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Das Ende einer Dynastie

Jahr-Erben ziehen sich aus Verlag zurück

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Das Verlagshaus Gruner + Jahr gehört zu den wichtigsten Zeitschriftenverlegern Deutschlands. Ab November gehört es zu 100 Prozent dem Bertelsmann-Konzern.

»Gauner und Spar« wurde das Verlagshaus am Hamburger Baumwall mitunter scherzhaft genannt. Das war auch schon so, als Gruner + Jahr seinen Angestellten gute Löhne, Gewinnbeteiligungen und Betriebsrente bot. Doch nun müssen sich die Redakteure von »Stern«, »Neon«, »P.M.« und Co. auf weitere Sparmaßnahmen gefasst machen. Denn der Medienriese Bertelsmann übernimmt Gruner + Jahr komplett, wie der Konzern aus Gütersloh am Montag mitteilte.

»Die Familie Jahr wird dem Verlagshaus als einer der Gründungsgesellschafter emotional verbunden bleiben, auch wenn sich die Jahr Holding als Minderheitsaktionär bei Gruner + Jahr nun zurückzieht«, erklärte der Geschäftsführer der Holding, Winfried Steeger. 25,1 Prozent hielten noch die Erben von Verlagsmitbegründer John Jahr senior. Zum 1. November soll Bertelsmann diese Restanteile übernehmen. Der Aufsichtsrat des Gütersloher Konzerns hat die Übernahme bereits genehmigt. Der Kaufpreis wird in bar ausgezahlt. Über die Summe haben die Vertragsparteien indes Stillschweigen vereinbart.

1965 gründeten John Jahr senior, Gerd Bucerius und Richard Gruner den Verlag. Zusammen mit Axel Springer und Rudolf Augstein machten sie Hamburg nach dem Zweiten Weltkrieg zur Medienhauptstadt Westdeutschlands. Augsteins »Spiegel« und Gruner + Jahrs Flagschiff »Stern« konkurrierten lange Zeit um den Platz als Nachrichtenmagazin Nummer eins in der Bundesrepublik. Schon vier Jahre nach der Verlagsgründung stieg Bertelsmann bei Gruner + Jahr ein.

Seit 1976 hielt Bertelsmann 74,9 Prozent an dem Hamburger Zeitschriftenverlag. Die Sperrminorität in den Händen der Familie Jahr galten lange Zeit als Garantie dafür, dass nicht alles aus einer Konzernzentrale bestimmt wird. Immer mehr zog sich die Familie jedoch aus der Verlagsleitung zurück. Seit über einem Jahr wird der Verlag von Julia Jäkel geleitet, die ihre Karriere Ende der 1990er Jahre bei Bertelsmann begonnen hat.

Aus dem Umfeld des Verlages heißt es, dass sich auch aus den jüngeren Reihen der Verlegerdynastie der Jahrs niemand gefunden habe, der das Erbe des Großvaters weiterführen wollte. Letztlich sei es eigentlich nur noch ums Geld gegangen. Und in letzter Zeit gingen Umsatz und Gewinn zurück. Zwischen den Jahren 2012 und 2013 sank das Betriebsergebnis vor Steuern und Zinsen von 168 auf 146 Millionen Euro. Schon vor zwei Jahren hatte es Verhandlungen zwischen der Jahr Holding und dem Bertelsmann-Konzern gegeben. Gescheitert waren sie angeblich am Verkaufspreis. Nach dem verpatzten Deal entledigte man sich bei Gruner + Jahr auch des damaligen Vorstandsvorsitzenden Bernd Buchholz. Vor allem der Gütersloher Zentrale galt er als ein Dorn im Auge.

Bertelsmann-Chef Thomas Rabe nannte die vollständige Übernahme einen strategischen »Meilenstein zu Stärkung unserer Kerngeschäfte«. Mit einem Umsatz von 16,4 Milliarden Euro ist Bertelsmann mit weitem Vorsprung vor dem Axel Springer Verlag und ProSiebenSat.1 der größte Medienkonzern des Landes. Neben Gruner + Jahr gehören ihm auch die RTL-Gruppe, das Musikunternehmen BMG und diverse Buchverlage.

»Gruner + Jahr war immer ein großzügiger Arbeitgeber«, erinnert sich eine Redakteurin, die mehr als drei Jahrzehnte bei dem Verlag arbeitete. Doch diese Zeiten sind schon lange vorbei. Wie andere Zeitschriften auch spüren Stern und Co. Auflagenrückgang und schlechte Werbeeinnahmen. Und dies erzeugt vor allem Druck auf die Personalkosten. Wer seit Mitte der 1990er Jahre eingestellt wurde, bekommt keine betriebliche Altersvorsorge mehr.

»Es gibt seit längerem einen immanenten Kostendruck, der ausgeübt wird«, sagt Martin Dieckmann von der Dienstleistungsgewerkschaft ver.di gegenüber »nd«. Ende August diesen Jahres erklärte die Konzernleitung binnen drei Jahre 75 Millionen Euro einsparen zu wollen. Ein Großteil davon soll durch Einsparungen bei den Personalkosten erreicht werden. Von einem Stellenabbau von bis zu 400 Mitarbeitern sprach der Verlag, auch betriebsbedingte Kündigungen könne man nicht ausschließen. Es könnten noch mehr werden, schätzt Dieckmann.

Zuvor stellte Gruner + Jahr Ende 2012 die »Financial Times Deutschland« ein, mit der der Verlag dem »Handelsblatt« Konkurrenz machen wollte. Zudem beschloss der Verlag vergangenes Jahr Zeitschriften wie »Neon«, »PM« und »Eltern«, die bis dahin in München produziert worden, in die Zentrale nach Hamburg zu holen. Auch beim »Stern« rollten erst kürzlich Köpfe: Dominik Wichmann musste nach noch nicht einmal zwei Jahren als Chefredakteur gehen.

Man wolle Gruner + Jahr bei der auf den Weg gebrachten Transformation »uneingeschränkt unterstützen«, erklärte indes Bertelsmann-Chef Rabe. Für den langjährigen Gruner+Jahr-Mitarbeiter und ehemaligen stellvertretenden Chefredakteur beim »Stern«, Michael Seufert, bedeutet dies nichts Gutes: »Es wird sicherlich ein Sparkonzept mit großer Konsequenz durchgezogen werden.«

Für ver.di-Mann Dieckmann hat die Komplettübernahme zumindest einen Vorteil: »Die Auseinandersetzungen werden jetzt direkt mit Bertelsmann geführt« und nicht mehr über »Bertelsmänner« bei Gruner + Jahr. Das mache die Sache politisch klarer.

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