Bleibt alles anders

Basketballvizemeister Alba Berlin erwischt endlich mal einen guten Saisonstart und ärgert den FC Bayern München

Bayern München schiebt die zweite Saisonniederlage gegen Berlin auf eine Verletzungsmisere. Und auch Alba will das 83:80 gegen den Meister nicht zu wichtig nehmen.

Svetislav Pesic wollte die Frage gar nicht beantworten, Kollege Sasa Obradovic fand sie auch »nur lustig«, sollte heißen: total sinnlos. Wie wichtig es denn sei, dass seine Mannschaft bereits vier Minuspunkte hinter Obradovics Team von Alba Berlin zurückgefallen sei, war Pesic als Trainer des deutschen Basketballmeisters Bayern München gefragt worden, doch der zuckte nur mit den Schultern. Obradovic wurde dann doch etwas wortreicher: »Wir haben doch erst sieben Spiele hinter uns, und die Bayern werden am Ende der Saison viel besser sein, wenn ihre verletzten Spieler wieder dabei sind.« In den Playoffs, die beide Mannschaften ziemlich sicher erreichen werden, geht ohnehin alles wieder von vorn los. So funktioniert die Basketball-Bundesliga nun einmal.

Und doch - auch wenn alles so banal sein mochte - bezeichnete Obradovic den 83:80-Erfolg der Berliner am Sonntagabend »als großen Sieg«. Hier wurde etwas zusammengepresst, was nicht zusammenpasste, denn der Alba-Trainer wiederholte sein Lob auf den Kontrahenten sogar mehrfach. »Wir hatten nach dem Sieg in der Euroleague gegen Limoges nur einen Tag Vorbereitung. Für so einen großen Gegner ist das eigentlich nicht genug. Trotzdem halten wir die Motivation im Team hoch und gewinnen weiter - auch gegen so große Gegner wie Bayern.«

Natürlich war dieses Spitzenspiel zwischen Meister und Vize mehr als nur schnöder Alltag, vor allem beim Duell zwischen dem Ex-Serienmeister Alba und dem Klub aus München, der das künftig sein will. »Wir wollten den Bayern nicht zu viel Selbstvertrauen geben, indem wir sie im Supercup und in der Hauptrunde gewinnen lassen. Das wäre schlecht, sollten wir in den Playoffs wieder aufeinander treffen«, sagte Albas Neuzugang Jamel McLean, der immer besser in Schwung kommt und mit 23 Punkten wieder bester Mann auf dem Parkett war. »Jetzt haben wir die beiden Spiele gewonnen, und die Bayern müssen nun uns dieses Vertrauen wieder wegnehmen.«

Dass dieser Plan nicht von Erfolg gekrönt sein muss, bewies Alba selbst in der vergangenen Saison. Auch damals gewannen die Berliner beide Spiele der regulären Saison gegen die Münchner, verloren dann aber das Finalduell in den Playoffs mit 1:3. Selbstvertrauen hin oder her.

Alles wie immer also? Nicht ganz, ein bisschen anders ist es doch. Die wichtigsten zwei Unterschiede in der noch jungen Saison: Alba gewinnt nicht nur gegen die Bayern, und die Bayern verlieren nicht nur gegen Alba. Die Münchner waren in der Vorsaison als klarer Tabellenführer durch die Hauptrunde marschiert, dominierten die Liga und sicherten sich den Heimvorteil bis ins Finale. Das würde Alba diesmal gern verhindern und ist auf einem guten Weg. Berlin liegt nach sieben Siegen in sieben Spielen vorn, und konnte im Gegensatz zu den verletzungsgeplagten Bayern in der vergangenen Woche auch sein Euroleague-Spiel gewinnen. »Wir wollten unbedingt die Energie vom Sieg gegen Limoges hinüberretten, und das haben wir geschafft«, sagte Kapitän Alex King am Sonntag, auch wenn Trainer Obradovic gleich wieder einschränkte: »Der Sieg vom Freitag hatte uns viel Energie gekostet. Ich konnte sehen, dass meine Spieler in ihrer Attitüde noch voll dabei waren, aber in vielen Situationen waren sie nicht mehr clever genug. Da müssen wir noch einiges besprechen.«

Alba kommt zugute, dass die Mannschaft, die schon vor einem Jahr viel Potenzial gezeigt hat, kaum verändert werden musste. Die wenigen Änderungen mögen nicht unbedingt Verbesserungen sein, doch die Spielsysteme sitzen: Jeder weiß, was er zu tun hat, wo er wann hinlaufen, wann er werfen, wann er passen sollte. In engen Spielen wie dem gegen die Bayern kommt es auf solch kleine Details an.

Trotzdem erheben die Berliner nicht mehr die Machtansprüche wie noch vor einem guten Jahrzehnt, als sie gerade sieben Meisterschaften in Serie gewonnen hatten. »Wir wollen ins Halbfinale der Bundesliga und in die Top-16-Runde der Euroleague«, hatte Geschäftsführer Marco Baldi moderate Ziele ausgegeben. Die Meisterschaft wird er wohl erst wieder einfordern, wenn sie mal wieder gewonnen wurde. Letztmals ist das Alba 2008 gelungen. »Wir wollen trotzdem eine nicht wegzudenkende Institution sein. Von uns profitiert die ganze Bewegung, das war immer unser Ziel«, sagte Baldi jüngst. Wer hier einen Anspruch auf sportliche Alleinherrschaft erkennt, ist auf Schlagzeilen aus oder kennt Baldi nicht gut genug. Er weiß, dass die goldenen Zeiten der leichten Titel vorbei sind. Er will aber sicherstellen, dass Alba nicht von den finanzstärkeren Klubs in Bayern auf Dauer abgehängt wird.

Da hilft nach Aussage des Trainers auch mal ein 83:80 gegen den ungeliebten Konkurrenten als »gute Show für die Fans«. Mehr darfs jedoch noch nicht sein. »Ich freue mich, dass wir noch ungeschlagen sind, aber unser Ziel bleibt, unter die ersten Vier zu kommen«, sagte Obradovic. »Alba ist nach sieben Spielen nicht schon Meister.« Zumal es sich an der Tabellenspitze nicht unbedingt leichter lebt. »Die anderen Teams haben sich bislang noch nicht auf uns eingestellt«, sagte Jamel McLean. »Aber jetzt klebt eine Zielscheibe auf unserer Brust.«

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