Diese Website verwendet Cookies. Wir können damit die Seitennutzung auswerten, um nutzungsbasiert redaktionelle Inhalte und Werbung anzuzeigen. Mit der Nutzung der Seite stimmen Sie der Verwendung von Cookies zu. Unsere Datenschutzhinweise.
Werbung

Frau Margot und ihre Urne

Am Renaissance-Theater: »Ich bin wie ihr, ich liebe Äpfel« von Theresia Walser

  • Von Hans-Dieter Schütt
  • Lesedauer: 5 Min.

Frau Margot ist keine Frau. Frau Margot ist, so sagt sie selber, eine Idee. Und aus der Politik ist sie nie hinausgegangen. Und die Uhr hat sie nie umgestellt. Und die Bedeutung eines Lebens wächst mit der Zahl seiner Feinde. Nimmt man allein diese Logik ernst, ist Frau Margot eine sehr bedeutende Frau, Pardon: Idee. Die Idee, für die Frau Margot steht, hatte viele Feinde: Millionen Menschen sahen rot.

Frau Margot Honecker trifft sich mit Imelda Marcos, der Witwe des philippinischen Diktators, und Frau Leila, die Züge mehrerer arabischer Herrschergattinnen trägt. Eine Pressekonferenz sollen die drei grausigen Grazien geben, denn die Verfilmung ihres Leben steht bevor. Dolmetscher Gottfried sorgt für Verständigung zwischen den Willkür-Walküren und Macht-Matronen - ein hoffnungsloses Unterfangen. Theresia Walser schrieb »Ich bin wie ihr, ich liebe Äpfel«, der Titel zitiert eine Verszeile des »Dichters« Gaddafi: ein Stückchen zwischen Komödchen und Kabarettchen, durchspickt von Witz, amüsanter Aphoristik und gesunder Abscheu vor der Großmannssucht im Frauenkostüm. Am Renaissance-Theater inszenierte Tina Engel (Bühne: Momme Röhrbein).

Frau Margot wird von Corinna Kirchhoff gespielt, und es ist, als wirke und würge in ihrer grau-starren Maske ein ganzkörperlicher Ehrgeiz, Beton zu sein, der aber als Marmor durchgehen möge. Kirchhoff durchsetzt ihre lächerliche Honecker-Witwe mit einem gefährlichen geistigen Giftsinn, der im Gegensatz zur rein törichten Komik der beiden anderen Triumph-Truden einen noch immer akuten Ideologie-Idiotismus ausstrahlt. Gereckte Faust, malmbereiter Unterkiefer, im stieren Blick nichts als die Zukunft, und gepresste Lippen wie Guillotinen, die jedes Wort zerhacken, das nicht Phrase werden will. Die Kirchhoff stellt den getragenen Edelschwung, den unnachahmlichen Manierismus ihrer elegischen Eleganz aus einer großen Peter-Stein- und Andrea-Breth-Laufbahn in den Dienst einer Karikatur. Über den Film, der auch ihr Leben erfassen soll, zischt Frau Margot nur verächtlich und erhaben: Sie sei nicht darstellbar. Klingt wie ein Verbot, und prompt kommt aus der Runde die Frage: So, wie es verboten ist, Gott darzustellen? Ach, Frau Margot schwelgt in Zeiten, die ihr niemand nehmen und die keiner wahrhaft begreifen kann: In der Nacht von Stalins 70. Geburtstag habe sie das erste Mal mit Erich geschlafen. Dolmetscher Gottfried übersetzt treulich: Bei Erichs erstem Geburtstag habe sie erstmals mit Stalin geschlafen.

Frau Margot nennt das Volk (der DDR) »unterwerfungssüchtig und empörungsgeil«, nach Freiheit hätte es geschrien, als forderten die Fische Freiheit vom Wasser. Nun sitzt das dämliche Volk auf dem Trockenen, japst im Westen nach Luft - und Corinna Kirchhoff schraubt ihre Honecker-Heroine in die grotesken Höhen einer agilen Lemure, die fest davon überzeugt ist, dass ihr Mann eines Tages wieder gebraucht werde. Weswegen sie schon mal die Urne mitgebracht hat, leider versagt der Deckel der Büchse - Imelda schüttelt sich wütig die Asche dieses »Staatstrottels« von den Klamotten, und »ein Staubsauger für Erich!« lautet die Losung der Stunde. Gottfried verfällt überfordert in die Texte seiner jüngsten Aufgabe, als er eine Fischereikonferenz dolmetschte und seitdem offenbar heimgesucht wird von Albträumen, in denen unerträgliche tierische Krankheitsbilder durchs Gemüt geistern. Er hat längst schon den Überblick verloren, wird in den Kühlschrank gesperrt, auf dem Frau Margot thronend hockt, als habe sie argusäugig einen Wachturm im Todesstreifen besetzt.

Frau Margot, in Kirchhoffs Gestaltung: eine lederne Lady des immerwährenden letzten Gefechts - von Frau Leila wird sie in deren modeldummer Verkennung immer wieder für jene Tote aus Rumänien gehalten, wo Erschießung ja zum Damenprogramm gehörte. Diese Frau Leila, die stets, wenn sie eigene Gedichte vortragen möchte, auf ihrem Stuhl die schwarzstrümpfigen Beine spreizt, ist bei Judith Rosmair eine scheich-reiche Schönheitsschrulle, die dann, wenn Frau Imelda von ihrer großen Jugendrolle Nora schwärmt, expertendumm einwirft, klar kenne sie Ibsen, denn sie habe »französische Literatür« studiert. So reiht sich Pointe an versuchte Pointe; anderthalb Stunden Boulevard, der mal unterhaltsamer Ping-Pong-Platz, mal Durststrecke ist. Mal Schlag auf Schlag, mal Schlagloch. Am komischsten wirkt der Abend, wenn Imogen Kogge als Imelda in kolossal prunkender Präsenz ihre schwarze Dutt-Hochburg reckt und vom schönen Privileg tönt, einem Attentat zum Opfer zu fallen, aber doch bitte nicht kulturlosen Mördern mit rostigem Messer. Frau Imelda parliert mit einer beherzten Lust an Lacharien. Pure Koloratur - überhaupt könne ihr Leben nur gesungen, ehrenwert nur als Oper erfasst werden.

Frau Margot versteinert einmal mehr, wenn Frau Imelda von Honeckers Besuch auf den Philippinen erzählt. Beim Empfang, den die DDR-Delegation gab, hingen deren mitgebrachte schwarze tropfende Würste aufgereiht über den Tischen. Imelda muss ihren Mann »Ferdi«, den Vegetarier, aufklären: Aus jedem, der dem Land über die Mauer zu entfliehen versuche, werde so ein Würstchen gefertigt. Lachanfall der Spitzenklasse. Würstchen? Als solches outet sich jetzt Dolmetscher Gottfried: ein Junge aus Jena; immer fehlte was, um im Honecker-Staat glücklich zu sein: nicht die richtigen Eltern gehabt, nicht die richtigen Worte gefunden, nicht über die richtigen Beziehungen verfügt; immer dieses Warten: bis die Fahne beim Pionierappell oben war, bis sie wieder unten war - der Appell als Metapher für das Schnürende und Züchtigende des Systems. Boris Aljinovic gibt seinem Dolmetscher eine unaufgeregte Zurückhaltung, er bewegt sich überlegt wieselnd in brüchiger Souveränität (»Wahrheit kann man nicht übersetzen«), und noch in wütend-flatternder Aufgebrachtheit wider die Honecker verliert sich das plötzlich Schutzlose und Anklagende dieses Gottfried nicht in den Verlockungen des unpassend Beladenen, Tragödenklobigen.

Jim Rakete drehte das Video, mit dem der Abend begonnen hatte: Ankunft der Diven, in Luxuskarosse, vor dem Renaissancetheater. Dann neunzig Minuten Lustspiel, die satirische Gaukelei eines sehenswerten kleinen Ensembles über bittere Gegebenheiten: Es sind immer die schmutzigsten Hände, die sich schützend über das reine Gewissen der Welt legen wollen. Und jede Idee fühlt sich verfolgt - in den Atempausen ihrer eigentlichen Praxis: andere zu verfolgen.

Nächste Vorstellungen: 31. Oktober, 2. bis 4. November.

Dieser Artikel ist wichtig! Sichere diesen Journalismus!

Besondere Zeiten erfordern besondere Maßnahmen: Auf Grund der Coronakrise und dem damit weitgehend lahmgelegten öffentlichen Leben haben wir uns entschieden, zeitlich begrenzt die gesamten Inhalte unserer Internetpräsenz für alle Menschen kostenlos zugänglich zu machen. Dennoch benötigen wir finanzielle Mittel, um weiter für sie berichten zu können.

Helfen Sie mit, unseren Journalismus auch in Zukunft möglich zu machen! Jetzt mit wenigen Klicks unterstützen!

Unterstützen über:
  • PayPal
  • Sofortüberweisung

Solidarisches Berlin und Brandenburg

Corona ist nicht nur eine Gesundheitskrise. Es ist auch eine Krise des Sozialen. Wir beobachten alle sozialen und sozioökonomischen Entwicklung in der Hauptstadtregion, die sich aus der Verbreitung des Coronavirus ergeben.

Zu allen Artikeln