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»Ist das Revolution, was wir hier machen?«

Unbequem auch nach der Wende - die basisdemokratische Kirchengemeinde Offene Arbeit in Erfurt wird 35

  • Von Anke Engelmann, Erfurt
  • Lesedauer: 3 Min.
Zu DDR-Zeiten war sie der Ort für Punks, Politaktivisten, Künstler und Ausreisewillige. Bis heute pflegt die Offene Arbeit eine interessante Mischung: Sie führt Christen, Partei-Linke und Anarchisten zusammen.

Zwei Jahre lang hat die Redaktionsgruppe Interviews geführt, Leute aus dem näheren und weiteren Umfeld schriftlich über die Offene Arbeit nachdenken lassen, diskutiert und Beiträge gelesen. Das Ergebnis dokumentiert auf etwa 240 Seiten Vergangenheit und Gegenwart dieser besonderen ostdeutschen Kirchengemeinde, lotet analytisch und in Anekdoten, in Erinnerungen, Sachtexten oder Gesprächen die Freiräume aus, die die Gruppe geboten hat und in Zukunft bieten kann.

Die Offene Arbeit - kurz OA genannt - entstand 1979 als Basisgemeinde und ist gleichzeitig der sozialdiakonischen Jugendarbeit verpflichtet, deren Konzept auf den Thüringer Pfarrer Walter Schilling zurückgeht. Es gibt keine Hierarchien, jeder ist willkommen. Wer zur Offenen Arbeit kommt, braucht keinen Mitgliedsausweis und muss noch nicht einmal an Gott glauben. 40 Ehrenamtliche gehören zum Stamm, bei Veranstaltungen sind auch schon mal 150 Gäste anwesend. Entscheidungen trifft der Vorbereitungskreis, der einmal in der Woche zusammenkommt. Die fünf Mitarbeiter werden von Kommune und Kirchenkreis bezahlt und auch ein Eigenanteil ist obligatorisch.

»Alles verändert sich, wenn wir es verändern« - der Titel des Buches ist Programm: Das Buch will Mut machen gegen Resignation und Gleichgültigkeit, so Wolfgang Musigmann, der die Offene Arbeit von Anfang an begleitet. Schließlich sei es selbstverständlich, sich um sich zu kümmern und um das, was um einen herum stattfindet. Auch nach 35 Jahren bleibt die OA unbequem, mischt sich ein, »wenn es komisch wird«, sagt Musigmann. Zum Beispiel, als kürzlich auf dem Nachbargrundstück drei uralte Bäume gefällt wurden für einen Neubau mit Tiefgaragen.

Bei der OA hat Widerstand Tradition. Sie hatte erheblichen Anteil an der Wende 1989 in Erfurt. Ob Umweltarbeit, Protest gegen einen geplanten Stadtring, dem große Teile der Erfurter Altstadt geopfert werden sollten oder die Besetzung der Staatssicherheit: Die Fäden liefen in der OA zusammen, hier trafen sich Freaks und Punks, politisch Aktive, Künstler, auch Ausreisewillige oder Stasi-Spitzel waren dabei. Doch anders als für viele DDR-Bürgerrechtler ist für die OA-Leute die Geschichte 1989 nicht zu Ende und mit der Wiedervereinigung nicht alles eitel Sonnenschein, wie Mitarbeiter Matthias Weiss erklärt. Heute noch ist die Offene Arbeit eine wichtige politische Kraft und hat keine Berührungsängste zu Gruppen, die sich wie sie für Gerechtigkeit und Teilhabe einsetzen: Atomkraftgegner, AntifaschistInnen, Bürgerinitiativen, das Bildungskollektiv BiKo und Linke.

Man wolle nach vorn blicken, hieß es bei der Buchpräsentation in der vergangenen Woche, und 25 Jahre nach der Wende »eine Träne im Ozean des allgemein kritiklosen Abfeierns sein«, wie Bernd Löffler von der Rosa-Luxemburg-Stiftung Thüringen formulierte. Löffler gehörte zur Redaktionsgruppe und so unterstützte die RLS das Projekt nicht nur finanziell, sondern auch personell.

Doch auch wenn das Publikum bunt gemischt ist: Jüngere sind in der Minderzahl. Die Offene Arbeit hat offenbar ein Nachwuchsproblem. »Das ist eine Frage der Öffentlichkeitsarbeit«, meint Jacob Hartung. Der 19-Jährige absolviert hier gerade sein freiwilliges ökologisches Jahr und begleitete die Buchvorstellung auf der Gitarre. Bestimmt würden mehr kommen, wenn die Angebote bekannter wären, vermutet er. Zum Beispiel die regelmäßigen Jam-Sessions seien »eine ziemlich coole Sache«.

Buchgruppe Offene Arbeit (Hrsg.): Alles ändert sich, wenn wir es verändern. Die Offene Arbeit Erfurt im Wandel der Zeiten (1979-2014), Verlag Graswurzelrevolution, 19,60 Euro.

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