Viel Bimbes

Nein, die »Friedliche Revolution« war nicht gekauft; ohne den Unmut von Millionen DDR-Bürgern hätte es sie nicht gegeben. Gekauft war das Ticket für den ICE in die Einheit, der sie überrollen sollte.

Nachdem die Ungarn im Frühjahr 1989 den Eisernen Vorhang ein paar Mal gelüftet hatten, lud Kohl seinen Amtskollegen Németh und Außenminister Horn zu einem Treffen am 25. August bei Bonn. Die Magyaren kündigten an, den DDR-Bürgern in ihrem Land die Ausreise in den Westen zu gewähren. Mit »Tränen in den Augen« versprach Kohl auf dem Wasserschloss Gymnich einen Kredit von 500 Millionen DM. Németh und Horn beteuerten hernach stets: »Ungarn verkauft keine Menschen.« Bestätigt ist der Kredit in einem Telegramm vom 4. Oktober ’89 an Németh, in dem Kohl aufzählt: Nebst den schon zugesicherten Millionen werde Budapest »zusammen mit der parallelen Kreditaktion der Bundesländer Bayern und Baden-Württemberg mit einem deutschen Beitrag in Höhe von einer Milliarde DM rechnen« können. Der Dank für einen Akt, welcher der DDR und den Revolutionären das Genick brach: Am 10. September hatte Kohl von Botschafter Horváth vertraulich »die erlösende Nachricht« erhalten, dass die Mayaren an diesem Tag die DDR-Flüchtlinge in die »Freiheit« entlassen. Kohl bat, die Entscheidung zu einer ihm genehmen Stunde (20 Uhr) publik zu machen. So konnte er am Vorabend des CDU-Parteitages vor der Presse punkten und nebenbei die »Putschisten« in der CDU entwaffnen.

Ebenfalls an einem 10., im Februar 1990, ließ Gorbatschow in Moskau den Bundeskanzler wissen, dass die Deutschen die Frage der Einheit nun selbst entscheiden dürften. Denn der Kremlmann war »schwer beeindruckt« von dem noch vor Kohls Flug zu ihm unterzeichneten Abkommen zu »einer gewaltigen Hilfsaktion« im Wert von 200 Millionen DM für die UdSSR. Auf dem Heimflug ließen Kohl und seine Entourage die Sektkorken knallen. Für reibungslose Zwei-Plus-Vier-Verhandlungen erhielt der sowjetische Staats- und Parteichef im Mai 1990 noch einmal fünf Milliarden. Und 15 Milliarden DM war Bonn die Rückführung der Sowjettruppen bis 1994 wert. Danach war Kohl der Meinung, es sei genug »Bimbes« geflossen. Derweil spülte bereits viel »Bimbes« in die Bundeskassen zurück - durch den Ausverkauf der DDR, ihrer Industrie und Immobilien. Die Ausgaben für die Einheit waren rasch gedeckt. Karlen Vesper

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