Dirigent mit Perücke

Turbulent: Mozarts »Figaro« im Konzerthaus

Vor dem Auftakt spazierte Iván Fischer, neuer Musikdirektor am Gendarmenmarkt und Chefdirigent des Konzerthausorchesters, gelassen übers Podium, zuweilen ins Parkett nickend oder winkend, wo die Besucher ihre Plätze suchten. Nicht enigmatischer Kunsttempel, sondern Veranstaltungsort für Jedermann - so präsentiert sich das Konzerthaus. Beim Blick in die neue Saisonbroschüre erkennt man an vielen Stellen das Bestreben, den Graben zwischen Künstlern und Publikum zu überbrücken: Es gibt öffentliche Proben und moderierte Konzerte, kurze »Espresso-Konzerte« für die Mittagspause oder die »Kiez-Konzerte«, für die sich die Musiker auf den Weg zu ihren Hörern machen.

Auch bei der Saisoneröffnung am Donnerstag wurden in diesem Sinne die Kulissen gelüftet. Mozarts »Hochzeit des Figaro« erlebte man hier nicht als Illusionstheater, sondern gleichsam im Entstehungsprozess einer Aufführung. Das szenische Konzert hatte den Charakter eines quirligen, spontanen Steggreiftheaters, wo der Dirigent sich auch mal eine Perücke überstülpt oder über die Dauer einer Umbaupause informiert.

Mozarts »Figaro« ist die Verwandlungs- und Verkleidungsoper par excellence. Mann und Frau, Herrschaften und Diener wechseln im Intrigenspiel die Mode und damit ihre Identität. Iván Fischer, der auch Regie führte, hob diesen Aspekt des Werkes hervor. Auf dem kreisrunden Bühnenpodest stehen zwei voll behängte Kleiderständer bereit, an denen sich die Figuren immer wieder bedienen. Von der Decke hängen Kostüme, die wie Marionetten auf und ab fahren. Einmal wird für die Verkleidung von Cherubino ein Frauenkleid herabgesenkt. Der Page stellt sich dahinter wie bei diesen Ganzkörper-Fotoaufstellern, durch die man fürs Porträt den Kopf steckt.

Zudem wird die Gattung Oper hier als Konzert verkleidet. Dass die Musiker auf dem Podium statt im Graben sitzen, verschiebt zwar die Balance zwischen Gesang und Instrumenten. Doch das Konzerthausorchester bietet einen Ohrenschmaus: Es klingt zugleich feurig und lieblich, erotisch und geistreich. Fischer, der keine Partitur braucht, tänzelt energiegeladen an der Rampe hin und her. Zwischendurch dirigiert er im Sitzen; angespannt wie eine sprungbereite Raubkatze. Er modelliert einen Orchesterklang mit flotten Tempi und markanten Akzenten, mit gestochen scharfen Streicherläufen und fein ausbalanciertem, farbenreichem Bläsersatz. Die Genauigkeit im Zusammenspiel kam bei derlei musikantischem Hochdruck aber manchmal zu kurz.

An Iván Fischer ging wohl auch ein Opernregisseur verloren. Seine Inszenierung auf kleinstem Raum und mit minimalen Requisiten macht aus diesem szenischen Konzert ein vollwertiges Theatererlebnis mit Witz und Turbulenz. Grundlage sind stets die gestischen Impulse der Mozartschen Musik.

Eindringlich wirkt das Bild für Mozarts utopische Versöhnungsszene am Schluss: Die Kostüme, die Standes- und Geschlechterrollen zementieren, verschwinden am Bühnenhimmel. Die Figuren tragen schlichte schwarze Umhänge - alle Menschen sind gleich.

Die Solisten waren voller Elan und Spielfreude zugange. Als Gräfin zeigte Miah Persson einen würdevollen, schlank geführten Sopran mit herrlich schwebenden piano. Als Graf sang Roman Trekel mit recht glanzlosem Bariton. Jedoch überzeugte seine Darstellung des mühsamen Versuchs, Wut und Frust hinter der Fassade aristokratischer Autorität zu verstecken. Als Susanna: Laura Tatulescu, ein Temperamentbündel, das federleicht die Rezitative plapperte, jedoch unsauber intonierte. Hanno-Müller Brachmann verlieh dem Figaro eine stimmige Mischung aus Rechtschaffenheit und Beschränktheit; jedoch wirkte sein Bassbariton zu schwer und salbungsvoll für die Partie.

Die kurzweilige Aufführung macht Lust auf die anstehende Saison. Am 29. August gibt Iván Fischer seinen sinfonischen Auftakt mit Schubert und Bruckner. Am 28. September bespielt ein Dvorák-Marathon sämtliche Säle des Konzerthauses. Im Oktober gibt der neue Artist in Residence, der Geiger Nikolaj Znaider, sein Antrittskonzert; im November folgt eine Konzertreihe als Hommage an Leonard Bernstein. Den dunklen Berliner Winter erhellt schließlich das Festival Südamerika im Februar.

www.konzerthaus.de

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