Kein Ort für Familien

Kältehilfe startet / Zahl der Obdachlosen in Berlin um ein vielfaches höher als angenommen

Am 1. November startet die Kältehilfe in den Winter. Die Auslastung der Einrichtungen liegt seit Jahren über 100 Prozent. Jetzt ist klar: In der Stadt leben weitaus mehr Obdachlose als angenommen.

Auf den Matratzen der Doppelstockbetten liegen Bettdecken, Kissen und Laken ordentlich gefaltet, die Kleiderbügel an der Garderobe sind leer. Auf dem Tisch ein Einwegrasierer, das Mieterlexikon und zwei Abenteuerromane ordentlich nebeneinander. Alles in der Notübernachtung in der Franklinstraße in Charlottenburg wirkt am Freitagvormittag noch so unberührt, aber schon heute Abend werden die 73 Betten der Einrichtung voll belegt sein.

Am 1. November startet die Berliner Kältehilfe in den herannahenden Winter und öffnet ihre zwölf Notübernachtungen und 13 Nachtcafés. Insgesamt stehen 500 Schlafplätze zur Verfügung. Die Einrichtungen, so sagen sie selbst, lehnen niemanden ab. So kommt es, dass die Zahl der Übernachtungen regelmäßig die der angebotenen Plätze übersteigt. Seit mittlerweile fünf Jahren schwank die Auslastungsquote zwischen 102 und 116 Prozent. Für den November stehen bereits 417 der angebotenen 500 Plätze zur Verfügung, sagt Barbara Eschen, Direktorin der Diakonie zum Start der Kältehilfe am Freitag. »Für den November reichen die Plätze normalerweise aus«, sagt Eschen. Aber wenn die Nächte draußen härter werden, steigt auch der Bedarf. Die Stadtmission hat dabei in der letzten Wintersaison errechnet, dass weitaus mehr Menschen auf der Straße leben als bisher geschätzt wurde. Über 2300 einzelne Personen haben die Mitarbeiter in ihren Einrichtungen im Winter 2013/14 gezählt. Bisher kursierten Zahlen zwischen 600 und 1000 Obdachlosen. Dabei machen die Angebote der Stadtmission nur knapp die Hälfte aller Plätze in Berlin aus.

In diesem Jahr feiern Caritas, Diakonie und die evangelischen und katholischen Kirchengemeinden ihr 25. jähriges Kältehilfejubiläum, aber zum Feiern ist niemandem zumute. »Uns fehlen die geeigneten Räume«, sagt Ulrike Kostka, Direktorin der Caritas. Die Verbände appellieren daher an den Senat und private Immobilienunternehmen, in ihrem Bestand nach Übernachtungsmöglichkeiten zu suchen. Platz für zehn bis fünfzehn Menschen für eine Wintersaison bereitzustellen, wäre schon ein Anfang, so die Bitte.

»Die Kältehilfe wird immer mehr zum Seismografen für die soziale Not in Berlin, Europa und der Welt«, sagt Kostka. Immer mehr Familien suchen Schutz bei der Kältehilfe, berichten die Träger. »Die Kältehilfe kann aber kein Ort sein, wo Flüchtlinge, die oftmals traumatisiert sind, systematisch untergebracht werden«, so die Caritaschefin.

In der Franklinstraße sitzen Kriegsflüchtlinge aus Syrien oder Irak mit ihren Kindern beim Abendessen neben dem langjährigen Obdachlosen aus Berlin. »Da kommen brisante Mischungen zusammen«, sagt Jürgen Mark, Leiter der Notübernachtung in der Franklinstraße. Eindringlich erzählt er von den knapp 600 Übernachtungen Minderjähriger in diesem Jahr, die er in seiner Einrichtung, die ganzährig geöffnet ist, bisher gezählt hat. Gleichzeitig leben in dem Haus aber auch Menschen mit Suchtmittelproblemen aller Art. Zwar sind diese per Hausordnung verboten, trotzdem ist erst im März jemand tot in den Sanitärräumen gefunden worden. »Zu der Zeit waren drei Kinder im Haus«, sagt Mark. »Wir brauchen bei dem immer weiter steigenden Bedarf dringend eine Lösung für die Familien.«

Dazu passende Podcast-Folgen:
  • ndPodcast
    Interview mit Aicha Jamal vom Bündnis revolutionärer 1. Mai / Außerdem: Keine Räumung der Potse? / Strom kommt in öffentliche Hand / Ab jetzt Wahlkampf
    • Länge: 00:18:06 Stunden

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