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Der Mann, der den Premierminister einen Idioten nannte

Ein von japanischen Museen zensiertes Kunstwerk des Bildhauers Katsuhisa Nakagaki ist jetzt in Berlin zu sehen

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Katsuhisa Nakagaki sagt, dass alles mit dem Kind begann, das Mundharmonika spielte. Dass er den japanischen Premierminister einen Idioten nannte, dass er die wichtigste Regel des wichtigsten japanischen Museums verletzte, dass ihn nun in Japan niemand mehr ausstellt, wenige Journalisten mit ihm sprechen - all das begann nicht mit dem Kunstwerk, das sie nun verboten haben, sondern mit dem Kind, das Mundharmonika spielte. Das Objekt der Zensur ist ab diesem Donnerstag erstmals vollständig in der Berliner Galerie Murata & Friends zu sehen.

Ob er etwas bereue? Nicht im geringsten, sagt Nakagaki, 70 Jahre alt, und grinst. Er sitzt in einer sehr kleinen Berliner Galerie, trägt stilvolle Lederschuhe sowie ein gut sitzendes Herrenhemd und schlürft an seinem grünen Tee. Journalisten sind selten geworden in seinem Leben. Aber er hat den Umgang mit ihnen nicht verlernt. Wer plump fragt, bekommt eine ebensolche Antwort. Überhaupt erzählt er lieber, was ihn gerade beschäftigt. Und wenn ihn das Gespräch intellektuell unterfordert, zeichnet er sein Gegenüber mit Kohle auf den Skizzenblock, der immer auf seinem Schoß ruht.

Noch zu Beginn dieses Jahres war er in Japan der große Bildhauer Katsuhisa Nakagaki, berühmt und bewundert für seine musizierenden Figuren aus Bronze. Preisträger aller wichtigen Bildhauerpreise des Landes und einer Ehrung des Premierministers für seine Verdienste um die Kunst, Vorsitzender des ehrwürdigen Vereins zeitgenössischer japanischer Bildhauer und Namensgeber des Katsuhisa Nakagaki Museums der Stadt Hida in der Präfektur Gifu. Seiner Heimatstadt.

Er war erfolgreich, geliebt und vielleicht wurde ihm auch etwas langweilig auf seine späten Tage. Eines Tages jedenfalls musste Nakagaki an die Nachkriegszeit in Japan denken. Er dachte an die Verwüstungen an der Heimatfront und die hungernden Kinder. Die Kinder dieser Generation, erinnerte sich Katsuhisa Nakagaki, hatten nur ein einziges Instrument zum Spielen gehabt. Und so goss Katsuhisa Nakagaki das »Kind mit Mundharmonika« in Bronze.

Er bekam Zuspruch und Lob, ganz wie er es gewohnt war, die rührende Reminiszenz an die Nachkriegszeit wurde landauf, landab verstanden. Nur Nakagaki selbst war nicht glücklich. Plötzlich kam ihm auch sein Vater in den Sinn. Masao Nakagaki hatte seinerzeit bei der japanischen Geheimpolizei koreanische Bergarbeiter bespitzelt und war nach dem Krieg als Kriegsverbrecher der Klasse C verurteilt worden. Nakagaki fühlte sich unbehaglich. War nicht eine Spur des Geruchs der Zeit seines Vaters auch im heutigen Japan zu spüren?

Er, der durch die klassische Kunstausbildung geschult war im Gesichterlesen, erkannte etwas in den Antlitzen der Politiker an der Spitze seines Landes. Dann kam der Dezember des Jahres 2013. Katsuhisa Nakagaki beobachtete, wie der japanische Premierminister Abe bei einem Besuch in Tokio auch den Yasukuni-Schrein besucht, eine Gedenkstätte für die Opfer des Zweiten Weltkriegs, die auch japanische Kriegsverbrecher ehrt. Die Weltöffentlichkeit war fast ausnahmslos entsetzt. Und in Katsuhisa Nakagaki weichte das Unbehagen einem Entschluss. Japan sei krank und er müsse sich an die Heilung machen.

War er nicht schon immer der Meinung gewesen, dass Kunst politisch sein muss? Hatte Picasso mit seiner Guernica nicht vorgemacht, wie man den Faschisten die Stirn bieten muss? Es blieb nicht viel Zeit bis zur alljährlichen Ausstellung des Vereins zeitgenössischer Bildhauer Japans. Katsuhisa Nakagaki machte sich also an die Arbeit und pünktlich zur Ausstellungseröffnung im Februar stand das Werk »Porträt unserer Epoche - vom Aussterben bedrohte Art. Idiot Japonica. Runder Tumulus« im »Museum für moderne Kunst« in Tokio.

Als die stellvertretende Museumsdirektorin Akiko Komuro die Installation sieht, schwant ihr nichts Gutes. Es ist eine Halbkugel aus Papier und Stroh, einem alten japanischen Hügelgrab nachempfunden. Oben drauf liegt eine japanische Flagge, darin eine amerikanische. Das ist Imperialismuskritik. Auf Zeitungsartikeln und handschriftlichen Zetteln, die den Tumulus bedecken, sind Wortfetzen zu lesen: über die Dummheit des Besuchs des Yasuni Schreins, gegen das neue Sondergeheimhaltungsgesetz von Premierminister Abe und den Rechtsruck der japanischen Politik.

Ob er bitte die Beleidigungen des Premierministers von seinem Werk entfernen könne, fragt Akiko Komuro schon am Morgen des zweiten Ausstellungstages Nakagaki. Man dürfe doch auf Anweisung der Regierung keinen politischen Botschaften als Plattform dienen. Das könne sie gern selbst machen, sagt Nakagaki und hält der verblüfften Museumsdirektorin theatralisch einen Stift hin. Man einigt sich darauf, einen der handschriftlichen Hinweise abzunehmen, damit die Ausstellung nicht komplett abgebaut werden muss. Aber Katsuhisa Nakagaki hat sich in seiner neuen Rolle als Rebell längst gefunden.

Seine kleine, winzige und nicht besonders großartige Kunst habe dem Establishment Angst eingejagt, sagt er und nippt zufrieden an seinem grünen Tee. Die letzten Monate waren nicht einfach für ihn. Er bekam Drohungen von Rechtsextremisten, die Polizei bewachte monatelang sein Atelier und seine Wohnung, die Kunstwelt verachtete ihn. Sogar den Vorsitz des Verbandes zeitgenössischer japanischer Bildhauer verlor er. Eines Tages spazierte der Berliner Galerist Manabi Murata in sein Atelier. Er habe über einen Freund von ihm erfahren und würde ihn gern nach Berlin einladen. Die Galerie Murata & Friends ist auf moderne japanische Kunst spezialisiert. Seit der Katastrophe von Fukushima hatten die Ausstellungen aber pausiert. Wie sollte man Kunst ausstellen, nach so einem Unglück? »Nakagaki ist unser Anlass, weiterzumachen«, betont Murata. Und Nakagaki? Hat er sich denn wirklich niemals gewünscht, er hätte es bei den Bronzeskulpturen belassen? Warten Sie es ab, sagt Nakagaki. Er könne noch viel provokanter sein.

Galerie Muruta & Friends, Rosenthaler Straße 39, 10178 Berlin, 23.10.14 bis 31.1.15; www.murataandfriends.de

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