So essen
 die Ossis

Wendeherbst, Einheitskanzler 
und Merkels Tischsitten

Berlin. Noch einmal hat der Kanzler der Einheit zugeschlagen. Wenn auch unfreiwillig. Denn das Buch »Vermächtnis. Die Kohl-Protokolle«, das am Dienstag der Öffentlichkeit vorgestellt wird, hätte er lieber nicht auf dem Markt gesehen. Verständlich. Was der Altkanzler nach seinem tiefen Sturz dem Journalisten Heribert Schwan über Nachfolger, Parteifreunde und politische Gegner ins Mikrofon diktierte, gereicht denen wie auch ihm selbst alles andere als zur Ehre. Richard von Weizsäcker, Wolfgang Schäuble, Christian Wulff, Norbert Blüm, Wolfgang Thierse, Michail Gorbatschow - sie alle bekommen ihr Fett weg. Dass Kohl seinem Ziehkind, die heute im Kanzleramt regiert, ganz nebenbei attestiert, sie habe nicht mit Messer und Gabel umgehen gekonnt, ist nur eine der vielen Petitessen, mit denen der Ex-Kanzler sich dereinst hervorzutun versuchte - und der Heyne-Verlag das Buch zum Verkaufsschlager entwickeln will.

Doch Kohl hin oder her - die Gedenkfeiern zum heißen Wendeherbst in der DDR vor 25 Jahren werden häufiger und finden mehrheitlich ohne ihn statt. Kein Tag, an dem die seinerzeit sich überschlagenden Ereignisse nicht ihre eigene Jubiläumserinnerung einfordern. Die Gründung der Ost-SPD, die ihre »Väter« und »Mütter« noch selbstbewusst SDP nannten, ausgerechnet am 7. Oktober - dem noch einmal mit viel Pomp von der Partei- und Staatsführung gefeierten 40. Jahrestag der DDR - war ein solcher Meilenstein. Auch wenn die Erfolge der Sozialdemokratie in den neuen Ländern in dem vergangenen Vierteljahrhundert - siehe Sachsen und Thüringen - immer wieder zu wünschen lassen. Wir erinnern daran, ebenso wie an die heißen Oktobertage an der Gethsemanekirche in Berlin, wo Pfarrer Bernd Albani ein dramatisches Kapitel deutscher Geschichte mitgestaltete. Vor genau 25 Jahren - als der spätere Kanzler der Einheit noch gar nicht begriffen hatte, was sich in dem anderen deutschen Staat tut. oer

Seiten 3 und 5

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