Mafiajäger fordert die FIFA heraus

Michael J. Garcia, Vorsitzender der Ethikkommission des Fußballweltverbandes, will mehr Transparenz

  • Von Alexander Ludewig
  • Lesedauer: 4 Min.
Fast hätte es geklappt mit dem Korruptionsfreispruch für die WM-Gastgeber Russland und Katar. Doch Widerspruch kommt aus den eigenen Reihen der FIFA.

Mit so viel Eigenständigkeit hatte die FIFA dann doch nicht gerechnet. Nachdem der Fußballweltverband am Donnerstag »die Tatsache« begrüßt hatte, »dass der Fall bis zu einem bestimmten Grad abgeschlossen ist«, meldete sich plötzlich noch mal Michael J. Garcia zu Wort - zum Urteil des Untersuchungsberichts über die Korruptionsvorwürfe um die Vergabe der Weltmeisterschaftsturniere 2018 an Russland und 2022 an Katar. »Ich habe die Absicht, gegen diese Entscheidung Beschwerde vor dem Berufungskomitee der FIFA einzulegen«, sagte der 53-Jährige.

Garcia will die Entscheidung von Hans-Joachim Eckert anfechten. Beide beschäftigten sich seit über zwei Jahren im Auftrag der FIFA mit derselben Frage: Gab es im Verlauf der Vergabe der beiden WM-Turniere im Dezember 2010 wirklich Korruption? Deren Beantwortung gingen Garcia als Vorsitzender der Untersuchungskammer und Eckert als Vorsitzender Rechtsprechungskammer der Ethikkommission des Weltverbandes nach. Deutliche Hinweise auf unlautere Abläufe gab es zuhauf: So beispielsweise der Rücktritt von FIFA-Vizepräsident Jack Warner im Juni 2011. Der Mann aus Trinidad & Tobago genoss sich in den höchsten Fußballkreisen den Ruf als »Stimmenkäufer«. Auch durch die Hände des Katari Mohammed bin Hammam, jahrelang Präsident des asiatischen Fußballverbandes und Mitglied im FIFA-Exekutivkomitee, floss viel Geld.

Weder »Vergehen noch Verstöße gegen die maßgebenden Bestimmungen und Regelungen« seien bei der WM-Vergabe an Russland und Katar festgestellt worden, urteilte am Donnerstag also der Deutsche Eckert, der hauptberuflich in München als Richter arbeitet. Überraschend ist das Ergebnis nun wahrlich nicht: Man darf wohl getrost davon ausgehen, dass die FIFA unter Führung ihres Präsidenten Joseph Blatter zu keinem Zeitpunkt willens war, weder Russland noch Katar die Turniere wieder zu entziehen. Millionenschwere Verträge sind bereits geschlossen, Ehrenworte unter Ehrenmännern gesprochen - auch Hunderte Tote auf Katars WM-Baustellen können daran nicht rütteln.

Zumindest einigermaßen erstaunlich aber ist nun das Widerwort von Michael J. Garcia. Ob nun wahrer Aufklärungswille oder doch eher Eitelkeit dahintersteckt, ist erst mal zweitrangig. Auf jeden Fall hat der smarte US-Amerikaner, der mit einer FBI-Agentin liiert ist, einen Ruf zu verlieren: als knallharter und furchtloser Mafia- und Terroristenjäger, der auch schon Betrügern an der Wall Street das Fürchten lehrte. Die FIFA hat er jetzt zumindest reichlich verärgert. »Wir können nur sagen, dass es traurig ist, dass die Vorsitzenden unserer Ethikkommission unterschiedliche Meinungen haben, wenn wir über solch wichtige Dinge im Fußball reden«, sagte Generalsekretär Jérôme Valcke.

Unterschiedliche Meinungen sind im Weltverband nicht gern gesehen, und bei den ganz wichtigen, gilt sowieso nur eine - die des Präsidenten Blatter. Abweichler, geschweige denn Konkurrenten duldet der Schweizer nicht. Mohamed bin Hammam war jahrelang ein enger Vertauter Blatters, der irgendwann zu mächtig wurde und 2011 gar gegen den Präsidenten um den Sitz auf dem Weltfußballthron antrat. Kurzerhand, vor der Wahl, ermittelte die FIFA-Ethikkommission: Freispruch für Blatter, lebenslange Sperre für bin Hammam. Begangene Korruption, die Hans-Joachim Eckert dem Katari auch in seinem jetzigen Bericht nachwies, habe aber ausschließlich dem eigenen Präsidentschaftswahlkampf bin Hammams gedient und mit der WM-Vergabe an sein Land nichts zu tun.

Auch Jack Warner war lange Zeit ein nützlicher Gehilfe. Als der Vizepräsident wegen allzu offensichtlicher Vorteilsnahme, Bestechung und Bestechlichkeit zu gefährlich wurde, trat er am 20. Juni 2011 von all seinen Ämtern im internationalen Fußball zurück. Dies würdigte die FIFA damals wie folgt: »Aufgrund des Rücktritts wurden alle von der Ethikkommission gegen Jack A. Warner eingeleiteten Verfahren geschlossen.« Einen Sumpf legt man so nicht trocken. Auch der Name Jack Warner tauchte in Eckerts Bericht auf - jedoch auch nur im Zusammenhang mit zwei anderen WM-Bewerbern von 2010. Sowohl England, das sich um die Austragung des Turniers 2018 bemüht hatte, als auch Australien, das 2022 die WM ausrichten wollte, bescheinigt Eckert zweifelhafte Verbindungen zu dem damals noch hochrangigen Funktionär. Frank Lowy, Chef des australischen Fußballverbandes, sagte dazu am Freitag: »Zu den beanstandeten Zahlungen hatte uns die FIFA selbst geraten. Die Ermutigungen, Entwicklungsprogramme zu unterstützten, hat uns zu Entscheidungen verleitet, die jetzt als Veruntreuung gewertet werden.«

Dass Russland und Katar bei Eckart so gut wegkommen, ist zuallererst das Ergebnis einer eben nicht unabhängigen Untersuchung: Auftrag- und Geldgeber ist die FIFA. Hinzu kommt nun noch der Widerspruch von Michael J. Garcia. 200 000 Seiten wurden im Laufe seiner Ermittlungen beschrieben, am Ende stand Anfang September sein Bericht mit 350 Seiten. Dieser wurde bislang, trotz vehementer Forderungen auch von Garcia selbst nicht veröffentlicht. Die FIFA hegt datenschutzrechtliche Bedenken. Stattdessen kam am Donnerstag der Urteilsbericht von Hans-Joachim Eckert: Nur vier Seiten der insgesamt 42 befassen sich mit Katar! Garcia bemängelt »zahlreiche unvollständige und fehlerhafte Darstellungen der Tatsachen und Schlussfolgerungen«.

Um Autokratie und Intransparenz im Fußballweltverband zu beweisen, hätte es eigentlich kein neues Beispiel gebraucht. Hier ist noch eins: Insgesamt 16 Menschen arbeiten in der FIFA-Ethikkommission. Aber bislang hätten überhaupt »nur vier« Menschen den gesamten Garcia-Bericht zu sehen bekommen. Wahrscheinlich aus gutem Grund.

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