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Die Freiheit erhebt ihr Haupt

Münchner Ausstellung erinnert an Revolution 1918

  • Von Rudolf Stumberger, München
  • Lesedauer: 3 Min.
Die CSU verschweigt oder diskreditiert Bayerns revolutionäre Vergangenheit. Dagegen richtet sich nun eine Kunstausstellung, die auch des 1919 ermordeten Ministerpräsidenten Kurt Eisner gedenkt.

»Man könnte, wenn man wollte, stolz sein auf die Revolution in Bayern«, so der Polit-Künstler Wolfram Kastner bei der Eröffnung der Ausstellung »Die Freiheit erhebt ihr Haupt« am Freitag. Anlässlich des 96. Jahrestages der friedlichen Revolution vom 7. September 1918 ist im Münchner DGB-Haus an der Schwanthalerstraße 64 noch bis 19. Dezember eine Kunstausstellung mit 63 Exponaten und ausgewählten historischen Dokumenten zu sehen.

Man könnte stolz sein auf die Revolution, als in Bayern die »800-jährige Wittelsbacher Adelsdiktatur« zu Ende ging, so Sepp Rauch vom Kulturforum ver.di Bayern, ist es aber nicht. Die konservativen Eliten in Bayern weigern sich standhaft, den Sozialisten Kurt Eisner, der 1918 zum ersten Ministerpräsidenten der neuen bayerischen Republik gewählt wurde, in irgendeiner Form gebührend zu würdigen. Die im Nachkriegsbayern jahrzehntelang regierende CSU hat es nie überwunden, dass »ihr« Bayern aus einer proletarischen Revolution heraus entstanden ist. Deswegen pflegte der Freistaat seine sehr spezielle Erinnerungskultur an den ersten Ministerpräsidenten des Landes. Wer wissen will, wie in Bayern die Geschichte gewichtet wird, kann dies am Promenadenplatz im Zentrum der weißblauen Landeshauptstadt tun. Dort ragt seit 2005 die überlebensgroße und silbern glänzende Statue des Grafen Maximilian von Montgelas, im 19. Jahrhundert Minister des Königreichs Bayern, in die Höhe. Mit der Ehrung des Grafen durch den Freistaat Bayern habe sich ein »lang gehegtes Anliegen« erfüllt, so der damalige bayerische Finanzminister Kurt Faltlhauser (CSU) anlässlich der Aufstellung des Denkmals. Mit dem Begründer des Freistaates selbst, dem ersten Ministerpräsidenten Bayerns, hat die Staatsregierung hingegen kein Anliegen der Ehrung, das es zu hegen gäbe. An Kurt Eisner, der wenige Schritte vom protzigen Montgelas-Denkmal 1919 ermordet wurde, erinnert lediglich eine Tafel am Boden, über die viele Passanten achtlos hinweggehen. Diese Bodenplatte in der Kardinal-Faulhaber-Straße zeigt die Umrisse eines am Boden liegenden Körpers und wurde 1989 nach einer heftigen öffentlichen Debatte angebracht. Der CSU-Landtagsabgeordnete Richard Hundhammer äußerte damals, Eisner habe mit einem »Haufen Linksradikaler, Kommunisten und Anarchisten« die Macht an sich gerissen, das Attentat auf ihn sei das Signal zur Ausrufung der Räterepublik gewesen. Der Vorsitzende des König-Ludwig-Klubs, Hannes Heindl, sah das geplante Denkmal »als eine Zumutung und Herausforderung für jeden Alt-Bayern« und wollte lieber ein Kardinal-Faulhaber-Denkmal oder ein König-Ludwig-Denkmal haben. Der CSU-Stadtrat Gerhard Bletschacher kündigte das Veto seiner Fraktion an, da »Politiker, die Gewalt propagiert haben, nicht auch noch durch ein Denkmal verherrlicht werden dürfen«.

Es war der Verein »Das andere Bayern« und Künstler wie Wolfram Kastner, die mit Kunstaktionen hartnäckig gegen das Verschweigen der revolutionären Tradition ankämpften, zum Beispiel mit der Übergabe eines Eisner-Porträts an die bayerische Staatskanzlei und an den Bayerischen Landtag. Oder wie jetzt mit der Organisation der Kunstausstellung auf mehreren Stockwerken des Münchner DGB-Hauses. Zu sehen sind auch die 20 Kunstblätter der Kurt-Eisner-Stiftung, sie stellen quasi das Kapital der Stiftung da, auch ein Werk des Malers und Filmregisseurs Herbert Achternbusch ist darunter. Historische Fotos von den Kurt-Eisner-Gedenksteinen vor der Zeit der Nazi-Herrschaft und von Kunstaktionen in den 1980er Jahren runden die Ausstellung ab. Erinnert wird neben den bekannten Protagonisten der Revolution wie Eisner, Toller oder Mühsam auch der weniger bekannten Frauen wie der Revolutionärin Sara Sonja Lerch, die zusammen mit Eisner durch die Münchner Rüstungsbetriebe zog und gegen den Krieg agitierte. Die Ausstellung ist auch als Impuls gedacht, zum 100. Jahrestag der Revolution in Bayern ein würdiges öffentliches Erinnern anzustoßen.

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