Autosegnung und Schamanen

Ursprüngliches Leben am Titicacasee in Bolivien. Von Wolfgang Weiß

Täglich um die Mittagszeit findet vor der Kathedrale von Copacabana eine Zeremonie der ganz besonderen Art statt. Ein katholischer Priester segnet mit einem Palmwedel und Weihwasser die dort oft in langen Reihen abgestellten Fahrzeuge. Allerdings befinden uns nicht am weltberühmten Strand von Rio de Janeiro, sondern mehrere tausend Kilometer entfernt in den bolivianischen Hochanden.

Die Besitzer der neuen und bunt geschmückten Autos reisen aus ganz Bolivien hierher, in der Hoffnung, mit Gottes Segen unfallfrei über die Runden zu kommen. Manche denken wohl auch »doppelt hält besser« und lassen die Zeremonie noch einmal von einem Schamanen aus dem Volk der Aymará wiederholen.

Die meisten Besucher von Copacabana sind jedoch keine Fahrzeugbesitzer, sondern katholische Gläubige aus allen Teilen des Andenlandes Ihr Ziel ist die »Virgin Morena del Lago«, die dunkle Jungfrau vom See, die Schutzheilige des Titicacasees, an dessen Ufer sich Copacabana befindet. Die in einem Nebenflügel des Gotteshauses untergebrachte Marienfigur ist nur einen Meter groß und besteht aus Gips und Agavefasern. Sie trägt eine Goldkrone mit 70 Smaragden und 44 Diamanten und machte Copacabana zum zweitwichtigsten Wallfahrtsort Lateinamerikas. Eine Replik der Statue gelangte übrigens im 17. Jahrhundert nach Brasilien und wurde so zur Namensgebung des weltberühmten Strandes in Rio.

Für das Volk der Aymarà, das rund um den See siedelt, ist die Virgin die »cachamama«, die Mutter Erde. Die katholische Kirche hat offensichtlich kein Problem damit. Kult und Religion sind hier eng miteinander verwoben. Copacabana ist der einzige Ort in Bolivien, wo die Hauptmesse auch in Aymará, der indigenen Sprache des Volkes, gelesen wird.

Für die Inka war der Titicacasee so etwas wie die Wiege ihrer Kultur. Die Gründungseltern der Inkas, so eine der vielen Legenden, die sich um den auf rund 3800 Meter höchstgelegenen See Lateinamerikas ranken, Manco Capac und Mama Oello, sollen hier an der Isla del Sol, der Sonneninsel, aus dem See gestiegen sein, um dann im fernen peruanischen Cusco das Inkareich zu gründen.

Auf der Insel, einem der heiligsten Orte der Inka, befinden sich Reste eines Sonnentempels und eines Inka-Palastes sowie ein Ritualfelsen, auf dem noch heute ein Schamane die Gäste begrüßt und aus mitgebrachten Steinen die Zukunft voraussagt. Die meist positiven Prognosen, wie Gesundheit, langes Leben, Glück und Arbeit, werden von den Touristen mit Wohlgefallen aufgenommen. Jeder, der an dieser alten und mystischen Zeremonie teilnimmt, erhält zum Abschluss vom Kallawaya, dem Schamanenpriester, eine Urkunde. Diese beginnt mit den Worten »Yupanacay jutawiyapxiwa unxt’iri aka Inkan…«, was auch immer das heißen mag.

Auf die Sonneninsel gelangt man von Copacabana aus mit Schnellbooten oder dem Katamaran. Die Fahrt über den Titicacasee ist ein unvergessliches Naturerlebnis. Vor dem Hintergrund der schneebedeckten Andengipfel, die oft bis 7000 Meter in den azurblauen Himmel ragen, gleitet das Boot auf dem glasklaren See, den sich zwei Länder teilen: Bolivien und Peru, etwa im Verhältnis von 40 zu 60 Prozent. Mit einer Fläche von 8650 Quadratkilometern ist er 16 Mal größer als der Bodensee. Die längste Ausdehnung beträgt 210 Kilometer und die breiteste Stelle misst 80 Kilometer. Zum Baden lädt das Meer der Anden allerdings mit seinen durchschnittlich zehn Grad Wassertemperatur weniger ein.

Auf der peruanischen Seite des Sees erwartet den Besucher ein Erlebnis ganz anderer Art. Vom Küstenstädtchen Puno aus geht es mit kleineren Booten auf die schwimmenden Inseln vom Volk der Uru. Hier leben auf schwankendem Untergrund rund 200 Familien der Seemenschen, wie man die Urus auch nennt. Die 40 schwimmenden Inseln bestehen aus 50 bis 60 Zentimeter dicken Binsengeflechtschichten. Die darauf befindlichen Hütten sind wie die Boote der Fischer ebenso aus Schilf gefertigt. Die Urus, die schon seit Menschengedenken auf ihren schwankenden Eilanden vor der peruanischen Küste des Titicacasees leben, sprechen auch Aymará, die Sprache, die rund um den See verstanden wird. Der Name Titicaca leitet sich ebenfalls aus dieser Sprache ab: (titi für Puma und caca für schwarz/grau).

Auf einem der schwimmenden Eilande lebt Raul Nayasutima, der Chef der hier siedelnden sieben Familien. Er begrüßt die Touristen. mit »Camisaraki«, was so viel wie Willkommen heißt. Die Frauen der Fischer zeigen Folkloretänze und bieten selbstgefertigte Kleidung aus Alpacawolle an. Die Touristen sind eine willkommene Gelegenheit, das karge Fischer- und Bootsbauereinkommen etwas aufzubessern. Die Urus sind bekannt für ihre kunstvoll zusammengeflochtenen und zusammengebundenen Schilfboote. Auch der norwegische Forscher Thor Heyerdahl hat sich von den Bootsbaukünsten der Urus inspirieren lassen. Deren schulpflichtige Kinder verbringen die Woche in einem Internat auf dem Festland. Leider gehe die Fischerei, immer mehr zurück, erzählt Raul Nayasutima. Der Titicacasee ist überfischt und auch die Umweltverschmutzung nimmt zu, sagt er. »Wir sind jetzt dazu übergegangen, Trutas (Forellen) in Käfigen zu züchten, um sie dann auf dem Markt zu verkaufen.«. Zum Abschluss bietet er den Gästen eine Tasse Coca-Mate, ein erprobtes Mittel gegen die Höhenkrankheit, an. Coca-Mate-Blätter kann man überall um den See kaufen. Aber Vorsicht: Der deutsche Zoll versteht damit keinen Spaß.

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