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Von Schuld und Sühne, die oft ausgeblieben ist

Täter und Opfer - Steven Uhly verbindet, was nicht zusammengehört

  • Von Friedemann Kluge
  • Lesedauer: 3 Min.

Namen, Namen, Namen! Namenallergiker sollten dieses Buch meiden. Was allerdings schade wäre. Eine Eigenheit Steven Uhlys besteht darin, dem Leser durch »cut« die einzelnen Personen wieder wegzunehmen, noch ehe dieser die Chance hatte, sich mit ihnen so vertraut zu machen, dass er sie hernach wiedererkennt. Erst einige Kapitel später tauchen die unzähligen Protagonisten dann wieder auf, setzen ihre frühere Einblendung fort, und nicht selten muss dann erst zurückgeblättert werden: Wer war das doch gleich?

Thema des Buches sind, auf eine kurze Formel gebracht, Menschen während der Nazi-Tyrannei und danach, Opfer und Täter, die in mancherlei Hinsicht mit- und ineinander verflochten sind und es bis zum Ende auch bleiben: »Sie waren gefangen in einem Labyrinth und kannten die Richtung nicht, woher, wohin?« Ein Schlüsselsatz. Da ist der SS-Obersturmbannführer Ranzner, ein Vergewaltiger, der Hinrichtungsbefehle erteilt und sich in der Bundesrepublik Deutschland feige verkriecht - mit amtlicher Hilfe der Organisation Gehlen, des späteren Bundesnachrichtendienstes, der bekanntlich zahlreichen Nazi-Mördern als Unterschlupf und »Waschmaschine« diente. Da ist Anna, sein jüdisches Vergewaltigungsopfer. Sie beide kommen, jeder auf eigene Weise, ein Leben lang nicht voneinander los. Da ist die Jüdin Margarita, die einen SS-Sturmbannführer, einen Untergebenen Ranzners, tötet. Da sind die Helfer, die Verwandten und die Nachkommen der genannten Personen bis ins dritte Glied. Über alle hinweg spannt sich der gemeinsame Bogen der Identitätssuche unter erschwerten Bedingungen. Die große Geschichte von Schuld und (allzu oft ausbleibender) Sühne.

Freilich, wie oft ist diese Geschichte, sind diese Geschichten schon erzählt worden! Anna Seghers fällt einem ein, Bruno Apitz, Franz Fühmann, Primo Levi, Leon Uris, Alfred Andersch und viele, viele andere. Die Messlatte liegt also ziemlich hoch für Steven Uhly - und er meistert sie!

Manche dieser Querverbindungen zwischen Nazis und Juden wirken etwas willkürlich, bisweilen sogar leicht kolportagehaft. Gleichwohl ist das ganz große, mit staunenswerter Akribie recherchierte, sprachgewaltige Prosa, und man fragt sich, wie kommt ein Mensch deutsch-bengalischer Abstammung, der zudem, so der Klappentext, »teilverwurzelt in der spanischen Kultur« ist, zu so verblüffend exakten Kenntnissen selbst einzelner Straßen in Berlin, Lübeck, München, Tel Aviv?

Diesem Buch möchte man viele Leser wünschen - schon, damit nicht vergessen wird, was da alles an Nazitum noch bis weit in die bundesrepublikanischen Jahre hinein an höchster Stelle überlebt hat, ja, ausdrücklich überleben durfte und sollte! Wer da aus gewissen Kreisen stets mit dem Finger auf die Stasi zeigt, sollte nicht vergessen, dass gleich drei Finger auf ihn zurück weisen!

Steven Uhly: Königreich der Dämmerung. Roman. Secession Verlag. 655 S., geb., 29,95 €.

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