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Sozialismus im Digitalzeitalter

In seinem Aufsatzband »Klassenkampf im Dunkeln« fordert Dietmar Dath, »politische Zeit« zu erkämpfen

Man kommt im Jahr 2014 in Europa kaum um die Frage herum, ob man die Menschheit dem Profit- und Wachstumsimperativ des Kapitalismus überlassen oder dieses Himmelfahrtskommando bekämpfen will. Dass, wer fürs Bekämpfen ist, zugleich den Sozialismus wollen muss, ist eine Ansicht, die nicht alle Linken teilen.

Einer, der sie teilt, ist der Journalist, Schriftsteller und Übersetzer Dietmar Dath. Den gegenwärtigen »Klassenkampf im Dunkeln«, nach dem er seinen neuen Aufsatzband nennt, kennzeichne, »dass die Unterdrückten diskutieren statt handeln, verwirrt sind statt einig und moralisieren statt analysieren.«

Wie bringt man Licht in dieses Dunkel? Dath schlägt vor: Statt untätig zu hoffen, dass »die Revolution« nach einer finalen Krise des Kapitals dessen Produktionsmittel nur noch zu übernehmen brauche, begebe man sich - gerade als linke/r Kopfarbeiter/in - in aktuelle Kämpfe, in Streiks, Demos und Sabotagen. Nicht nur in den Fabriken und auf der Straße, auch im Internet.

Die IT-Umwälzung, schreibt Dath, ist seit gut 15 Jahren weltweit das Hauptinstrument der »Zurichtung von Produktionsprozessen für Kapitalinteressen«. Sie erzeuge neue Fesseln, einen »immateriellen Taylorismus«, etwa mittels Elektrogeräten, die »eine vergegenständlichte Aufforderung sind, rund um die Uhr zu arbeiten«. Andererseits bringen sie und ihre Vorläufer Instrumente hervor, die für Errichtung und Durchführung des Sozialismus von Nutzen sein könnten. Daths diesbezügliche Passagen zu Bayes-Methodik und Wahrscheinlichkeitstheorie mögen die Mühe der Lektüre lohnen, wenn man sie versteht (was mir nur zum Teil gelingt).

Den Sozialismus im Digitalzeitalter skizziert Dath so: Gesellschaftlich bedeutsame Zeit teilt sich in vier Zeiten - für Arbeit, Konsum, Politik und Unbestimmtes. Niemand darf nur zum eigenen Vorteil über die Arbeitszeit einer anderen Person verfügen. Schon allein infolge dieser Regel verschwinden viele Machtbeziehungen. Während der Politikzeit trifft man sich in Plattformen, die man Räte, Sowjets, Parlamente oder Hubs nennen kann. Hier organisiert man etwa die gemeinschaftliche Zurückdrängung der Arbeitszeit, damit man mehr von den anderen drei Zeitarten hat. Aus dem Dienst des Profitmachens entlassenes Effizienzdenken richtet sich nun beispielsweise auf intelligente Verkehrsplanung (»Wozu Staus, wozu Stop ’n’ Go, wozu Individualautowahnsinn?«)

Und wie kommt man nun von hier nach dort? Das alte Klagelied, die Mittel für den Umsturz lägen ja im Großen und Ganzen bereit, nur die Menschen, die wollten leider nicht den Arsch hochkriegen, kriegt man auch von Dath zu hören. Wie auch nicht? Der Imperialismus kann, dieses Peter-Hacks-Zitat steht auch bei Dath, so sorglos schlafen wie eine junge Katze. Die Arbeiterbewegung »ist futsch. Das heißt aber nur: Sie muss neu und anders wieder anfangen.«

Dass es keine revolutionären Klasse(n) (mehr) gebe, lässt Dath auch mit Verweis auf die Anfänge des »Arabischen Frühlings« und des »Euromaidans« nicht gelten. Ebenso denkbar seien revolutionäre Situationen - mit Lenin: »Wenn die oben nicht mehr können und die unten nicht mehr wollen«.

Voraussetzungen? Kurz gefasst - für die abhängigen Klassen: sich über die eigene Lage klar werden, Gegenmacht aufbauen. Für die Linke generell: Sozialistische Propaganda und sozialistisches Lernen organisieren, Grabenkämpfe überwinden, aus der eigenen Geschichte lernen (wozu auch Würdigung zählt).

Die kritische Würdigung und die historische Einordnung der Leistungen und Fehler des real existierenden Sozialismus kommen in Daths Essays nicht zu kurz. Seine zehn »zeitgemäßen sozialistischen Übungen« sind fast einschüchternd kenntnisreiche, schnell geschriebene, aber langsam zu lesende Aufsätze, gespickt mit einer Fülle von Einfällen und Referenzen. Dath zitiert aus je etwa zwei Dutzend Bänden Lenin, Marx und Engels, aus Comics, Science-Fiction-Romanen und massenweise soziologischer, ökonomischer und politischer Literatur.

Seine auch an Leuten wie Hacks geschulte Wortwahl trifft ins Schwarze und ist trotz einiger Schnellschüsse ein Genuss. Jemand, den der Mainstreamjournalist Wirtschaftshistoriker nennen würde, heißt bei Dath Ökonomiegeschichtler.

Auch seine Bilder und Vergleiche leuchten ein. Der kapitalistische Markt, mal als These, funktioniert »fraktal«. Er »wiederholt auf all seinen lokalen Ebenen selbstähnlich die harmonisierende Wirkung des Ganzen mit optimaler Redundanz, das heißt: mit denkbar bester Backup-Verteilung«. Dem eine »alternative, kommunistische Backup-Verteilung« entgegenzusetzen, die nicht mehr auf Ungleichheit beruhe, das brauche vor allem: Zeit.

Nicht zuletzt um Zeitgewinn ist es Dath zu tun. »Politische Zeit« sei zu erkämpfen, ebenso Geld für die »Kampfkasse«. Leute, die Geld abschaffen wollen, werden von Dath schon aus diesem Grund hart abgekanzelt. Ebenso Landkommunarden, Grüne und andere Wohlmeinende, die nicht bei Drei auf den Bäumen sind. Seine Gegner zieht sich Dath wie Strumpfpuppen auf die Hand. Da ziehen dann die »Superradikalen« vorbei oder der »Kapital-Lesezirkel« und nehmen Einwände vorweg. Rhetorisch ist das geschickt, abschätzig ist es aber auch oft, zumal Dath nicht immer Lust hat, Argumente auszutauschen, sondern es auch mal bei einer Aufforderung wie »Lest Oskar Lange!« belässt. Spätestens wenn eine fiktive »Zwischenfrage vom Gramsci-Lesezirkel Unterwiehre in Freiburg im Breisgau« ansteht, mag man sich denken: Lass uns doch in Ruhe Gramsci lesen, uns, das linke Fußvolk.

Soll man also auch Daths Aufsätze lesen? Ja, unbedingt. Am besten zweimal. Einmal mit Augenmerk darauf, welche blinkenden Schätze Dath aus den Klassiker/innen hervorzaubert, einmal mit den Hintergedanken: Was tun? (Denn da stehen wir heute wieder.) Und: Wo anfangen? Und wie?

Dietmar Dath: Klassenkampf im Dunkeln. Zehn zeitgemäße sozialistische Übungen. KVV konkret, 15 €.

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