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Du hast ja tolle Schuhe

Kriminelle Werkstattbesitzer, die ihren Angestellten Shakespeare vorspielen: Im Wiesbadener Tatort »Im Schmerz geboren« traut man seinen Augen nicht. Was das Fernsehen alles kann.

Ein »Tatort« aus der Muckibude! Kann kaum gehen vor lauter Ambition und macht beim Posen keine schlechte Figur. Für die allergrößte Größe ist »Im Schmerz geboren« vielleicht einen Tick zu kalkuliert. Als schwungvolle Erzählung, die an die Randspalten der eigenen Erzählung führt, als selbstreferentielles Spiel mit dem Format (ist das nicht Münchens Leitmayr, der für die Zigarette am Bahnhof Werbung macht?) und der Filmgeschichte, taugt der Film aber sehr wohl. Es kommt selten vor, dass Sonntagabendkrimis sich als Gelände für die analytischen Trainingseinheiten »junger Himmelsstürmer« (Dirk Thiele) in der Medienwissenschaft empfehlen. Das wäre einer (HR-Redaktion: Liane Jessen, Jörg Himstedt).

Wobei die Wiesbadener Folge Bedeutung nicht nur heranzitiert wie beim großen Bahnhof aus dem Italowestern (lichtscheues Gesindel wartet auf die Ankunft eines Kollegen), um sich auf die Schulter klopfen zu lassen, dass sie erfolgreich einen Film von Sergio Leone gesehen hat. »Im Schmerz geboren« schafft es, mit den Mätzchen, die sich die Folge erlaubt, ins Spiel zu kommen. (Selbst wenn der Gag, Polizistenfiguren mit deutschen Regisseursnamen aufzurufen – Hochhäusler, Petzold, Arslan, Brüggemann – etwas albern ist, peinlich wirkt er nicht.)

Gut zu sehen zu Beginn: Die Kamera (Philipp Sichler) zoomt in ein Gemälde hinein, das im Museum hängt (und eigentlich ein gemaltes Filmstill ist), um dort nach einem Schuss auf den Schauspieler Alexander Held zu treffen, der einen Prolog auf das folgende Theater hält (»Schickt eure Kinder rasch zu Bette«). Beim letzten Mal als Murot (Ulrich Tukur), der immer auch ein wenig bemüht wirkende große Differente der »Tatort«-Liga, im Zirkusmilieu ermittelte, ging es ähnlich los: Da wurde vom ikonischen »Tatort«-Vorspann umgeschnitten auf ein Fernsehbild in einem Hotelzimmer, in dem dieser »Tatort«-Vorspann gerade zu Ende ging – ohne, dass aus dem binnendiegetischen Move, wie die jungen Himmelsstürmer der Medienwissenschaft sagen würden, etwas folgte für den Film.

Das ist bei »Im Schmerz geboren« anders. Held, der Werkstattbesitzer und Shakespeare-Aficionado (er hat in seiner »Garage« eine Bühne, auf der den Angestellten »Der Kaufmann von Venedig« und andere Stücke dargebracht werden; seine Söhne heißen nach »Hamlet«-Figuren), überlebt als Erzähler und Kunstvermittler. Das Zoomen hinein, Helds Blick in die Kamera, die Ansprache ans Publikum – die Tricks begnügen sich nicht mit dem Effekt, den sie machen, sie tragen vielmehr zu dem bei, wovon dieser »Tatort« handelt: von der Befriedung der Schmerzen durch die Kunst, der Verwandlung von Gewalt und Leid in unterhaltsame Erzählung.

52 Tote verzeichnet »Im Schmerz geboren« (haben wir zumindest gezählt, in der Literatur ist häufiger von 47 die Rede), eine Rekordzahl, die in den Zeiten der »Tatort«-Hochachtung ebenso bedeutsam ist wie die 206 Ballkontakte von Xabi Alonso im Spiel Bayern gegen Köln. Aber anders als in anderen »Tatort«-Folgen, etwa dem bisherigen Leichenrekordhalter (19) »Kopfgeld«, ist die Zahl nicht Ausdruck besonders krimineller Kriminalität oder der Härte, die Til Schweiger verordnen zu müssen glaubt. Mit dem Überschuss an Toten (die nach dem größten Massaker fein säuberlich bilanziert werden) zündet die Kunst ihr Feuerwerk – die scheinbar brutalen Szenen frieren immer wieder in gemalten Stills ein und das HR-Sinfonieorchester (sic) hält als musikalische Bazooka Beethoven, Bach und Delerue dagegen (ein tolle Auflistung des gesamten Soundtracks findet sich bei tvspielfilm.de).

Bei den Darstellern kommt es zum Aufeinandertreffen der beiden Großulrichs des deutschen Schauspiels: Matthes (Superbösewicht Harloff) und Tukur (Murot) als einstige Freunde auf der Polizeischule, die wie, das ist die öligste aller Referenzen, »Jules und Jim« die gleiche Frau geliebt haben. Sie starb bei der Geburt des Sohnes (Golo Euler), was schließlich als erster Mord ausgelegt wird, als Urschuld, die Matthes' Harloff nie vergeben hat: Dass er das Kind großzieht, nur damit es eines Tages in dem großangelegten Bohei dieses Films seinen biologischen Vater tötet (nämlich Tukurs Murot), ist eine hübsche Pointe auf alttestamentarische Sturheit. Man kann an »Im Schmerz geboren« vermutlich endlos Erbe-Umwelt-Oppositionen diskutieren.

Groß ist der Film von Michael Proehl (Drehbuch) und Florian Schwarz (Regie), die bereits den epochalen Umverteilungs-»Tatort« mit Matthias Schweighöfer verantworteten, nicht nur in seinem originellen Epigonentum. »Im Schmerz geboren« gelingt es, die konservativ-eitle Geschmackshuberei von Ulrich Tukur herunterzufahren auf ein erträgliches Maß (Frauen haben bei solchen Männersachen freilich immer noch kaum mehr zu tun, als Objekte von Bewunderung zu sein). Eine der schönsten Szenen ist der Vortrag vor dem »Team«, den Murot hasst und bei der eher, ohne äußeren Anlass und größeren Grund, seine Stimme verliert, wie Ulrich »Dämmen« Wickert in seinen besten »Tagesthemen«-Momenten. Und dem nassforschen Kollegen, der zu viel Fernsehen gesehen hat und deshalb die Beine auf den Tisch legt, die Leviten liest (»Nehmen Sie die Füße vom Tisch, Schneider, Sie sind hier nicht zu Hause«).

Vor allem aber wird Tukurs penetrante Kunstsinnigkeit (wo ein Flügel steht, muss sich an ihn gesetzt werden), als »Stendhal-Syndrom« verallgemeinert. Das meint die eigentümlich-existenziellen Stimmungen, in die ein Kunstwerk versetzen kann und ist damit bester Kommentar auf sowie Zusammenfassung von – dieser »Tatort«-Folge.

Handlungsanweisungen, nach denen man in Unrechtsstaaten lange suchen kann:
»Jeder macht sich mit seiner Akte vertraut.«

Eine Erfolgsgeschichte, die auf das nächste Nido-Neon-Cover sollte:
»Mein Vater hat immer darauf geachtet, dass ich nie ohne Grund töte.«

Ein Satz, mit dem man auf Stehpartys reüssieren kann:
»Manchmal stell' ich mir mein Leben als Gemälde vo.r«

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