Diese Website verwendet Cookies. Wir können damit die Seitennutzung auswerten, um nutzungsbasiert redaktionelle Inhalte und Werbung anzuzeigen. Mit der Nutzung der Seite stimmen Sie der Verwendung von Cookies zu. Unsere Datenschutzhinweise.
Werbung

Wahrheit ist Schmerz

Zum 100. Todestag des Dichters Georg Trakl

Über den Menschen und wie er gelebt hat, wissen wir empörend wenig. Liegt das nur daran, dass nach seinem Tod (und erst recht nach dem der Schwester Grete drei Jahre später) die Familie all jene Dokumente vernichtete, die sie für kompromittierend hielt? Nein, nicht nur.

Georg Trakls wahres Leben spielt sich in seinen Gedichten ab, das, was er tagtäglich lebte, wirkt dagegen bloß wie ein schmutziger Schatten dieses Gedicht-Lebens. Seine Dichtung scheint nicht der Extrakt seiner Biografie zu sein, sondern ihr höchst artifizieller Gegenentwurf: eine Gegenwelt aus Traum und Albtraum. Aber stimmt das denn, kann man Leben und Werk so trennen, wie der Dichter es selbst gewollt hat (nur insgesamt 80 Seiten umfasst der erhaltene Briefwechsel)? Stephan Hermlin schrieb über ihn die ernüchternden Sätze: »Trakls Leben verlief ereignislos, freudlos, erfolglos zwischen Salzburg, Wien und Innsbruck. Es war nicht lebbar.«

Franz Fühmann hat dann auf seiner langen Lebensreise zu sich selbst diese Metapher vom »nicht lebbaren Leben« in sich aufgenommen wie einen Dorn, den man sich eintritt. Er hört nicht auf zu schmerzen. Aber was heißt »nicht lebbar«? Der Mensch Georg Trakl musste bis zu seinem Tod mit 27 Jahren doch durch jeden dieser Tage wieder aufs Neue hindurch, er lebte nicht gern, er fürchtete und ekelte sich vor der Welt und vor sich selbst - aber das Leben hatte ihn dennoch fest im Würgegriff. Dagegen halfen nicht einmal die zwei bis drei Liter Wein, die er täglich trank, nicht das Chloroform, mit dem er sich bereits mit siebzehn Jahren zu betäuben begann, nicht das Veronal, das Morphium und das Kokain - ein Cocktail, der ihn Unsummen (die er nicht hatte) kostete und ihn seine Tage mehr verdämmern als durchleben ließ.

Woher kommt dann der visionäre Klarblick der Gedichte, die in über hundert Jahren nichts von ihrer magischen Anziehungskraft verloren haben? Am Vorabend des Ersten Weltkriegs schrieb er das Gedicht »Menschheit«. Es beginnt: »Menschheit vor Feuerschlünden aufgestellt,/ Ein Trommelwirbel, dunkler Krieger Stirnen,/ Schritte durch Blutnebel; schwarzes Eisen schellt,/ Verzweiflung, Nacht in traurigen Gehirnen ...« Das ist mehr als ein Drogentrip, das ist die Wirklichkeit, wie sie sich dem Klarblickenden als drohende Gewitterwolke am Horizont zusammenzieht.

Welch erschütternde - kathartische! - Kraft Dichtung besitzen kann, das erfahren wir wiederum bei Franz Fühmann, der in Trakl früh, noch als Soldat der letzten Kriegstage orientierungslos durch die Wälder Böhmens irrend, den Dichter seines Lebens erblickte - gerade in seiner Verlorenheit. Der Untergang ist real (für Fühmann das Reich Hitlers), aber ebenso auch die Wiederauferstehung - wenn auch beschädigt. Davon kann man in Fühmanns wohl wichtigstem Buch »Vor Feuerschlünden. Erfahrung mit Georg Trakls Gedicht« (1981) lesen, das nicht weniger zeigt, als wie dessen Dichtung ihn, der durch die wechselnden Doktrinen des 20. Jahrhunderts verführt wurde, schließlich doch errettete.

Wie lebt man inmitten eines zerborstenen Weltbildes? Weniger militant, kompromissloser mit unangenehmen Wahrheiten, auch dort, wo sie die eigene Person betreffen. »Der Wahrheit nachsinnen - Viel Schmerz!« Der Mensch ist kein Held, im Gegenteil. Das ist die erste unabdingbare Einsicht in ein ziviles Weltbild. Natürlich lässt sich die Trennung zwischen dem Menschen und seinem Werk nicht dauerhaft durchhalten. Diese Einsicht traf Fühmann wie ein Schlag, und er notiert: »Ich brauchte kein Bild, und ich wehrte es, da es mir aufgedrängt wurde, wie übrigens auch biografische Einzelheiten, so lange ab, bis ich schmerzhaft zu begreifen begann, daß ein Dichter auch ein Mensch ist, und nicht nur ein Mund.«

Georg Trakl wurde 1887 als Sohn eines gut situierten Eisenwarenhändlers in Salzburg geboren. Eisen? Das war nicht sein Lebensstoff! Aber auch die Träume der Mutter waren es nicht, denn sie führten sie weg von den sechs Kindern, sie lebte in ihren eigenen Räumen, um sich Antiquitäten, Puppen und ähnliche unpraktische Dinge. Für die Kinder sorgte die französische Gouvernante Marie Boring. Sie liebte die Kinder wie eine Mutter, war streng katholisch und las dennoch mit Georg Trakl die Verse Rimbauds und Baudelaires. Nach einigen Jahren wurde sie von den Eltern entlassen - der Heranwachsende fühlte sich nun doppelt verraten. Seine Lebensgier geriet auf Abwege, mischte sich mit einer für andere unverständlichen Scheu.

Einerseits früh ein Bordellgänger, der sich, so wird berichtet, immer nur ältere Huren suchte, Ersatzmütter auf Zeit - andererseits ein höchst berührungsscheuer Mensch, der als Apothekerlehrling (welch fatale Berufswahl für einen Drogensüchtigen!) vor lauter Angst, Kunden bedienen zu müssen, täglich mehrere Hemden durchschwitzte, bei Zugfahrten, auch langen, immer auf dem Gang stand, weil er nicht mit fremden Menschen in einem Abteil zu sitzen vermochte. Als der Philosoph Ludwig Wittgenstein kurz vor dem Ersten Weltkrieg sein ererbtes Vermögen an bedürftige Künstler verteilte und auch Trakl 20 000 Kronen zudachte, war es ihm unmöglich, den erhaltenen Scheck in einer Bank einzulösen; er konnte sie einfach nicht betreten.

Die große Wunde seines Lebens aber ist bis heute ein Geheimnis geblieben. Stephan Hermlin hat es salomonisch formuliert: »Und man kennt die einzige, die verbotene Liebe zu seiner Schwester Grete, weil sie in den Gedichten steht.« Auf die fünf Jahre jüngere Schwester, die in Wien Musik studierte, projizierte er nicht nur all seine Sehnsüchte und verbotenen Triebe, er verführte sie auch zu den Drogen. Der Bruder als Dealer! Ob der Inzest je vollzogen wurde und Trakl der Vater jenes Kindes war, das die Schwester bei einer Fehlgeburt verlor, wissen wir nicht. Jedenfalls lassen einige Briefpassagen das vermuten, vor allem aber sprechen die Gedichte davon. Doch sind diese eine biographische Quelle, die Rückschlüsse auf das Leben erlauben?

Schuldgefühle peinigten ihn immer, ebenso wie Zorn über das herrschende Leid. Er ruft nach Gott in einer, wie er wohl weiß, gottlosen Welt spricht im »Psalm« gar von »Engeln mit den kotbefleckten Flügeln«. Als bei einer Dorfkirmes ein geschmückter Kalbskopf als Preis im Wettschießen an ihm vorbeigetragen wird, beginnt er am ganzen Körper zu zittern: »Das ist unser Herr Jesus Christus!«

Im Gedicht gelang ihm alles, im Leben nichts? Das stimmt so nicht. Immerhin schließt er sein Pharmaziestudium ab, versucht, sich über die Offizierslaufbahn beruflich abzusichern, wird 1911 Landwehrmedikamentenakzessist im Leutnantsrang. 1913, ein Jahr vor seinem Tod, bringt der Verleger Kurt Wolff einen Band mit dem schlichten Titel »Gedichte« heraus. Im Jahr seines Todes erscheint »Traum und Umnachtung« im »Brenner«, der Zeitschrift seines Freundes und Mäzens Ludwig von Ficker.

Dieser ist es auch, der im Oktober 1914 nach Krakau ins Militärspital reist, wohin Trakl nach seinem offen angedrohten Selbstmord zur Beobachtung seines Geisteszustandes gebracht wurde. Er steht unter dem Schock der Schlacht bei Grodek, wo die 3. Armee der Österreicher auf die russische Brusilow-Armee traf, die 800 Geschütze mehr zum Einsatz bringen konnte. In Panik erfolgte der österreichische Rückzug. In einer Scheune musste Trakl allein über 90 Schwerverletzte versorgen - dem Wimmern der Sterbenden stand er ohnmächtig gegenüber. Absurderweise lag der Verbandplatz neben einem Richtplatz. Die Leichen von gehängten Ruthenen gaben der Szenerie endgültig etwas Apokalyptisches.

Es war für ihn ein Weltuntergang, dem keine Wiedergeburt mehr folgte. Am 3. November 1914, immer noch in der Krakauer Psychiatrie, aus der ihn von Ficker vergeblich zu befreien versucht hatte, tötete er sich selbst mit einer Überdosis Kokain, das er versteckt hatte. Eines der letzten Gedichte, das er aus Krakau an Ludwig von Ficker schickte, ist »Grodek« betitelt. Darin finden sich Sprachbilder im für Trakl so typischen barocken Zugleich von Schönheit und Schrecken: »Am Abend tönen die herbstlichen Wälder/ Von tödlichen Waffen, die goldnen Ebenen/ Und blauen Seen, darüber die Sonne/ Düstrer hinrollt; umfängt die Nacht/ Sterbende Krieger, die wilde Klage/ Ihrer zerbrochenen Münder./ ... Alle Straßen münden in schwarze Verwesung./ ... Die heiße Flamme des Geistes nährt heute ein gewaltiger Schmerz,/ Die ungebornen Enkel.«

Vom Autor erschien kürzlich im Kunstverlag ein Text-Bild-Band über Georg Trakl (96 S., geb., 19,90 €).

Dieser Artikel ist wichtig! Sichere diesen Journalismus!

Besondere Zeiten erfordern besondere Maßnahmen: Auf Grund der Coronakrise und dem damit weitgehend lahmgelegten öffentlichen Leben haben wir uns entschieden, zeitlich begrenzt die gesamten Inhalte unserer Internetpräsenz für alle Menschen kostenlos zugänglich zu machen. Dennoch benötigen wir finanzielle Mittel, um weiter für sie berichten zu können.

Helfen Sie mit, unseren Journalismus auch in Zukunft möglich zu machen! Jetzt mit wenigen Klicks unterstützen!

Unterstützen über:
  • PayPal
  • Sofortüberweisung
  • Lastschrift

Solidarisches Berlin und Brandenburg

Corona ist nicht nur eine Gesundheitskrise. Es ist auch eine Krise des Sozialen. Wir beobachten alle sozialen und sozioökonomischen Entwicklung in der Hauptstadtregion, die sich aus der Verbreitung des Coronavirus ergeben.

Zu allen Artikeln