Melange einer Metropole

Rita Preuss 90

  • Von Burga Kalinowski
  • Lesedauer: 2 Min.

Sie wusste schon sehr früh, was sie wollte: Malen. Unbedingt, trotz Krieg und Tod: Rita Preuss. Sie geht 1940 notgedrungen den Umweg über eine Lehre als technische Zeichnerin, arbeitet in diesem Beruf, lernt dabei, Genauigkeit und auch die Strenge der Linien und der durch sie geschaffenen Räume zu schätzen - aber ihr Talent will anderes, ihr Gespür für Farbe, Form und Fläche will mehr, will sich künstlerisch ausleben. Das kommt später - als sie ihre Möglichkeiten kennt und die Mittel der Malerei souverän handhabt. Am Kriegsende ist Rita Preuss 21 Jahre. Nun will sie malen lernen. Ihre erste Ausstellung wird sie 1954 im Kunstamt Wilmersdorf haben.

Preuss gehört zu den ersten jungen Leuten, die an der mit dem Wintersemester 1945/46 eröffneten Hochschule der Bildenden Künste studieren. Begleitet wird sie von hochrangigen Lehrern wie Maximilian Debus und Robert Huth. Max Pechstein - Mitglied der Künstlergruppe Brücke, 1918 Mitbegründer der November-Gruppe - nimmt sie als Meisterschülerin. Am 8. April 1946 beginnt ihr Weg in die Welt der Malerei - zu den Dingen des Lebens, in sieben Jahrzehnten und fast immer in West-Berlin. Die Stadt, in der sie ihre Mitte findet und die sie malt: den Alltag und die Menschen, Müdigkeit und Lebendigkeit. Melange einer Metropole aus gemütlicher Bürgerlichkeit, bohèmehaftem Schick und gefährlicher deutscher Spießigkeit, mit tiefen sozialen Schatten, mit 68er Aufbruch und Hausbesetzerszene. Mit Mauer und ohne Mauer.

Rita Preuss malt, zeichnet, bringt ihre künstlerische Fantasie auch in unterschiedliche Kunst-am-Bau-Projekte ein. Zahlreiche Einzelausstellungen begleiten ihren Werdegang, eine ihr wichtige Anerkennung ist der Hannah-Höch-Preis der Stadt Berlin, den sie 2000 für ihr Lebenswerk erhält.

Initiiert vom Freundeskreis Willy-Brandt-Haus, ist ihr umfangreiches malerisches Werk aktuell nun in einer repräsentativen Ausstellung im Willy-Brandt- Haus zu erleben. Zum 90. Geburtstag von Rita Preuss am 31. Oktober wurde die Retrospektive in Anwesenheit der Künstlerin eröffnet. Ein Gespräch mit der Jubilarin - über ihr Leben, ihre Bilder und über ihr jüngstes Bild - finden Sie Montag im »nd«.

Ausstellung »Berlin ist meine Mitte«, bis 7. Dezember, Di-So 12-18 Uhr, Eintritt frei, Willy-Brandt-Haus, Stresemannstr. 28, Berlin. Katalog 24,95 €.

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