Werbung

Zerstörte zweite Haut

Fassadenkunstprojekt in der Auguststraße holt ukrainischen Konflikt in die Stadtmitte

Wer gerade noch einen Cappuccino schlürfte, einen Blick in seinen Berlin-Reiseführer oder das Monatsprogramm der umliegenden Galerien warf, hält unwillkürlich inne, wenn sein Blick auf die Fassade des Hauses Auguststraße 10 fällt. Ein riesiges schwarzes Banner, 10 mal 12,50 Meter groß, ist vor der Fassade aufgespannt. Ungefähr auf Höhe des dritten Stockwerks befindet sich ein heller Fleck auf diesem Banner. Er wirkt wie vom Lichtkegel einer Lampe hervorgerufen und zeigt eine vollkommen zerstörte Hausfassade.

Unten am Haus, für Passanten zugänglich, befinden sich Tafeln, auf denen in russischer, ukrainischer, deutscher und englischer Sprache ein Essay des ukrainischen Lyrikers Serhi Zhadan über ein zerstörtes Museum in Lugansk aufgebracht ist. Zhadan, gerade mit dem Literatur- und Übersetzerpreis »Brücke Berlin« ausgezeichnet, reflektiert dort über die in Kriegen regelmäßig an den Rand rutschende Bedeutung von Museen und ihre ebenfalls düstere Perspektive unmittelbar nach der Beendigung kriegerischer Konflikte. Er verbindet diese Überlegungen mit Spekulationen darüber, was in dem Museum, das er einst selbst besuchte, durch die Bomben- und Artillerieeinschläge an Exponaten zerstört sein könnte. Unmittelbare und auch länger wirkende Kriegsfolgen werden so sehr subtil anhand der Schäden von Objekten deutlich. Ein verstörender Effekt, erst recht wenn man diese Exponatzerstörung aus Zhadans Text mit der nur ein paar Häuser entfernt liegenden Wunderkammer des »Me Collectors Room« in Beziehung setzt.

Die Fassadeninstallation des ebenfalls ukrainischen Künstlers Mykola Rydnyi korrespondiert mit dem Text seines Landsmanns. Das geschwärzte Foto, von dem nur der mit Licht ausgemalte zentrale Fleck sichtbar ist, zeigt zwar nicht das von Zhadan beschriebene Museum in Lugansk, aber doch ein im Krieg getroffenes Wohnhaus in dieser ostukrainischen Stadt, die derzeit das synonym für Abspaltung und politische Gewalttaten schlechthin geworden ist. Das Foto entstammt einer Serie von Arbeiten Rydnyis, die er den Medien entnommen hat. Es sind Bilder, mit denen zuerst lokale Medien, später aber auch die Weltpresse den Krieg in der Ukraine illustrierte. Rydnyi folgt in seiner Suche den Auswahlkriterien von Fotoredakteuren. Eine Zeit lang in Berlin lebend verfolgte er den Konflikt in seiner Heimat über die Medien und stieß dabei auf immer wieder dieselben Fotos. Die Schwärzung eines großen Teils der Fotos soll die Verengung des Sichtfeldes verdeutlichen, die immer einhergeht mit der Berichterstattung über Kriege.

Jetzt ist das Bild des zerstörten Wohnhauses Bestandteil der Fassadengalerie der »Kule«, eines einst von hausbesetzenden Künstlern geschaffenen Wohn- und Arbeitsprojekts. »Wir haben die Fassadengalerie während der Haussanierung als eine Art vertikale Bühne, als eine zweite Haut des Hauses geschaffen«, erklärt »Kule«-Mitgründerin Urs Berzborn. Die Fassadengalerie brachte den Wunsch der Künstler, mit Aktionen immer wieder in den Stadtraum hineinwirken zu können, mit den Erfordernissen des Denkmalschutzes für dieses Gebäude in Einklang. Weil auf der ursprünglichen Außenhaut der »Kule« durch die Rekonstruktion bewusst die Geschossspuren des Zweiten Weltkriegs erhalten blieben, ergibt sich nun ein intensiver Dialog mit dem auf der »zweiten Haut« applizierten Abbild des jüngst zerstörten Hauses in der Ukraine. Der Krieg dort, der meist nur durch das kühle Format der Fernsehbilder zu uns gebracht wird, entfaltet plötzlich eine sinnliche Wirkung in unserem eigenen Lebensumfeld. Und so sieht man denn auch Passanten, die eben noch laut plaudernd durch die Auguststraße streiften, plötzlich verstummen und sehr nachdenklich in den Kontext Ukraine eintauchen.

Das Projekt »Blind Spot« von Mykola Rydnyi und Serhin Zhadan wurde gemeinsam von der Fassadengalerie und dem Künstlerprogramm des DAAD entwickelt. Dort war Rydnyi schon an der aufsehenerregenden Gruppenausstellung »The Ukrainians« im Frühjahr dieses Jahres beteiligt. Das Künstlerprogramm des DAAD setzt mit diesem Projekt seine Tiefenbohrungen zur Ukraine fort.

»Blind Spot«, Auguststraße 10, bis 30.11.

Dieser Artikel ist wichtig! Sichere diesen Journalismus!

Besondere Zeiten erfordern besondere Maßnahmen: Auf Grund der Coronakrise und dem damit weitgehend lahmgelegten öffentlichen Leben haben wir uns entschieden, zeitlich begrenzt die gesamten Inhalte unserer Internetpräsenz für alle Menschen kostenlos zugänglich zu machen. Dennoch benötigen wir finanzielle Mittel, um weiter für sie berichten zu können.

Helfen Sie mit, unseren Journalismus auch in Zukunft möglich zu machen! Jetzt mit wenigen Klicks unterstützen!

Unterstützen über:
  • PayPal
  • Sofortüberweisung

Solidarisches Berlin und Brandenburg

Corona ist nicht nur eine Gesundheitskrise. Es ist auch eine Krise des Sozialen. Wir beobachten alle sozialen und sozioökonomischen Entwicklung in der Hauptstadtregion, die sich aus der Verbreitung des Coronavirus ergeben.

Zu allen Artikeln