Ein Paradiesghetto als Filmlüge

Der NS-Propagandastreifen »Der Führer schenkt den Juden eine Stadt«

Dieser Film sollte lügen, absichtlich und in jeder Einstellung: »Theresienstadt. Ein Dokumentarfilm aus dem jüdischen Siedlungsgebiet«, bekannt unter dem blasphemischen Titel »Der Führer schenkt den Juden eine Stadt«. Er wurde vor 70 Jahren gedreht, im Sommer/Herbst 1944, in dem Ghetto im »Protektorat Böhmen und Mähren«, wie die Nazis den von ihnen okkupierten Teil der Tschechoslowakei nannten. Der Drehstab war mit deutschen und tschechischen Künstlern und Technikern besetzt, die Laiendarsteller allesamt Juden, die die SS in diesem Transitlager gefangen hielt. Viele der unfreiwillig Mitwirkenden kamen nach den Dreharbeiten »auf Transport«, wie es in der Lagersprache hieß: Sie wurden nach Auschwitz deportiert und dort umgebracht, so Kurt Gerron, ein erfolgreicher deutscher Kabarettist und Schauspieler (»Der blaue Engel«, 1932), der für den Theresienstadt-Film als Regisseur herhalten musste.

Die SS kontrollierte rigoros alle Dreharbeiten, die Arbeiten am Szenarium und an der Ausstattung. Mehr noch: Mit großem Aufwand wurde das Ghetto »verschönert«, wurden die namenlosen Darsteller - die hierher verbrachten Juden - ausgesucht, eingekleidet, trainiert. Die SS war immer dabei, auch wenn sie nirgendwo ins Filmbild geriet. Unter diesen makabren Umständen entstand ein Pseudodokumentarfilm, der das Ghetto als heiles und optimistisches Universum beschrieb - mit Gemüsebeeten, Fußballspiel, Kabarettabenden etc. Ein quirliges, ziviles Gemeinwesen wie es in keinem Ghetto, niemals und nirgends, gab. Und auch im realen Theresienstadt nicht. Dort wurden von 1941 bis 1945 über 150 000 Menschen brutal gefangen gehalten, darunter 10 000 Kinder. 35 000 Ghettohäftlinge kamen ums Leben, unter ihnen 7500 Kinder.

Der Film zeigt nur die Opfer, die nicht als Opfer erscheinen: gut gekleidete, fröhliche und wohlgenährte Menschen. Nichts ist zu spüren und zu sehen von Hunger, Not und Todesangst.

Für wen wurde dieser Streifen produziert? Immerhin war 1944 das Ende des NS-Regimes abzusehen. Antisemitische Zuschauerreaktionen wie bei dem NS-Propagandafilm »Der ewige Jude« (Regie Fritz Hippler, 1940) oder beim NS-Spielfilm »Jud Süß« (Regie Veit Harlan, 1940) waren nicht mehr zu erwarten; das vom Bombenkrieg heimgesuchte deutsche Volk war mit sich selbst beschäftigt. Die Juden interessierten nicht mehr. Einige Historiker meinen, der Film sei als eine Art Selbstrechtfertigung von Himmlers Reichssicherheitshauptamt gedacht gewesen, als Argumentation gegenüber dem Ausland (vor allem dem Internationalen Roten Kreuz), den Juden sei es unter den Deutschen doch nicht so schlecht gegangen wie behauptet - was dann allerdings wegen des nahenden Kriegsendes nicht mehr wirken konnte. Sei’s drum: Es bleibt ein merkwürdiger Film, ein Dokument der Lüge.

Beunruhigen muss, dass der Lügenfilm sogar heute eine gewisse Wirkung nicht verfehlt. Die Gedenkstätte Theresienstadt zeigt ihn gelegentlich jungen Zuschauern, und diese empfinden so, wie es die SS beabsichtigt hatte: So schlimm, wie oft in der Öffentlichkeit geklagt wird, sei es doch für die Juden unterm Hakenkreuz gar nicht gewesen, meinen da manche. So erreicht der Film 70 Jahre nach seiner Produktion doch noch Adressaten. Das macht einmal mehr deutlich, wie die Manipulationsmöglichkeiten von Filmbildern unterschätzt oder gar missverstanden werden können.

Prager Filmhistoriker haben herausgefunden, dass dem Film zwei abgebrochene Projekte vorausgegangen sind, von denen nur wenige Schnipsel und ein paar Standfotos erhalten geblieben sind. Auf einer internationalen Tagung am Drehort befragten jüngst Filmhistoriker und Soziologen das gesamte erhaltene Filmmaterial nach geheimen, verschlüsselten Botschaften (»Kassiber«), die quasi die jüdischen Mitwirkenden in den Film eingeschmuggelt haben könnten, um über die SS-Bilderlügen hinaus späteren Betrachtern zu signalisieren, dass es sich hier um perfide Propaganda handele. Die Antworten fielen ambivalent aus, konnten nicht überzeugen. Die damalige Technik war unbestechlich, Fälschungen oder Manipulationen (wie heute per Computer) waren kaum möglich. Filmerfahrene SS-Offiziere beaufsichtigten zudem nicht nur die Dreharbeiten, sondern auch den Schnitt. Heutiges Fabulierbedürfnis sollte nicht mehr in einen alten Film hineininterpretieren, als dieser hergibt.

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