Von Stephan Fischer

Und dann noch ein Fax nach Kabul

In Berlin findet der erste Flüchtlingssportkongress statt / Einige Verbände wollen bürokratische Hürden für Flüchtlinge in Vereinen abbauen

Sport und insbesondere Fußball sind für geflüchtete Menschen eine willkommene Abwechslung zum oft tristen Alltag. Immer mehr Initiativen wollen sie auch in den geregelten Sportbetrieb integrieren - aber die Hindernisse sind hoch.

Breschkai Ferhad ist sichtlich überwältigt, als sie am Freitagnachmittag den ersten Berliner Flüchtlings-Sport-Kongress unter dem Motto »Fußball – ein Spiel ohne Grenzen?« im Abgeordnetenhaus eröffnet: Mit diesem Interesse hatten weder die Moderatorin von der Bürgerstiftung Berlin noch die Organisatoren vom Projekt »Champions ohne Grenzen«, das sich seit einigen Jahren der sportlichen Zusammenarbeit mit geflüchteten Menschen in Berlin widmet, gerechnet. Und auch Anja Schillhaneck nicht, Vizepräsidentin des Abgeordnetenhauses, deren Grünen-Fraktion den Kongress mit ausrichtet. Der Saal im Gebäude des ehemaligen preußischen Landtages ist bis auf den letzten Sitz gefüllt, als Ferhad die Teilnehmer begrüßt. Auf Deutsch zunächst, dann auf Englisch, Französisch, Afghanisch und Arabisch: Neben Vereins- und Verbandsvertretern aus ganz Deutschland sind auch viele Geflüchtete gekommen. Einige von ihnen spielen bereits in Amateurvereinen wie dem FC Internationale oder dem FSV Hansa 07 in Berlin, andere haben sich Flüchtlingssportprojekten angeschlossen.

In Berlin ist die Dichte an Fußballvereinen so groß wie nirgendwo sonst in Deutschland. »Und es gibt einen Riesenbedarf in der Stadt, Flüchtlingen zu helfen«, beschreibt Gerd Thomas vom FC Internationale die Situation in der Hauptstadt. Fußball als globale Sportart Nummer eins kann dort eine Abwechslung zum tristen und unsicheren Alltag sein. Dennoch spielen nur sehr wenige Flüchtlinge in einem Sportverein, was sehr häufig die Voraussetzung ist, um regelmäßig an einem Ligaspielbetrieb teilzunehmen oder überhaupt Trainingszeiten auf einem vernünftigen Sportplatz zu bekommen. Denn so viele Vereine es auch gibt, sie teilen sich zu wenige Plätze und Hallen mit Schulen, auch aufgrund der Sparpolitik des Senats und der Bezirke sind viele mittlerweile in einem erschreckenden Zustand. Und da ist da noch die »Scheiß-Bürokratie«, diese Formulierung fällt während des Kongresses nicht nur einmal.

Und zwar von Vertretern Berliner Amateurvereine als auch von Funktionären des Berliner Fußballverbandes (BFV). Der Verband gilt zu Recht als einer der progressivsten in Deutschland, viele seiner Mitglieder sehen den Fußball nicht nur als möglichst unpolitische Freizeitbeschäftigung. Und so konnte Mehmet Matur, im Vorstand des BFV für Integration und Migration verantwortlich, dann auch verkünden, dass sich der Deutsche Fußball-Bund (DFB) und seine 21 Landesverbände jetzt eines der größten bürokratischen Ärgernisse annehmen werden, dem Problem der Spielerpässe. Was bei Spielerinnen und Spielern deutscher Herkunft nicht mehr als einen Verwaltungsakt darstellt, wird für geflüchtete Menschen, zu einem Akt, der nicht nur aufgrund sprachlicher Barrieren manchmal kafkaeske Züge aufweist. Zunächst muss bei Minderjährigen eine erziehungsberechtigte Person unterzeichnen. Bei allein eingereisten minderjährigen Flüchtlingen ist das schon ein Problem; zumal Verfahrenspfleger oder bestellte Betreuer aus den Verwaltungen, die unterzeichnen dürften, aufgrund Personalmangels in den betreffenden Institutionen oft chronisch überfordert sind. Die steigende Zahl von Flüchtlingen in Berlin, mittlerweile leben über 10000 von ihnen in mittlerweile 46 Sammelunterkünften, fast zehntausend in eigenen Wohnungen verschärft die Situation weiter: Die zeitweilige Schließung der zentralen Aufnahmestelle für Asylbewerber oder der Beschluss des Berliner Senats über den Bau von Containerdörfern zeugen davon.

Doch der zweite Schritt zum Spielerpass ist der eigentlich komplizierte: Will sich ein Geflüchteter in einem Verein anmelden, gilt das als internationaler Wechsel und wird laut den Regularien des Weltverbandes FIFA, denen sich DFB und Landeverbände unterworfen haben, nicht anders behandelt als der Wechsel von Toni Kroos von Bayern München zu Real Madrid, auch wenn es im Zweifel nur um einen Berliner Kreisligisten geht: Will dort ein afghanischer Spieler spielen, muss der BFV über den DFB eine Meldung zum Beispiel via Fax an den afghanischen Verband geben, der die Freigabe bestätigt. Diese FIFA-Regel soll verhindern, dass ein Spieler in zwei Vereinen unterschiedlicher Staaten gleichzeitig gemeldet ist und spielt. Diese Regel ergab vielleicht zu Zeiten Alfred di Stefanos in den 50er Jahren Sinn, um den zeitweise drei Vereine in Europa und Südamerika buhlten. Die Vorstellung aber, dass ein afghanischer Asylbewerber aus Berlin am Wochenende nach Kabul jettet, um dort in einem afghanischen Verein »nebenbei auch noch zu spielen«, erscheint nicht zuletzt den Vertretern des BFV und der betreffenden Berliner Vereine absurd. Und im Zweifel ist das Faxgerät in Kabul nicht angeschlossen oder kaputt. Zusätzlich kritisch wird die Situation bei politisch Verfolgten: Sollte der syrische Geheimdienst über den Fußballverband wirklich mitbekommen, wo genau in Berlin ein Oppositioneller jetzt gerade gemeldet ist?

»Es braucht immer Menschen, die wollen, dass anderen Menschen geholfen wird«, fasst Gerd Thomas zusammen: Deren Initiativen, sei es in Vereinen wie Babelsberg 03, der am 18. Oktober einen ganzen Regionalligaspieltag für einen Aktionstag zum Thema Asyl und Flüchtlingspolitik nutzt oder der BSG Chemie Leipzig, die ein Nachwuchsprojekt mit Flüchtlingen gestartet haben, stehen aber oft vor Hindernissen, die sich nicht allein durch Engagement oder Kreativität umschiffen oder überspringen lassen. Für die Arbeit mit traumatisierten Menschen, die oftmals nicht oder nur wenig Deutsch sprechen, ist professionelle Unterstützung nötig. Hierfür sei viel mehr Hilfe vor allem von Seiten der Verwaltung, aber auch aus den Flüchtlingsunterkünften nötig: Aus »Einfach mal loslegen« wird sonst schnell die Frage: »Wie weiter?« Es fehlt auch an Informationen in den Unterkünften selber, wie und wo sich Flüchtlinge sportlich betätigen können; von einigen Teilnehmern, die direkt mit diesen Flüchtlingsheimen zusammenarbeiten, wurde der Verdacht geäußert, dass diese Integration nicht gewollt sei: »Hier wird von Seiten der Behörden bewusst ein Schnitt gemacht, Integration verhindert.«

Eine Einschätzung, die sich mit dem Bild deckt, dass Martina Mauer vom Flüchtlingsrat Berlin zeichnet: »Das Asylrecht wurde erst kürzlich mit der Einstufung von drei Balkanstaaten zu sicheren Herkunftsstaaten in einer unerträglichen Weise beschränkt. Insgesamt ist mit all den Einschränkungen für Flüchtlinge hier wie zum Beispiel durch die Wohnsituation, die oft keinerlei Privatsphäre zulässt oder auch durch die Residenzpflicht, ein selbstbestimmtes Leben nicht möglich. Asylpolitik sollte die Menschen aber schützen und nicht abwehren!« Bis jetzt herrsche aber vor allem eine Politik vor, die so zynisch ist, wie sie klingt: Man setze ganz bewusst auf »Anreizverminderung«.

Dabei könnten schlussendlich vor allem auch die Vereine von den Flüchtlingen profitieren: Da kämen ja nicht einfach Menschen, die nur etwas wollen, nämlich spielen, und damit auch noch um knappe Trainingszeiten und –plätze konkurrieren, so Barbara Messow von Hansa 07: »Da sind Menschen mit ganz viel Potenzial, die sich auch einbringen können: als Trainer, als Ehrenamtliche.« Gerade im Amateurfußball sind die Klagen über fehlende ehrenamtliche Helfer, Betreuer und so ausdauernd und monoton wie mancher Dauergesang von Ultragruppen in Fußballstadien. Auf der anderen Seite leben immer mehr Flüchtlinge hier, die sich integrieren möchten und vor allem eines, wenn auch erzwungenermaßen, fast im Überfluss haben: Zeit. Die sich viel besser mit Sport füllen lässt als mit anreizverminderter Langeweile und bürokratischen Hürdenläufen.

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