Reisen ist tödlich für Vorurteile

Mallorca macht sich feiner und auch etwas teurer.

  • Von Michael Müller
  • Lesedauer: 5 Min.
Die Wertschätzung der Insel sprach sich anfangs nur langsam herum, doch letztendlich kam sie dann geradezu eruptiv an. Mallorca ist seit den 50er Jahren des vorigen Jahrhunderts zu d e r Badeinsel in d e m Badewannenmeer dieser Welt geworden.

Diese Episode ist hier und da bereits kolportiert worden - aber wahrscheinlich nicht oft genug. Denn in ihr steckt durchaus ein Keim des Verstehens, warum gerade diese Urlaubsinsel für Mitteleuropäer so beliebt ist:

Im Winter 1838/39 reist die französische Schriftstellerin George Sand mit ihren beiden Kindern und ihrem Geliebten, Frédéric Chopin, nach Mallorca; das Eiland ist da von solchen Besuchen noch weitgehend unberührt. In ihrem Roman »Ein Winter auf Mallorca« schildert sie dann die tiefe Skepsis der Insulaner ob der Reisenden und wie sie mit ihnen manch Schabernack trieben. Und dennoch bleibt die Sand stellenweise überschwänglich: »Das ist der schönste Ort, den ich je bewohnt habe.«

Diese Wertschätzung sprach sich anfangs nur langsam herum, doch letztendlich kam sie dann geradezu eruptiv an. Mallorca ist seit den 50er Jahren des vorigen Jahrhunderts zu d e r Badeinsel in d e m Badewannenmeer dieser Welt geworden. An den Stränden zwar ziemlich voll, aber preiswert und effizient für den Durchschnittsgeschmack und -geldbeutel. Deshalb, zumindest was eine bestimmte deutsche Sichtweise angeht, oft genug vom Boulevard behämt. Doch Leute, die öfter dort waren - selbst zu reisen und zu erleben, ist bekanntlich tödlich für Vorurteile - haben indes immer wieder bestätigt gefunden: Sechs Ballermann-Strandkilometer bei 1000 Strandkilometern insgesamt sind für Mallorca eigentlich noch weniger typisch, als es das Oktoberfest für München oder die Reeperbahn für Hamburg sind.

Genau genommen ist dieses Fleckchen Erde vor der spanischen Mittelmeerküste - mehr als drei Mal so groß wie Rügen oder knapp ein Drittel der Fläche Berlins einnehmend - eine Insel der Ruhe. Zumindest dann, wenn man die Infrastruktur der Strandzonen irgendwo auch nur ein, zwei Kilometer landeinwärts verlassen hat: Man kommt dort in eine teilweise atemberaubende Landschaft. Über ein Drittel der Insel ist Landschaftsschutzgebiet. Auch das Tramuntana-Gebirge (Puig Major, 1445 m hoch) im Westen, das Wanderern ein Naturspektakel und Bikern Routen aller Härtegrade bietet.

Apropos Fahrrad: Kaum ein Fleckchen rund ums und im Mittelmeer ist inzwischen so für Zweiräder erschlossen wie diese Hauptinsel der Balearen. Der Autor hat es gerade wieder einmal im wahrsten Wortsinn erfahren können. Derzeit noch blühende Herbstgoldbecher und Weiße Meereszwiebeln, Baumschulen und Olivenhaine, weite Hänge voller Orangenbäume und Weinstöcke, die schwarzen mallorquinischen Schweine in dörflichen Gattern. Einsame Fincas aller Größen, teilweise auch arg ramponiert und verlassen. Aber ebenso noch viel einsamere Anwesen, wie etwa das, das Michael Douglas gerade für 30 Millionen Euro zum Verkauf stellt. Und dann eben immer wieder geschichtsträchtige Bauten wie die gotische Kathedrale von Palma (Grundstein 1230). Übrigens in Sichtweite der Stelle, wo Jakob I. »der Eroberer«, König von Aragon und Graf von Katalonien, im Herbst 1229 mit der Flotte landete, deren Mannen die Insel von den Mauren eroberten.

Allein in diesem September schwebten auf dem Flughafen von Palma drei Millionen Urlauber ein. Ende des Jahres dürften es insgesamt wieder mehr als 20 Millionen sein. Über ein Fünftel davon kommt aus Deutschland: Platz 1! Auf diese Sympathiewelle wollte sich vor Jahren der MdB-Dauerhinterbänkler Dionys Jobst (CSU) sogar mit dem Vorschlag schwingen, Deutschland solle Spanien die Insel für 50 Milliarden abkaufen. Mitte der 90er Jahre erntete er dafür eher Spott. Denn längst hatte sich bei vielen Deutschen ohnehin der Eindruck verfestigt: Malle gehört uns sowie schon.

Ob das indes auch künftig so sein wird, bleibt abzuwarten? Die Inselregierung schlägt nämlich mit ihrem »Programm 2020« schon eine ganze Weile einen Kurs zum höherpreisigen Tourismus ein. Das zu beobachtende Neubau- wie Rekonstruktionsgeschehen der Hotellerie signalisiert deutlich, dass sich das auch die Investoren zu eigen gemacht haben. Ein sehr anschauliches Beispiel für den Trend ist das Amàrac-Hotel in Cala Millor an der Ostküste. Der Reiseveranstalter alltours hat das ehemalige 2-Sterne-Haus (Hotel Goya) übernommen und vollständig auf 4,5-Sterne-Niveau zum Designhotel umgestaltet. Alltours-Chef Willi Verhuven nennt das zurückhaltend »Differenzierung des Angebots«.

Angst vor fehlenden Gästen im höheren Preissegment braucht man auf der Insel indes nicht zu haben. Was aus Deutschland möglicherweise wegbleibt, dürfte vor allem aus Russland mehr als ersetzt werden. Zwar kommen derzeit erst rund 250 000 Russen pro Jahr, doch im Durchschnitt geben sie pro Tag und Kopf mit fast 200 Euro fast doppelt so viel aus wie deutsche Touristen. Russisch hat auf Werbeschildern im Straßenbild und auf den meisten Speisekarten - bislang noch hinter Deutsch - inzwischen das Englische verdrängt. Seit zwei Jahren erscheint zweimal pro Woche die Zeitung »Vesti Mallorca«. Die Nachfrage nach russischem Sprachunterricht scheint enorm zu sein, nimmt man die Zahl inserierter Angebote in den Inselmedien als Maßstab.

Der allgemeine Trend heißt also: mehr Flair statt mehr Bettenburgen, mehr Bildungsreisen als »Bild«-Studium auf der Sonnenliege, mehr Aktivurlaub als nur am Strand hin- und herlaufen. Zudem geht der Gemeinderat von Palma mit einer neuerlichen »Verordnung für zivilisiertes Zusammenleben« noch rigider gegen Saufgelage am Ballermann-Strandabschnitt, gegen öffentliches Pinkeln und Spucken sowie ruhestörenden Lärm vor. In dieser Saison wurden bereits deftige, bis zu 500 Euro hohe Bußgelder kassiert.

Vizebürgermeister Álvaro Gijón sagt, dass es zwar generell um die Qualität an den sechs Kilometern Playa de Palma gehe, aber nicht darum, daraus eine Luxusmeile zu machen. Wer Party machen wolle, solle das jedoch besser in einer der zahlreichen Gaststätten und nicht mit einem Sangriaeimer am Strand tun. Heißt im Klartext aber auch: Mallorca dürfte etwas teurer werden. Für weniger Geld fahren Jugendliche aus Westeuropa bereits jetzt vermehrt nach Bulgarien oder Rumänien ans Schwarze Meer.

Infos

Spanisches Fremdenverkehrsamt, Lietzenburger Straße 99, 
10707 Berlin,

www.infomallorca.net

alltours flugreisen, 
Dreischeibenhaus 1,
40211 Düsseldorf,
www.alltours.de

Radtourenanbieter:
Max Hürzeler Bicycel Holidays, www.bicycle-holidays.com

Literatur:
Axel Thorer, Mallorca – Lexikon der Inselgeheimnisse, Hoffmann und Campe, 2006;
Lothar Schmidt, Mallorca, Verlag Karl Baedeker, 2013.

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