacht. Aber die Staatsmacht sieht das anders, wirft ihm «Beeinträchtigung der Tätigkeit staatlicher Organe» nach Paragraf 214 (1) StGB vor. Sechs Wochen ist Albani inhaftiert. Dass er nicht länger schmoren muss, verdankt er unter anderem dem Mecklenburger Landesbischof Heinrich Rathke, zu jener Zeit leitender Bischof der Vereinigten Evangelisch-Lutherischen Kirche in der DDR. In den Akten der Macht ist der Würdenträger als «feindlich-negatives Element» notiert. Rathke kritisiert öffentlich die Einführung des Wehrkundeunterrichts an den Schulen, betreibt eigenständig Friedensarbeit und pocht immer wieder auf die Einhaltung der Menschenrechte in der DDR.

Die letzte Woche hinter Gittern verbringt Albani in «normaler» U-Haft, sprich: der Justiz. «Da habe ich mich fast wie in Freiheit gefühlt. Bei der Staatssicherheit war man in völliger Isolation, bekam nichts zu Schreiben und gerade mal ein Buch pro Woche. Auf einmal aber waren die Zellen nicht mehr am Tag abgeschlossen, zur Freistunde konnte man im Gefängnishof mit anderen Häftlingen quatschen oder Federball spielen.» Nach seiner Entlassung schreibt Albani eine Eingabe an die Volkskammer, denn er sieht in den ungleich härteren Bedingungen der Stasi-U-Haft einen Verstoß gegen das Gleichbehandlungsprinzip: «Eine Antwort habe ich nicht bekommen.»

Nach zweijährigem Vikariat in Leipzig wird Albani Pfarrer im osterzgebirgischen Frauenstein, einer Kleinstadt mit der größten mittelalterlichen Burgruine Sachsens. Hier ist er Mitbegründer des kirchlichen Arbeitskreises «Frieden und Umwelt». Beides ist getrennt nicht denkbar. Die Stationierung von Atomraketen beiderseits der deutsch-deutschen Grenze und das Sterben der Wälder dies- und jenseits mobilisiert Menschen in Ost wie West. Albani wird Vertreter der sächsischen Friedens-, Umwelt- und Menschenrechtsgruppen im Fortsetzungsausschuss für das DDR-weite Basisgruppentreffen «Konkret für den Frieden». Man trifft sich jährlich Ende Februar, stets in einer anderen evangelischen Landeskirche der DDR. «Das Delegiertentreffen entwickelte sich zu einer Art Basisparlament, in dem brenzlige gesellschaftliche Themen diskutiert, Beschlüsse gefasst und Eingaben an staatliche Organe formuliert wurden. Es ging zum Beispiel um das Recht auf Wehrdienstverweigerung, um die Einführung einer Verwaltungsgerichtsbarkeit, um die Risiken der Kernkraft aber auch um die katastrophale Umweltsituation im Raum Halle-Leipzig.» In der zweiten Hälfte der Achtziger Jahre vereint «Konkret für den Frieden» über 200 Gruppen.

Albani hat derweil eine weitere folgenreiche Entscheidung getroffen. In einer Großstadt aufgewachsen, möchten er und seine Frau zurück in eine Großstadt. «Gerd und Ulrike Poppe gaben mir den Tipp, dass eine Stelle an der Gethsemanekirche frei ist.» Die Poppes kennt er von der Arbeit bei «Konkret für den Frieden». Mitte September ’89 zieht die Familie Albani ins unruhige Berlin.

Am 7. Oktober beginnt pünktlich wie immer um 18 Uhr die Fürbittandacht. Die Menschen stehen dicht an dicht im Kirchenschiff. Nach dem gemeinsamen Gesang von «Dona nobis pacem» leert sich nach und nach das Gotteshaus. Viele bleiben. Die Mahnwache sowieso und auch die sie unterstützende Fastengruppe. Pfarrer Albani geht nach Hause, zu den Seinen ins Gemeindehaus. An diesem vierzigsten «Tag der Republik», an dem außer der Obrigkeit keinem zum Feiern zumute ist, gibt es keinen Feierabend. «Plötzlich rief mich mein Kollege Werner Widrat zu sich. Er habe einen Anruf aus dem Roten Rathaus erhalten. Ein paar tausend Menschen seien unterwegs zu uns, wir sollten die Kirche aufmachen. Eine absurde Bitte, war die Kirche doch schon längst zu jeder Tag- und Nachtzeit offen.»

Als Albani zu seiner Kirche eilt, wird er der unzähligen Menschen gewahr, die von der Schönhauser Allee heranwogen. Dahinter Polizei. Solch massive Präsenz der «Ordnungshüter» hat er bis dato nicht erlebt. Demonstranten rufen beschwörend: «Keine Gewalt, keine Gewalt! Wir sind das Volk!» Und: «Gorbi, Gorbi! Demokratie jetzt oder nie!»

Wie an jedem siebten Tag eines Monats seit Mai ’89 hatten sich auch an diesem 7. Oktober auf dem Alexanderplatz Menschen zum Protest gegen Wahl- und inzwischen auch anderen Betrug am Volk versammelt, mehr als je zuvor. Als sie loszogen, um den sich selbst bejubelnden Herren im Palast zu bedeuten, dass sie nicht mehr länger deren Claqueure sein wollten, marschierte die Staatsmacht auf, auf dass keiner der geladenen Gäste aus aller Welt Augen- und Ohrenzeuge von des Volkes Wut und Mut würde.

Albani lädt die sich auf dem Vorplatz versammelten Frauen und Männer in seine Kirche ein. «Aber sie wollten gar nicht rein. Sie riefen immer wieder: ›Auf die Straße, auf die Straße!‹» Der Geistliche beobachtet, wie Polizeikordons die Demonstranten in Richtung Stargarder Straße und Prenzlauer Allee abdrängen, wo sie auseinandergetrieben werden. «Dass allein in dieser Nacht über 500 gewaltfrei demonstrierende Bürger gejagt, eingekesselt, verprügelt und festgenommen worden sind und in den sogenannten Zuführungspunkten gedemütigt und schikaniert wurden, habe ich erst später erfahren», sagt Albani. Er gehört zu jenen, die in den folgenden Tagen und Wochen mithelfen, Gedächtnisprotokolle zu sammeln, um die Ausschreitungen der Sicherheitskräfte öffentlich zu machen.

In der Nacht vom 7. auf dem 8. Oktober sitzt Albani, ermüdet und gequält von dem, was sich vor seinen Augen abspielte, über seiner Predigt für den nächsten Morgen, den 20. Sonntag nach Trinitatis. «Um des Menschen Willen» titelt er sie. Als er kurz vor zehn Uhr die Kirche betritt, blickt er in angespannte und aufgewühlte Gesichter. «Was haben wir erlebt in dieser Nacht!» Mit einem Ausrufesatz beginnt er seine Predigt. Keine organisierte Demonstration, keiner, der die Menge dirigierte. Polizeiketten, Mannschaftswagen, Wasserwerfer. Wehrlose Menschen wurden geschlagen. «Und in unseren Medien weiterhin Schweigen.» Albani klagt die unheilige Allianz der Herrschenden, der Ideologen und des Apparates an, die Traditionshüter, die Reformen verweigern.

«Mit dem Ährenraufen am Sabbat fing er an, der Konflikt», erinnert Albani in seiner Predigt über Markus 2, 23-28. Der Evangelist überlieferte, wie Jesus an einem Sabbat durch ein Kornfeld ging und seine Jünger Ähren rauften. «Und die Pharisäer sprachen zu ihm: Sieh doch! Warum tun deine Jünger am Sabbat, was nicht erlaubt ist? Und er sprach zu ihnen: Der Sabbat ist um des Menschen Willen gemacht und nicht der Mensch um des Sabbats Willen.» Ein geradezu revolutionärer Satz, meint Albani, weil er den Menschen in den Mittelpunkt rückt. Am Tag nach dem brutalen Vorgehen der Staatsmacht wiederholt der Pfarrer: «Der Sabbat ist um des Menschen Willen da, nicht der Mensch um des Sabbats Willen.» Und er betont: «Der Staat ist um des Menschen Willen da, nicht der Mensch um des Staates Willen. Der Sozialismus ist um des Menschen Willen da, nicht der Mensch um des Sozialismus Willen.» Doch auch in der folgenden Nacht verprügelt die Volkspolizei das aufbegehrende Volk. Wieder werden mehr als 500 Personen in Berlin festgenommen.

Am 9. Oktober fordert Bischof Gottfried Forck in der Gethsemanekirche die DDR-Führung auf, «deutlich und glaubhaft Schritte einzuleiten, damit eine demokratische und rechtsstaatliche Perspektive für die DDR gefunden wird». Der Sturz Honeckers und die Inthronisierung seines «Kronprinzen» Egon Krenz zehn Tage darauf bringen nicht die erhoffte Erneuerung. Albani ist am 4. November unter den Fünfhunderttausend auf dem Alexanderplatz: «Es herrschte eine euphorische Stimmung. Es war schön und beglückend, in die vielen offenen Gesichter zu blicken. Früher sah man oft verkniffene, die Enttäuschung und Resignation spiegelten, da man ja doch nichts bewegen könne. Und plötzlich diese Kreativität, die Aufbruchsstimmung, die sich auf Plakaten und Transparenten niederschlug.»

Am Nachmittag des 9. November ist Albani fest entschlossen, endlich die Bücherregale aufzubauen, die seit dem Umzug nach Berlin darauf harren. Doch wieder interveniert die Geschichte. Zunächst vermittelt durch seine Frau, die ihn unterbricht: Sie habe gehört, der Grenzübergang Bornholmer Straße wäre geöffnet. Albani hält dies für ein Gerücht. Doch es ist wahr. «Da sind wir mit unseren Kindern Hanna und David losgezogen, uns mit eigenen Augen zu überzeugen.» Die beiden älteren Töchter Anja und Kristina studieren in Rostock und Ludwigslust. «Bereits auf der Wichertstraße herrschte Volksfeststimmung. Sektgläser wurden rumgereicht. Als ich am nächsten Tag in Dresden, wo wir ein Seminar für Friedens-, Gerechtigkeits- und Umweltgruppen vorbereiteten, erzählte, ich sei in der Nacht auf dem Ku’damm gewesen, schauten sie mich an wie einen Außerirdischen.»

Nach der «Wahnsinns»-Nacht nimmt die Zahl der in die Kirchen strömenden Menschen ab. Für Albani nicht überraschend. Er ist und bleibt dankbar, ein einzigartiges Kapitel deutscher Geschichte mit erlebt und mit gestaltet zu haben. Auch wenn nicht alle Blütenträume reiften. «Wir blieben aber weiterhin eine offene Kirche, eine ›Bürgerkirche‹, in der über brisante gesellschaftliche Themen diskutiert und gestritten wurde, sei es um die Räumung der besetzten Häuser in der Rigaer Straße, über die Stasiverwicklung kirchlicher Mitarbeiter oder die Ausschreitungen gegen Asylbewerber Anfang der Neunziger Jahre. Unter dem Motto »Einkehr im Garten Gethsemane« wurde auch gefeiert: Lateinamerika- und Afrika-Feste zum Beispiel. Die Tradition der Fürbitteandachten haben wir im monatlichen »Gebet für Frieden und Gerechtigkeit« fortgeführt.

Auch am 3. Oktober 1990, am Tag der deutschen Vereinigung, wurde in der Gethsemanekirche für Frieden und Gerechtigkeit gebetet. Anschließend intonierte ein gemischter, deutsch-polnisch-britischer Chor das War-Requiem von Benjamin Britten. »Das fand ich sehr angemessen für diese historische Stunde. Damit wurde an die Vorgeschichte erinnert, die der Grund für die deutsche Teilung war.«

In seiner Predigt im Jahr zuvor, am Morgen des 8. Oktober 1989, hatte Pfarrer Bernd Albani nach der unvergessenen schrecklichen Nacht, die der Anfang vom Ende der DDR sein sollte, gemahnt und gewarnt: » Herr, bewahre uns vor der Versuchung, Sieger sein zu wollen … Ich möchte etwas erreichen. Wir wollen etwas erreichen. Aber wir sollten uns davor hüten, womöglich eine neue Garde von ›Siegern der Geschichte‹ sein zu wollen.«

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