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Konsequent bis zum Schluss

Udo Reiter gestorben

Es gibt Wahrheiten im Leben, die sich uns erst erschließen, wenn selbiges dem Ende zugeht. Erst recht dann, wenn wir die verbleibende Zeitspanne bis zum Lebensschluss exakt benennen können, weil wir selbst Herr über dieses Ereignis sind. Udo Reiter, der am Freitag erschossen auf der Terrasse seines Hauses aufgefunden wurde, hatte noch Anfang des Monats in der ZDF-Sendung »Mybritt Illner« erklärt, er wolle nicht als Pflegefall enden und auf fremde Hilfe angewiesen sein.

Die Debatten um den selbstbestimmten Tod sind in letzter Zeit von einer merkwürdigen Diskrepanz geprägt. Einerseits beherrscht ein Jugendkult die Medien, gilt der trainierte, sportliche Körper als Ideal. Selbst dort, wo früher das als minderwertig Empfundene mittels mildtätiger Pflege ausgegrenzt wurde, wird es heute in den Leistungswahn »inkludiert« - was früher Behindertensport hieß, wird heute mit der Vorsilbe »Para« seines Randdaseins enthoben. Der körperliche Verfall wird so zum unerwünschten Akt einer Natur, die sich nicht dem menschlichen Gestaltungswillen fügen will. Seit einem Verkehrsunfall 1966 nutzte Udo Reiter einen Rollstuhl zur Fortbewegung, in wenigen Jahren vielleicht schon, wenn es Wissenschaftlern gelungen ist, künstliche Gehilfen mit menschlichen Nervenbahnen zu verbinden, wird dieses Vehikel ein Relikt aus einer vergangenen Zeit sein.

Was sich dem Leistungsparadigma nicht fügen will, wird nicht ausgegrenzt, es grenzt sich selbst aus - bis zum finalen Akt. Bei Udo Reiter begann dieses Hinübergleiten in die Selbstbestimmung vor drei Jahren. Nach 20 Jahren trat er er auf eigenen Wunsch und - wie es damals hieß - aus gesundheitlichen Gründen vom Posten des Intendanten des Mitteldeutschen Rundfunks (MDR) zurück. Die gesundheitlichen Gründe galten vielen damals als vorgeschoben. Amtsmüde soll er gewesen sein. Anlass dazu hatte er: Wochenlang machte ihm der Betrugsskandal beim Kinderkanals Ki.Ka, einem Gemeinschaftssender von ARD und ZDF unter Federführung des MDR, zu schaffen. Ein Mitarbeiter des Ki.Ka soll den Sender um mehrere Millionen Euro geprellt haben. Reiter hatte daraufhin die Feierlichkeiten zum 20-jährigen Bestehen des MDR abgesagt.

Die Enttäuschung muss bei Reiter damals groß gewesen sein. Reiter hatte den Sender 1991 aus der Taufe gehoben und mit einer Mischung aus volkstümlicher Musik, Ratgeber-TV und seichter Fernsehserienkost zum quotenstärksten ARD-Kanal gemacht. Manche leiteten aus der Tatsache, dass der 1944 in Lindau am Bodensee Geborene aus seiner konservativen Haltung nie ein Hehl machte und seine journalistische Karriere beim Bayerischen Rundfunk begann, ab, dass Reiter Statthalter der CSU im Osten sein müsse. Mitglied dieser Partei war er aber nie, und das aus einem guten Grund: Er habe seine Überzeugungen, wolle sich aber nicht von irgendjemandem in die Pflicht nehmen lassen.

In seiner Selbstbestimmtheit war Reiter konsequent - bis zum Schluss.

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