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Die wilden Tage von Bochum

Vor zehn Jahren streikte die Opel-Belegschaft in Bochum auf eigene Faust. Arbeitskämpfe wie diese sind bis heute eine wertvolle Seltenheit

Ihren eigenen Arbeitsplatz haben die Bochumer Opel-Arbeiter nicht retten können. Ihr wilder Streik vor zehn Jahren hat jedoch die Debatte um Streik als Mittel der Erneuerung der Gewerkschaften belebt.

Sechs Tage lang hielten 9000 Opelaner nicht nur den Mutterkonzern General Motors (GM), sondern auch die deutsche Öffentlichkeit in Atem. Am 14. Oktober 2004 ging eine Nachricht durch die Presse, wie sie in der jüngeren Geschichte der Bundesrepublik selten zu lesen ist: 3000 Arbeiter der Spätschicht des Bochumer Opel-Werkes waren spontan in den Ausstand getreten, um ihre Arbeitsplätze zu verteidigen. Sie taten dies selbstständig auf Initiative mehrerer Vertrauensleute im Betrieb, jedoch ohne einen Streikaufruf der Gewerkschaft. IG Metall und Betriebsrat wurden von den Ereignissen überrumpelt.

Aufgrund der im deutschen Streikrecht vorgesehenen Friedenspflicht agierten die Opelaner an der Grenze zur Illegalität. Das konnten sie jedoch nicht schrecken. Von einem Tag auf den anderen ging es für sie um alles. Über das Vorhaben von GM, mehrere tausend Stellen in Bochum abzubauen, hatte die Belegschaft aus den Nachrichten erfahren und daraufhin entschieden, sofort die Arbeit ruhen zu lassen. Die folgenden Schichten schlossen sich an. Nach wenigen Tagen hatte der Streik seine Wirkung erzielt. Nicht nur in Bochum, sondern auch in anderen europäischen Werken von GM kam die Produktion zum Erliegen, weil für die Fertigung nötige Teile fehlten.

Von Beginn an hatten Teile von Betriebsrat und IG Metall auf ein Ende der Aktion hingewirkt und auf einen europaweiten Aktionstag von GM-Beschäftigten am 19. Oktober verwiesen. Das Streikende wurde schließlich nach sechs Tagen durch eine Urabstimmung herbeigeführt, die jedoch umstritten war. Befürworter einer Streikfortsetzung kritisierten den Stimmzettel als manipulativ, weil die Frage »Soll der Betriebsrat die Verhandlung mit der Geschäftsführung weiterführen und die Arbeit wieder aufgenommen werden?« nur mit Ja oder Nein beantwortet werden konnte.

Opel Bochum steht heute vor dem Aus. Schon im Jahr nach dem Streik unterschrieben knapp 3000 Arbeiter einen Abfindungsvertrag. Die letzten Verbliebenen werden bis Ende dieses Jahres gehen müssen. Dennoch wurde die Aktion von 2004 keineswegs mit einer Niederlage beendet. Als einer der wenigen öffentlich sichtbaren Arbeitskämpfe der Zeit hat sie den innergewerkschaftlichen Diskurs vom Streik als Mittel der Erneuerung belebt und zudem die gesellschaftliche Debatte über Ausweitungen des deutschen Streikrechts bereichert.

Denn während der damalige Wirtschaftsminister Wolfgang Clement 2004 vor der »Verallgemeinerung dieser Protestform« warnte, war den Opelanern ein Paukenschlag gelungen. Familien, Anwohner und kleine Unternehmen aus der Region unterstützten die Streikenden materiell und moralisch. Hunderte Journalisten und Fernsehteams belagerten in den Tagen des Oktober das Werk und brachten so die Geschichte des »wild« geführten Streiks in die Wohnzimmer der Bundesrepublik. So überraschend dieser ungewöhnliche Streik auch gewesen sein mag, so nachvollziehbar wird er, wenn der Zusammenhang, in dem er stattfand, berücksichtigt wird. In den Wochen zuvor hatten bereits die Proteste gegen die Einführung von Hartz IV die Öffentlichkeit beherrscht. Auch die Demonstrationen gegen Sozialabbau im November 2003 und April 2004 waren präsent, ebenso wie die Besetzung der B 10 durch Daimler-Beschäftigte bei Stuttgart im Juni 2004. Zum Tragen kam zudem die lange Tradition linksoppositioneller Betriebsarbeit bei Opel Bochum, die bis in die Zeit der wilden Streikwelle von 1973 zurückgeht.

Was bleibt? Angesichts der Ablehnung, die der Streik der Gewerkschaft Deutscher Lokführer (GDL) in diesen Tagen vor allem durch die Presse erfährt, scheinen die sechs Oktobertage von Bochum und die Solidarisierung, die sie ausgelöst haben, weit entrückt. Die öffentliche Diskussion über die Rolle, die Streiks in unserer Gesellschaft spielen dürfen, hat sich im vergangenen Jahrzehnt verändert, wenn auch nicht einseitig. Unter betrieblich und gewerkschaftlich Aktiven wird das Potenzial von Streiks als Mittel gemeinsamen Agierens verstärkt ausgelotet. Die Aktion der Bochumer markierte also nicht nur das Ende einer Ära, der des Werkes und der Gewerkschaftsopposition vor Ort. Sie geriet auch zum Wegweiser und Impulsgeber. In Anbetracht der Vorstöße der Bundesregierung in Richtung einer gesetzlichen Tarifeinheit steht die Frage der Ausweitung des Streikrechts jedoch derzeit nicht auf der Agenda. Streiks wie in Bochum werden bis auf weiteres eine wertvolle Seltenheit bleiben.

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