Cowboys mit Stahlhelm

Rocker sind die einsamen Wölfe jenseits dieser Gesellschaft. Sie sind nicht per se rassistisch oder kriminell. Sie sind: Männer, die Motorrad fahren. Die Cowboys unserer Tage. Cowboys, die allerdings mehr (dem 1966er) Django gleichen als John Wayne.

Samstagmorgen, der Kiez schläft noch. Die Luft riecht nach Herbst, bis zu zwölf Grad soll es noch mal warm werden. Aufsitzen, Seitenständer hochklappen, Schlüssel rumdrehen, Motor anlassen. Durchatmen. Gang einlegen, Blinker raus, Schulterblick. Zehn Minuten sind es bis zur Landstraße, ein paar mehr bis zur Stadtgrenze. Nach den ersten Nebelbänken ist der Kopf leer. Mit jedem Kilometer bleibt was anderes zurück. Die laute Stadt mit all ihren Anforderungen, den überfüllten U-Bahnen und den Nackenschmerzen von den Überstunden am Schreibtisch. Was bleibt, sind Wind und Asphalt, bisschen Natur. Zwei stille Stunden später steht M. auf einem Rastplatz an der Straße. Hat hier gewartet, schließt sich an, fährt versetzt hinterher. Nicken in den Rückspiegel, weiter.

»Don’t ride in front of me,/ I may not follow./ Don’t ride behind me,/ I may not lead./ But ride beside me/ as my brother forever.« Journalist und Harley-Fahrer Jens Fuge hat dieses Zitat an den Anfang seines Buches »Höllenritt durch Arizona« gestellt, einer seichten Reportage durch staubige Wüsten und US-amerikanische Motorrad-Clubs. Zu Deutsch heißt es in etwa: »Fahr’ nicht vor mir,/ vielleicht folge ich dir nicht./ Fahr’ nicht hinter mir,/ vielleicht führe ich nicht./ Aber fahr neben mir,/ als mein Bruder für immer.« Das Wort »ride« indes mit bloßem »fahren« zu übersetzen, wird seiner Bedeutung nicht gerecht. Meint »ride« hier doch viel mehr als das einfache Fahren von A nach B und in diesem Sprichwort vor allem das gemeinsame Nebeneinanderfahren. Etwas, vor dem jeder Fahrlehrer warnt: Im Falle eines Unfalls ist der Nebenmann genauso gefährdet wie man selbst. Bedingungsloses Vertrauen ist die Voraussetzung dafür, so und nicht versetzt zu fahren.

Der »Höllenritt durch Arizona« ist ein bilderbuchgroßer Hardcover-Band, auf dessen Titel drei Bärtige mit Sonnenbrillen dem Betrachter entgegensehen. Zwei von ihnen sind großflächig tätowiert, fehlten noch Jeansjacke oder schwarze Lederweste, um diese bildgewordenen Vertreter der Spezies »Rocker« zu vervollständigen.

Rocker. Ist im Deutschen die übliche Bezeichnung für das Mitglied eines MC, eines Motorcycle Clubs. In UK und USA heißen sie Biker, in Australien Bikies, »Rocker« ist genauso englisch wie »Handy«. Rund 10 000 Rocker soll es laut Bundeskriminalamt in Deutschland geben. Und mit dieser Zahl kommt die erste Definition daher: Rocker sind Mitglieder von Clubs, die sich häufig mit kriminellen Machenschaften finanzieren, im Rotlichtmilieu und im Drogenhandel fest verankert sind. Und die teilweise mit der rechten Szene gut vernetzt sind. Ihre bekanntesten Vertreter hierzulande sind der Hells Angels MC, der Bandidos MC und vielleicht noch der Gremium MC.

Dem Begriff des Rockers nachzugehen, ohne MCs näher zu betrachten, ist nicht möglich. Dem ursprünglichen Verständnis nach, das so vielen MC-Philosophien und Regelwerken zu Grunde liegt, zeichnen einen Rocker mehrere Dinge aus: zum einen das Bedürfnis danach, sich von der »normalen« Gesellschaft abzugrenzen. Sich ihren üblichen Regeln, Erwartungen und ihrer Moral zu entziehen, oder besser: nicht zu unterwerfen. Dieses Bestreben führt direkt dazu, dass man durch sein äußeres Erscheinungsbild darauf aufmerksam macht, dem Rest der Gesellschaft den Stinkefinger zu zeigen. Werte, die diese Gruppe für sich hochhält, sind solche wie Loyalität, Freiheit, Freundschaft (zwischen Männern), Anstand und Respekt.

Seit der Entstehung der ersten Clubs hat sich das typische Erscheinungsbild ihrer Mitglieder drastisch verändert. Vorbei sind die Zeiten, in denen Jungmänner James Dean nacheiferten, oder lange Haare, Bärte und Kopftücher das Aussehen der Harley-Besitzer prägten. Noch vor der Hochsaison der Flower-Power-Hippies waren es Biker, die ihr Outlaw-Dasein durch die Begeisterung dafür, ihr langes Haupthaar im Wind flattern zu lassen, deutlich machten. Überlebt hat dieses Bild in seltenen Ausnahmen, wie in der Selbstinszenierung der Band The Boss Hoss: Jeans, Haare, Cowboyhüte, Harleys. Wie den meisten Männern, die älter werden, erging es auch dem Rocker: Er verlor sein Haar und legte an Leibesfülle zu. Glatze unterm Stahlhelm, Stiernacken und aufgepumpte Muskeln bzw. Bierbauch prägen das Bild.

An dieser Stelle ist eine Zwischenbemerkung nötig. Es geht in diesem Text um »den« Rocker. Frauen spielen weder für das Menschenbild noch in MCs eine Rolle. Eine weibliche Form des Begriffes gibt es nicht. Und eine »Rockerbraut« ist im seltensten Fall eine Frau, die selbst Motorrad fährt und einen entsprechenden Lebensstil führt, sie ist Anhängsel. Das Wort sagt es überdeutlich und ist häufig negativ konnotiert, ist abwertend gemeint, nicht respektvoll.

In MCs gibt es Aufnahmeriten und Regelwerke, die denen anderer, auf Heimlichtuerei pochender, Schwurgemeinschaften von Männern in nichts nachstehen. MCs sind der Versuch, sich das Piratenschiff der Kindheit zu bewahren. Man steckt sein Revier ab, es gibt einen Anführer und mit den Nachbarjungs kloppt man sich. Eine Bastion ohne autoritäre Aufpasser (Eltern/Staat), ohne Prinzessin (Mädchen/(Ehe-)Frauen), aber dafür mit Grenzen, die mittels Gewalt (Bandenkriege) geschützt werden.

Dazu passen all die Namen, die Männer ihren Clubs verpassen. Namen, die klingen wie die von Schülerbands, ausgedacht zwischen Pubertätsfrust, alten Punksongs und der altersgemäßen generellen Die-Welt-ist-scheiße- und Ich-bin-dagegen-Manie. Beispiele aus dem Englischen: Die Kriegsschweine, die Stahlhengste, die Rauchenden Schädel, die Straßenpiraten und jede Menge MCs des obersten Bösen: Satans Kavallerie, Satans Sklaven, Satans Reiter …

Samstagnachmittag. Mittlerweile sind wir zu acht. Harley fährt niemand, stattdessen neue und ältere Modelle von Kawasaki und Yamaha. Bis auf zwei Fahrer in bunter Rennmontour (aus Leder) tragen alle allwettertaugliche Textilkleidung. In Schwarz. MCs würden uns Freizeitfahrer schimpfen. Keine feste Gruppe, nur im Geiste Mitglieder der weltweit agierenden Clique der Motorrad fahrenden Menschen. Uns eint das Unverständnis seitens der nicht Fahrenden: »Das wäre mir viel zu gefährlich!« und, auch wenn es wohl nicht jeder sofort zugeben würde, das Bedürfnis nach Freisein auf Anlasserknopfdruck. Und wir sind viele. Über vier Millionen Krafträder sind bundesweit laut Kraftfahrtbundesamt zugelassen, allein 138 600 Neuzulassungen gab es 2013.

Die Antworten dieser Gruppe auf die Frage »Warum fährst du Motorrad?« sind die selben wie die von MC-Mitgliedern auf die Frage »Wieso bist du Mitglied in einem MC?«.

»Die erste Fahrt, Mann, war das fantastisch. (...) Es war das Gefühl der Stärke und der Freiheit. (...) Wenn es eine gute Tour ist, gibt es nichts, was dem gleichkommt.« So und ähnlich äußern sich Clubmitglieder, die Arthur Veno in »Die Bruderschaften. Outlaw-Motorradclubs von Innen« zu Wort kommen lässt. »Freizeitfahrer« klingen nicht anders. Veno ist Professor und ein wenig zu sehr in die Welt der MCs abgetaucht. Besagtes Buch vermittelt u.a. ein Bild von Männern, die eigentlich mit Gewalt gar nichts am Hut haben.

»Bei Revierkriegen sind es die Patches, nicht die Leute, die sich bekämpfen«, heißt es da. Einen Mann, der wegen einer Gruppenvergewaltigung und bewaffneten Banküberfalls elf Jahre im Gefängnis saß, kennt Veno als Pressesprecher des Coffin Cheaters MC: »Es lässt sich mit ihm ganz gut über Shakespeare streiten.«

Wirklich bekannt ist über die Mitglieder von MCs nicht viel. Schweigegelübde und Geheimhaltung stehen Kriminalstatistiken und gelegentlichen Schlagzeilen gegenüber. Wie vor einigen Wochen, als »Rocker« aufbrachen, um den Kampf gegen den IS in Kobane zu unterstützten. Oder in der vorvergangenen Woche, als in Berlin eine lange Serie von Verhandlungstagen begann, die manche Medien als »den spektakulärsten Rockerprozess« schlechthin bezeichnen. Elf Männer waren in ein Wettbüro gegangen, einer von ihnen erschoss einen Mann. Danach rannten alle wieder raus, Burger essen. Motiv des laut Anklage gemeinschaftlich geplanten Mordes: Rache.

Wie überholt das Bild vom weißhäutigen, vierschrötigen Zopfträger in Kutte ist, wird im Saal Nummer 500 des Berliner Kriminalgerichts deutlich. Hier könnte, Entschuldigung ob des Vergleichs, auch eine eskalierte Familienfehde aus dem Wedding prozessiert werden. Angeklagte und Zuhörer sind überwiegend nicht biodeutschen Aussehens. Sie gehören laut Landeskriminalamt (LKA) zu einem Chapter, das in den vergangenen Jahren aus türkischstämmigen Männern aus der kriminellen Szene entstand und die sich mit besonders brutalem Auftreten in der Szene Respekt verschaffen wollten. Anders gesagt: sind sie ein Beispiel für vollendete Integration. Wenn es in Deutschland schon Chapter mit Migrationshintergrund gibt, läuft doch nicht alles schief in Sachen Akzeptanz von Ausländern. Waren doch Menschen fremdländischen Ursprungs von MCs üblicherweise höchstens als externe Geschäftspartner geduldet.

Die bisherigen Schilderungen über kriminell veranlagte MCs seien um folgendes Szenario aus einer mitteldeutschen Kleinstadt ergänzt: Ein 60-Jähriger tritt einem Club bei, der nicht kriminell ist. Dieser Club muss den dominanten MC der Gegend um Erlaubnis bitten, ein Clubhaus gründen und ein Geschäft betreiben zu dürfen. Damit man dem größeren Club, einem 1-Prozenter, keine Konkurrenz macht. Das versteht sich als »Ehrenkodex«, hat aber nur mit der Angst vor Repressalien zu tun. Auch in dem kleinen Club werden Neueinsteiger als Haussklaven gehalten. Der 60-Jährige muss sonntags spontan antreten, um das Clubhaus zu fegen. Dazu kommen die »Pflichtfahrten« weil man sonst nicht wirklich dazugehört, und die für Neulinge höhere Clubgebühr.

Weshalb nun unterwirft sich der, der so sehr nach Freiheit strebt, derart drastischen und teils brutalen Regeln? Wieso werden diese Bruderschaften zu kriminellen Banden? Weil ihre Mitglieder einem vergangenen, verzerrten Ideal nacheifern. Was von freiheitsliebenden Männern, die Motorrad fahren, übrig blieb, sind selbstverliebte Schränke oder alte Männer, die alte Ideale hochhalten. Sie erklären sich zum Krieger, weil es für sie keine andere Rolle gibt, die sie dazu befähigen kann oder es rechtfertigen würde, sich von der herrschenden Norm abzusetzen. Mitglieder von 1-Prozentern wie den Hells Angels sind nichts anderes als gewöhnliche Kriminelle, die ein gemeinsames Hobby als Daseinsgrund vorschützen.

Zu viele Klischees karikieren das, was er einmal war. Es gilt, den Rocker vor sich selbst zu schützen. Vor kriminellen Bikern und auch vor deren Stil adaptierenden Wochenend-Rockabillies, die Sparkassenwerbung machen.

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