»Drei Drachen« steigen lassen

Mah-Jongg-Fangemeinde wächst hierzulande stetig

Wie haben Sie sich eigentlich all die kryptischen Schriftzeichen angeeignet?

Das sind meist Zahlen, und dazu müssen Sie wissen, dass die Zahlen 1 bis 9 von Chinesen mit den Fingern einer Hand ausgedrückt werden können. Sehen Sie hier, drei Finger eingerollt, der Zeigefinger leicht gebogen vorgestreckt, der Daumen hängt locker, das ist die Neun. Und weil die chinesische Schrift im Kern auf Piktogrammen beruht, erkennen Sie das Handzeichen im Schriftzeichen wieder.

Dennoch ist das nicht wirklich leicht. Oder ist das für Sie der besondere Reiz?

Dass sich ein Teil der Steine nicht auf Anhieb entziffern lässt, macht die Sache natürlich interessant, gerade, wenn man das Spiel neu kennengelernt hat. Toll sind auch die poetischen Namen, so gibt es Gewinnkombinationen, die »Drei Drachen« oder »Vier Winde« heißen, dadurch entsteht ein gewisses Flair. Hinzu kommt, dass ich schon seit 20 Jahren Tai Chi praktiziere und auch deswegen eine gewisse Affinität zu chinesischer Philosophie und Kultur habe.

Dann ist Mah-Jongg für Sie wohl eine quasi verspielte Form des Schattenboxens?

So habe ich das bisher noch nicht gesehen, denn eigentlich unterscheiden sich Tai Chi und Mah-Jongg fundamental in ihrem Ansatz. Tai Chi verlangt äußerste Konzentration, aber die ist nach innen gerichtet. Während Mah-Jongg umgekehrt nach außen gerichtet ist; die Leute reden mit den anderen am Tisch, kommentieren den jeweiligen Stand der Partie. Unbestritten ist freilich, dass Tai Chi auch die mentalen Fähigkeiten trainiert. Und deshalb ergänzen sich Mah-Jongg und Tai Chi tatsächlich wunderbar. Vielleicht sollte ich vor unseren nächsten Mah-Jongg-Runden ein paar Tai Chi-Übungen anbieten.

Das könnte sicher hilfreich sein für eine mehrstündige Mah-Jongg-Sitzung. Bei der legen Sie, wenn wir Ihnen zuschauen, Spielsteine säuberlich aneinander - was stark an Domino erinnert.

Die Ähnlichkeit ist eher nur äußerlich. Bei Mah-Jongg sammeln Sie Motive, die zueinander passen, kreieren Dreierkombinationen oder Straßen. Insofern besteht eine Verwandtschaft weniger zu Domino als zu Rommé oder Canasta.

Auffällig ist die Mauer, an der die vier Spieler gemeinsam werkeln. Ist das Yin und Yang im Wettstreit um Punkte: einerseits das Streben nach dem Sieg, andererseits das gemeinsame Projekt, nämlich die Mauer?!

Im Mah-Jongg sind wir Konkurrenten und Freunde, das stimmt. Alle vier bauen die Mauer auf und ab, trotzdem kämpft jeder für sich allein.

Und wer setzt sich am Ende durch?

Sie müssen lernen, aus den Ihnen zugeteilten Steinen, das Beste herauszuholen. Und Sie dürfen nie aus den Augen verlieren, wie die anderen agieren, und obendrein müssen Sie auch ein wenig Glück haben. Nach einem Spielabend, der bis zu sechs Stunden dauert, sind dann einige dermaßen aufgekratzt, dass sie die ganze Nacht nicht schlafen können. Das ist jedoch eine Typfrage, ich persönlich finde Mah-Jongg perfekt zum Abschalten.

Mah-Jongg ist in China beliebt, aber auch umstritten, weil häufig um Geld gespielt wird. Wie ist Ihre Haltung dazu?

Ein gewisser Einsatz erhöht schon die Spannung. Aber wir haben das gedeckelt: Der maximale Betrag, der an einem Abend den Besitzer wechseln darf, sind vier Euro. Die werden anschließend in einen gemeinsamen Topf geworfen, und wenn der voll ist, geht unsere Mah-Jongg-Gruppe gemeinsam essen.

Ein regelrechter Ligabetrieb ist mittlerweile hierzulande auf die Beine gestellt worden. Und - was bei Mah-Jongg wohltuend auffällt - oft werden die regionalen Gruppen von Frauen geleitet. Woran liegt's?

Möglicherweise ist es vielen Männern zu aufwendig, sich mit dem komplexen Regelwerk auseinanderzusetzen, das man ja sorgfältig durcharbeiten und erlernen muss. Wenn sie das auf sich zukommen sehen, hört man von ihnen häufig: »Oh Gott, das tu ich mir nicht an!«

Obwohl Mah-Jongg nicht auf Anhieb zugänglich ist, wie wir gerade gehört haben, gibt es das Spiel auch als App für das Smartphone. Ist das nicht überraschend?

Es ist schon weniger erstaunlich, wenn Sie wissen, dass Mah-Jongg als App mit dem recht komplexen Original kaum etwas zu tun hat. Im Grunde ist das ein Solitärspiel, Sie suchen immer bloß zwei Steine, die zueinander passen. Die Mah-Jongg-App dürfen Sie deswegen nicht verwechseln mit Mah-Jongg, das online gespielt werden kann und so wie am Tisch abläuft.

Loggen Sie sich da auch manchmal ein?

Das würde ich machen, wenn ich allein auf einer Insel wäre. Mit anderen Menschen an einem echten Tisch zusammen, finde ich das viel schöner, als am Bildschirm zu hocken. Wir klönen, trinken Tee, und anschließend vertiefen wir uns in das Spiel. Dazu hören wir Musik. Das können chinesische Kompositionen sein oder Songs von Billy Bragg. Inspirierend finde ich auch die Lieder der Norwegerin Kari Bremnes. Sie hat mit »Mein wildes Herz« oder »Mondstein« sehr stimmungsvolle Alben herausgebracht.

Infos zu Mah-Jongg-Wettkämpfen und Spieltreffs: dmjl.de

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