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Treffen für eine fröhlichere Zukunft

Ausschreitungen von Istanbuler Fans überschatten den Sieg von Dortmund in der Champions League

  • Von Andreas Morbach, Dortmund
  • Lesedauer: 4 Min.
Wieder einmal zeigte die Borussia ihr zweites Gesicht. In heißer Atmosphäre besiegte der Bundesligavorletzte Dortmund in der Champions League Galatasaray Istanbul mit 4:1 und steht im Achtelfinale.

Kevin Großkreutz kam als erster BVB-Spieler aus dem Stadioninneren geschlichen. Doch kaum war der gebürtige Dortmunder, der keine Sekunde gespielt hatte, an der frischen Luft, wanderte sein besorgter Blick ans nördliche Ende der Arena. Dorthin, wo die Wüstesten unter Galatasarays Gefolgsleuten von der Polizei immer noch in ihren Blöcken festgehalten wurden, wo Glas splitterte, Gegenstände zerbrachen und sich einige Dortmunder Anhänger an den eingepferchten Fans aus Istanbul revanchierten - indem sie ihnen wutentbrannt die Stöcke ihrer BVB-Fahnen entgegen schleuderten.

Es waren beklemmende Szenen, die sich nach dem 4:1 der Schwarz-Gelben gegen den türkischen Vizemeister abspielten. Noch gefährlicher aber war es während der Partie: Immer wieder krachten in der Galatasaray-Ecke Böller, wurden Bengalos entzündet und zwischendurch aufs Spielfeld geworfen. Beim Versuch, wenige Meter von den Istanbuler Krawallbrüdern entfernt einen Eckball zu treten, suchte Borussias verängstigter Spielmacher Shinji Kagawa deshalb das Weite.

Zwei Mal wurde das Spiel unterbrochen, ein kompletter Abbruch drohte. Und nachdem Istanbuls Innenverteidiger Semih Kaya fünf Minuten vor Schluss mit einem tollpatschigen Eigentor das Endresultat fabriziert hatte, warfen Galatasaray-Anhänger sogar brennende Pyro-Fackeln in den Dortmunder Fanblock. »Das war eine permanente Provokation«, schimpfte BVB-Sportdirektor Michael Zorc. Und Jürgen Klopp kommentierte erschrocken: »Ein schlimmes Bild. Das wirft einen Schatten auf ein fantastisches Spiel von uns.«

Beim Urteil über die Qualität des Auftritts seiner Mannschaft übertrieb der Trainer zwar etwas. Dennoch galt auch am Dienstagabend wieder, was schon seit sechs Wochen gilt: Champions League beherrscht seine Mannschaft, Bundesliga eben nicht. Dort sind die alltagsuntauglichen Dortmunder nach fünf Niederlagen in Serie auf den vorletzten Platz abgerutscht, am Sonntag reisen die bärenstarken Gladbacher zum Punktspiel an. »Das wird ein ganz anderer Gegner«, ahnt Mittelfeldmann Sebastian Kehl und prophezeit: »Gladbach wird sehr viel aggressiver, sehr viel offensiver antreten als Istanbul. Da wird es sehr viel schwerer für uns, zu gewinnen.«

Immerhin: Das Siegen haben die Dortmunder noch nicht ganz verlernt. Im DFB-Pokal stehen sie im Achtelfinale, in der Champions League ebenfalls - und zwar, nach vier blitzsauberen Siegen in vier Partien, so früh wie nie. Ein klares Lebenszeichen, mit dem Chefübungsleiter Klopp umgehend die entschwundenen Lebensgeister wecken wollte. »So einen Sieg müssen wir auch mal ein bisschen genießen. Das haben wir zuletzt nicht mehr getan, wenn wir gewonnen hatten. Aber es sind fünf Tage bis zum Gladbach-Spiel - und du musst wissen, wie sich so ein Sieg tatsächlich anfühlt«, ordnete der 47-Jährige den Ausbruch aus der tief sitzenden Tristesse an.

Dass Klopp diese Ode an die Freude überhaupt formulieren konnte, lag nicht zuletzt an Marco Reus. Mit seinem Treffer zum 1:0, sechs Minuten vor der Pause, hatte der Nationalspieler den Borussen die unsicheren Beine etwas gelockert. »Aber«, pickte der Torschütze später den positiven Aspekt der zähen ersten Hälfte heraus, »wir haben die Ruhe bewahrt. Und spätestens nach dem 2:0 war es dann unser Spiel. Wir haben heute sehr viel Selbstvertrauen getankt - und haben natürlich vor, den ersten Platz in der Gruppe zu sichern.«

Mit einem Remis in drei Wochen beim FC Arsenal wäre auch dieses Ziel erreicht. Und falls Reus bis dahin weitere Treffer glücken, darf man gespannt auf seinen Jubelstil sein. Nach den jüngsten Treffern in St. Pauli (Pokal), München (Liga) und nun gegen Istanbul bemühte der 25-Jährige jedenfalls hintereinander die berühmte Drei-Affen-Symbolik: Einmal hielt er sich die Augen zu, dann die Ohren, dann den Mund. Ein Hinweis, wie er mit den heftig um ihn wabernden Wechselspekulationen umzugehen gedenkt? Nein, meinte der schmale Westfale, nur eine eingelöste Wettschuld.

Was Reus’ Gesten wohl bedeuten könnten, wurde auch Jürgen Klopp gefragt. »Keine Ahnung«, sagte der BVB-Coach, ehe er dem türkischen Übersetzer nach dessen anschließenden Ausführungen verwundert zuraunte: »So lange dauert es, ›keine Ahnung‹ auf Türkisch zu sagen?« Es war Klopps Beitrag im Ringen um eine fröhlichere Zukunft.

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