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Japsend nach Bohème

Franz Hessels »Heimliches Berlin« im Ballhaus Ost

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Franz Hessels Roman, erstmals erschienen 1927, ist Kunstwerk für sich. Sein »Heimliches Berlin« ist verschlossen. Es lässt keinen herein und nur widerwillig jemanden hinaus. Als Theaterstück scheint es auf den ersten Blick kaum vorstellbar. Daniel Schrader schuf für die Bühne des Ballhauses Ost eine Fassung, in der er von der Handlung des Buches erzählt, dazu die Protagonisten für Sekunden ins Heute schleudert und Walter Benjamins Gedanken über das Wesen des Flaneurs einfließen lässt. Jener Flaneur, schrieb Benjamin, sei in der Stadt auf der Suche nach Bildern und finde sie in den Gehäusen bei den Menschen hausend. Mit diesen Bildern spielt der Regisseur. Die Handelnden in Hessels Roman leben wie in einer Seifenblase, die dahinschwebt, mal hier, mal dort auftippt. Nur notdürftig geben sich die meisten von ihnen mit lästig Realem ab.

Das mitunter scheinbar Verschwenderische und Ausufernde des Schauspiels zog Daniel Schrader vor Jahren ans Theater. Hier lebt er es aus. Zwiespältig lässt er die Figuren erscheinen. Zum einen eilen sie flink lebens- und liebeshungrig umher. Doch ohne konkretes Ziel, zuweilen Hirngespinsten folgend. Zum anderen liegt in ihrem Suchen eine gewisse Trägheit, die sie nicht vorankommen lässt. Bohème, sie wollen Bohème. An Fantasie fehlt es den unterschiedlichen Charakteren nicht. Selbst nicht wohlhabend, verjubeln sie das Geld der Verwandtschaft, hängen sich an Leute, die Geld haben. Die wiederum schmücken ihr fantasieloses Leben mit ihnen. Tragikomisches Sittenbild.

Gina Henkel, Toni Jessen, Andreas Klopp, Tina Pfurr, Ina Tempel und Wieland Schönfelder lassen dafür im Spiel Übermut und Larmoyanz verschmelzen. In einer Dreiecksbeziehung wurzelnde rührselige Szenen treibt Schrader ins Groteske. Stark unterstützt wird das durch Kostüme von Nina Kroschinske. Der Schauspieler Schönfelder schuf das vielteilige Bühnenbild. Zu durchwandelnde Bögen, eine Bar, ein Zimmer und ein Gewächshaus als Mansarde obendrauf. Eleganz und Piefigkeit verbinden sich. Beides hatte die Stadt schon immer. Es erneuert sich ständig. So viele heimliche Berlins, wie es heute gibt, gab es damals.

Auch in den 20er Jahren strömten Rucksackberliner aus allen Richtungen herbei und assimilierten sich. Die einen nach Arbeit suchend, die anderen japsend nach Bohème. Erstere wollten überleben, die anderen etwas erleben. Nicht von ungefähr war längst der Text eines Duetts aus Franz von Suppés Operette »Fatinitza« von 1876 umgedichtet worden zum Lied »Du bist verrückt, mein Kind, du musst nach Berlin, wo die Verrückten sind, da gehörst du hin ...«

Niemand, der damals kam, hatte wie heutige Zuzügler die Entschleunigung des Stadtlebens im Sinn. Deshalb macht es sich gut, dass Schrader den Musiker Conrad Rodenberg ins Spiel bringt, der das Stück mit seinen Rhythmen anheizt.

Selbst wenn das Leben der Gruppe, in der sich Träumer wie Pragmatiker finden, in der Vergangenheit spielt, entfaltet sich keine Nostalgie. Zudem taucht im Gesang der an der Bar Fläzenden auch mal eine Zeile eines viele Jahrzehnte später geschriebenen Schlagers auf. Ein anderes Mal kommt es zum erstaunten Ausruf eines heutigen Flaneurs: »Wo ist der Potsdamer Platz?« Er vermisst die Lebendigkeit, die diesen Ort einmal mit sich drängenden Passanten und lärmenden Straßenbahnen prägte. Auch Verlogenheit im heutigen TV über Zugewanderte thematisiert Schrader in zwei kurzen, bösen Szenen. Das ist viel, fügt sich aber gut und dicht. Grelle Momente sind gezielt gesetzt.

All das in 90 Minuten zu packen, beweist Inszenierungsgeschick. Der Regisseur wagt auch, etwas zu Ende zu führen, das Hessel nur tagträumen lässt. Wendelin, die Hauptfigur, will mit Karola fliehen, muss jedoch ohne sie die geliebte Stadt verlassen. Sie lässt ihn allein - wie schon oft, wenn er feststellte: »Nichts mehr von ihr da als das geknüllte Taschentuch, das meist da liegen bleibt, wo eine Frau aufsteht.«

Karola kann sich nicht lösen von Ehemann Clemens und Söhnchen Erwin, sie weiß, dass Clemens für sie durchs Feuer gehen würde. Das lässt sich Schrader nicht entgehen.

5. bis 7. und 9.11., 20 Uhr, Ballhaus Ost, Pappelallee 15, Prenzlauer Berg, Tel.: (030) 44 03 91 68, www.ballhausost.de

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