Nicht Shakespeare, nur Schwan

Bernd Zeller über Helmut Kohls Erinnerungen und ihre umstrittene publizistische Verbreitung

Unser heutiger Bericht steht unter dem Eindruck der Kohl-Protokolle, der Apokryphen einer von einem Journalisten als Ghostwriter verfassten Memoiren des ehemaligen Bundeskanzlers Dr. Kohl, der durch einen Rechtsstreit die Veröffentlichung so lange hinausgezögert hat, bis der Literaturnobelpreis an einen anderen Literaten ging und er das Geld nicht mit dem Verräter zu teilen brauchte.

Kohl ist auch noch ehemaliger Ehrenvorsitzender der CDU; aktuell kann man ihn wohl als den großen alten Mann der CDU bezeichnen. Dagegen dürfte kaum jemand etwas einzuwenden haben. Unter Ex-Politikern gilt derjenige als der Größte, der die meisten Verräter zu beklagen hat, wobei nicht das Beklagen, sondern die Anzahl der verratenden Personen und Netzwerke gilt.

Sogar jetzt ist Kohl verraten worden, nämlich von dem Journalisten Heribert Schwan, der hemmungslos Vertraulichkeiten preisgibt. Hierbei ist besonders interessant, dass Schwans Indiskretion von anderen Journalisten überwiegend auch als Vertrauensbruch angesehen und sogar bezeichnet wird. Man könnte ja denken, die Journalisten halten zusammen, wenigstens gegen Kohl, und gönnen einem Kollegen einen Bestseller von Herzen. Doch die Emotion wird ganz professionell zurückgestellt hinter staatspolitische Erwägungen.

Journalisten sehen sich nämlich als Teil des Machtapparates. Zwar ganz unten stehend, aber das ist immer noch besser, als draußen zu sein. Und als solcher sind sie auf das Vertrauen angewiesen. Nicht so sehr auf das der Leser, die wenden sich sowieso immer stärker ab. Sondern das Vertrauen derjenigen, als deren Vertraute sie gelten müssen, um an heiße Informationen heranzukommen aus dem inneren Kreis der wirklich Wichtigen, am besten der bald wichtig Werdenden. Die Zeitung »Bild am Sonntag« wirbt folglich in der Kinoreklame damit, dass bei ihr die einen den Draht ins Kanzleramt haben und die anderen in den Fußballklub, wie eben in einer großen Familie. Nicht für alle wird die Großfamilie ein erstrebenswerter Zustand sein, gerade dann lässt man sich lieber als Außenstehender mit Informationen versorgen, und es leuchtet ein, dass in einer funktionierenden Gesellschaft das Kanzleramt eine Verbindung in den Fußballklub braucht und dazu auf die Verbindungen von »Bild am Sonntag« zugreifen können muss.

In unserer freiheitlich verfassten Demokratie darf die Hofberichterstattung auch mal vernichtend sein, aber gerade dann hat sie zuverlässige Informanten nötig. Das sind die, die als Nächste den Hof dominieren oder in deren Abhängigkeiten stehen. Hier hat Schwan dem Journalismus keinen guten Dienst erwiesen. Zum einen sind die Politiker womöglich vorsichtiger geworden, wenn damit zu rechnen ist, dass nun auch Medienleute Informationen ausplaudern; zum anderen wächst das Misstrauen innerhalb der politischen Klasse, wenn bekannt ist, was alle ahnten: dass doch alle potenzielle Verräter sind.

Daher wird Schwan auch nicht als deutscher Snowden angesehen und schon gar nicht für den Friedensnobelpreis gehandelt. Seine Enthüllungen betreffen zu sehr die Leute, die wir, direkt oder indirekt, selbst gewählt haben. Der Friedensnobelpreis ging an eine junge Frau, die sich für das Recht auf Schulbildung einsetzt und dafür Opfer eines Anschlags wurde. Die Taliban haben eben nicht die Möglichkeiten wie wir in unserem reichen Westen; bei uns wird Schulbildung nicht einfach verboten, sondern unter Beibehaltung der Schulpflicht durch immerwährende Schulreformen und Anpassung des Lernstoffs elegant beseitigt. Das muss man sich aber erst mal leisten können. Dieses System wird vermutlich vorerst niemanden mehr hervorbringen, der sich über Jahrzehnte behauptet, umgeben von Verrätern.

Die dramaturgischen Möglichkeiten des Stoffes hat Kohl aber weder mit Memoiren noch mit den Enthüllungen ausgeschöpft. Er hätte keinen Heribert Schwan benötigt, sondern einen Shakespeare.

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