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»Die Muslime« gibt es nicht

Wer »den Islam« kritisiert, stellt die falschen Fragen. Eine Replik auf Christian Baron

  • Von Hannah Schultes und 
Sebastian Friedrich
  • Lesedauer: 5 Min.

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Christian Baron schrieb am 29. Oktober an dieser Stelle über »das linke Islam-Tabu«. Sein Beitrag lässt einen mit vielen Fragezeichen zurück. Kann von einem linken Islam-Tabu die Rede sein, wenn doch seit etwa 15 Jahren innerhalb der Linken heftig darum gestritten wird, wie sich die Linke in Deutschland zum Islam verhalten soll? Hieß etwa die Beschneidungsdebatte nicht deshalb so, weil es sich um eine gesamtgesellschaftlich und auch innerhalb der Linken kontrovers geführte Auseinandersetzung handelte - oder war das alles Schein und in Wahrheit handelte es sich um einen Beschneidungskonsens? Ist es tatsächlich die Kritik an antimuslimischem Rassismus, der den strukturellen Rassismus stützt - oder ist es nicht viel mehr der strukturelle Rassismus, gerichtet gegen vermeintliche oder tatsächliche Muslime, der die antirassistische Kritik an ihm notwendig gemacht hat? Warum soll in erster Linie der Islam in Deutschland Objekt einer linken Religionskritik sein - angesichts der kulturellen Vorherrschaft des Christentums, jener Religion, die nebenbei ganz offiziell staatlich subventioniert wird?

All diese Fragen müssten gesondert behandelt werden, hier aber soll es um das Kernanliegen des erschienenen Beitrags gehen. Das ist ein legitimes: Baron fragt sich, wie man reaktionären Tendenzen begegnen kann. Auf Basis seiner Annahmen lässt sich jedoch aus zwei Gründen keine Perspektive einer linken Entgegnung formulieren. Erstens verbleibt er mit seiner Religionskritik auf der Ebene von Erscheinungsformen. Zweitens entzieht er der Kritik an konkreten religiösen Praktiken die Grundlage, wenn er jegliche Ausformungen als Ausdruck »des Islams« versteht. Seine Diagnose ignoriert damit ideologische und alltagspraktische Unterschiede.

Im Verständnis der meisten Menschen soll Religionskritik die »Irrationalität« von Religion vor Augen führen. Sie soll religiöse Mythen widerlegen, Menschen gegen den Glauben immunisieren und so zu einer Säkularisierung der Gesellschaft beitragen. Eine Religionskritik, die sich darauf beschränkt, ist aus linker Perspektive unzureichend. Schließlich wollte Marx mit seiner Kritik an der Religion auf den Zusammenhang von sozialer Herrschaft und Religion hinweisen, als er schrieb: »Die Forderung, die Illusionen über seinen Zustand aufzugeben, ist die Forderung, einen Zustand aufzugeben, der der Illusionen bedarf«. Es geht nicht nur darum, die Ideologie für Unterdrückung verantwortlich zu machen, sondern auch darum, die sozialen Verhältnisse zu betrachten, in der eine Ideologie notwendig wird. Anders gesagt reicht es nicht aus, das berühmte Opium des Volkes zu verbrennen, solange sich so viele Menschen bereitwillig damit betäuben wollen.

Es ist die Aufgabe linker Analysen, herauszufinden, in welchem Verhältnis religiöse Ideologien und soziale Verhältnisse zu verschiedenen Zeitpunkten stehen. Es hilft dabei nicht weiter, einen direkten immer gleichen Zusammenhang zwischen Schriften und spezifischen religiös begründeten Praktiken, Barbareien und Gesellschaftssystemen herzustellen. Baron hebt etwa hervor, dass die Ermordungen von Homosexuellen, Frauen und Nicht-Muslimen unter »plausibler Berufung auf den Koran« stattfinden. Damit ist aber noch nichts erklärt: Dass die Bibel, die Thora und der Koran zum Beispiel eine patriarchale Prägung aufweisen, ist nun wirklich keine neue Erkenntnis. Die Frage, wann sie warum in welcher Weise herangezogen werden, um patriarchale Geschlechterverhältnisse aufrecht zu erhalten, oder der Blick auf Stellen, an denen die patriarchale Dimension von Religion herausgefordert wird, sind Ansatzpunkte, die weiterführen.

Im deutschen Kontext besteht ganz offensichtlich die Gefahr einer Islamisierung sozialer Phänomene. Die vorherrschende »Islamkritik« tut genau dies: Sie bezieht sich auf tatsächliche und vermeintliche Missstände, und behauptet, dahinter stehe eine Masse von »Muslimen«, die sich an einer angeblich eindeutigen Essenz des Islam orientiere und dafür verantwortlich sei.

In Barons Beitrag fallen Widersprüche, historische Zusammenhänge sowie die gelebte diverse religiöse Praxis von über einer Milliarde Menschen unter den Tisch. Was eint die sogenannten Muslime in Deutschland? Eine kleine objektive Gemeinsamkeit der »Muslime« in Deutschland ist, dass man sie schon immer nach seltsamen Kriterien in Gruppen einsortiert hat. Ein Mensch, der in den 1960er Jahren als Arbeiter aus der Türkei nach Deutschland kam, konnte nicht ahnen, dass seine Ankunft eine neue Epoche sprachlichen Erfindungsreichtums auslösen würde: Aus einem »Gastarbeiter« wurde ein »Ausländer« wurde ein »Türke« wurde ein »Mensch mit Migrationshintergrund« wurde ein »Muslim«. Seine Probleme wurden von »Ausländerproblemen« allmählich zu Problemen des »Islams«.

Religiöse Praktiken, wenn man sie denn so nennen will, sind jedenfalls vielfältig: eine Sunnitin, die kein Kopftuch trägt, aber trotzdem ihren Sohn beschneiden lässt und sich ärgert, dass der Vater ihres Sohnes ihm zwar zu Weihnachten die Kirche zeigt, an islamischen Feiertagen aber nicht in die Moschee geht. Ein Alevit, der sein Alevitentum leugnet, sich als Atheist sieht und über den Salafismus schimpft, aber trotzdem gegen antimuslimischen Rassismus in Deutschland argumentiert.

Wenn sie keine unqualifizierte Koranexegese betreiben will, muss eine linke Kritik an reaktionären Tendenzen vor allem die falsche Vorstellung eines einheitlichen Islams aufgeben. Ihre Aufgabe wäre es, diese Tendenzen dort, wo sie konkret auftreten, in die gesellschaftlichen Verhältnisse einzubetten, denen sie entstammen. Dazu gehört zum einen, Religion auch im Kontext der bestehenden Klassen- und Geschlechterverhältnisse und Konjunkturen von Rassismus zu betrachten. Zum anderen ist eine Kritik auf die Analysen derer angewiesen, die gegen religiösen Chauvinismus aufbegehren, weil er sich konkret gegen sie richtet.

Hannah Schultes und Sebastian Friedrich sind Teil der Redaktion des Onlinemagazins kritisch-lesen.de und arbeiten gemeinsam seit 2010 zu aktuellen Konjunkturen des Rassismus.

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