Werbung

Wer möchte nicht im Leben bleiben?

Barbara Thalheim über das Altern von Menschen und Meinungen

Frau Thalheim, Ihr Programm, das ursprünglich »Alt« heißen sollte und jetzt »AltTag« heißt, ist über Jahre gereift. Hat sich das Konzept in der Zwischenzeit gewandelt?
Mehrmals. Es gab immer neue Ansätze, sich mit und in Liedern dem Altern zu nähern, das heißt auch die eigene Verzweiflung darüber zuzugeben und trotzdem locker, vielleicht sogar heiter zu bleiben. Mich haben Freunde gewarnt: Wenn du dein Altern thematisieren willst, dann kannst du das im Freundeskreis tun, nicht aber auf der Bühne. Das alte Ding, man weiß es! Persönlich dürfen, sollen Lieder sein, aber nie privat. Irgendwann war klar, dass mit meiner Programmidee etwas nicht stimmt. Und als mir dann eine Freundin, gerade aus dem Arbeitsleben ausgeschieden, von ihren Alltags-Erfahrungen als Pensionärin erzählte und sich dabei versprach, als sie sagte: »Ich weiß gar nicht, was ich jetzt mit meinem Alt-tag anfangen soll.« Da war klar: »Alt-Tag«, das ist mein Programmtitel.

Wie haben Sie sich mit dem Altern auseinandergesetzt?
Ich habe in mich hineingehört und die Bücher gelesen, die alle lesen, wenn sie auf die Siebzig zugehen. »Das Methusalem-Komplott« von Frank Schirrmacher oder »Altern wie ein Gentleman« des ehemaligen ARDKorrespondenten Sven Kuntze, wieder »Das Alter« von Simone de Beauvoir, »Das Schweigen des Körpers« von Guido Ceronetti, »Älter werden« von Silvia Bovenschen, ach ja, und »Wir werden älter. Vielen Dank. Aber wozu?« von Peter Gross, großartig!

Was bewegte Sie zu diesen Lektüren?
Neugierde. Es ist doch gut, dass man von Anderen erfahren kann, was einen besten- oder schlimmstenfalls noch erwartet. Ich bin jetzt 67, normalerweise die Zeit, in der man sich zurückzieht, dem Lebensende entgegensieht, neugierig oder ängstlich, erfüllt oder enttäuscht. Der moderne Mensch denkt, er sei seines Alters Schmied, dabei verdrängt er nur, was ihm missfällt. Aber es kam noch etwas Zweites hinzu. Ich begann mich für Veröffentlichungen zum demografischen Wandel in Europa zu interessieren, etwa dafür, dass der Osten Deutschlands zu den größten Demografie-Verlierern gehören wird, ein Trend, der nur noch abgemildert, nicht aber mehr aufgehalten werden kann. »Im Vergleich zur demographischen Katastrophe, die uns erwartet, ist der Zusammenbruch des Kommunismus unwichtig«, schrieb Frank Schirrmacher.

Wie wirkt sich dieser Wandel aus?
In den nächsten 100 Jahren, prognostizieren Wissenschaftler, wird Mutter Natur sich die Länder Mecklenburg-Vorpommern und Brandenburg komplett einverleiben. Die Natur kehrt zurück, wenn der Mensch geht. Und er wird gehen. Bevölkerungsstatistiker verzeichnen kaum noch Geburten, dafür aber Lebenszeitrekorde. Man wird ab 2050 mehr 65-Jährige auf den Straßen Deutschlands sehen als 20-Jährige. Das geht mich dann zwar nichts mehr an, aber es beschäftigt mich, solange ich meinen »AltTag« hier verbringe.

Wann ist man alt? Wann haben Sie zum ersten Mal gedacht, jetzt geht es los?
Umfragen aus den letzten Jahren zeigen, dass sich Deutsche ab fünfzig im Durchschnitt um zehn Jahre jünger fühlen, als sie sind. So in etwa geht es mir auch. Allerdings merke ich in der Zusammenarbeit mit meinen viel jüngeren Musikerkollegen immer mehr und immer öfter mein wirkliches Alter. Richtig alt fühle ich mich, wenn ich Begriffe, Formulierungen, Gedankensprünge, Witze meiner Kollegen nicht mehr verstehe, wenn ich nicht mehr andocke und in Technikfragen vollkommen überfordert bin.

Sie hätten auch die Möglichkeit, mit gleichaltrigen Leuten Musik zu machen. Warum suchen Sie den Kontakt zu den jüngeren?
Die kommen zu mir. Ohne Witz, sie sind mir »zugelaufen«!

Dann andersrum: Warum suchen die den Kontakt zu Ihnen?
Weil sie sich oftmals verschätzen in der Beurteilung meiner Person.

Das klingt, als wäre es ein Irrtum.
Mit 67 ist man nicht immer so lustig, wie man sich in Gesellschaft gibt. Die erleben mich nicht in meiner Traurigkeit, in Momenten der Einsamkeit, der Hoffnungslosigkeit etwa in Bezug auf meinen langjährigen musikalischen Partner Jean Pacalet, der vor drei Jahren gestorben ist. Auch teilen sie nicht meine Zweifel, die gerade jetzt - sehend, wie die Jubelfeiern zum 25 Jubiläum des Mauerfalls inszeniert wurden - ziemlich intensiv sind.

Sie haben einmal gesagt, der Zeitraum zwischen dem 4. November 1989, der Großdemonstration auf dem Alex, und dem 18. März 1990, dem Tag der Volkskammerwahlen, sei die einzige Zeit gewesen, in der für Sie »die wirkliche DDR« existiert habe.
Das haben doch viele gesagt, gedacht, durchlebt. In der Rückschau bin ich dankbar für die Flügel, die mir in der Zeit des Umbruchs kurzzeitig wuchsen und dafür, dass ich ihn miterleben und vielleicht auch ein bisschen mitgestalten konnte mit meinen Liedern. Vielleicht ist es diese Zeit, an die ich denke, wenn ich das Wort Hoffnung benutze. In den Tagen um den 4. November 1989 spielten meine Musiker und ich die wohl intensivsten Konzerte unseres Lebens. In Erfurt, Gera, Cottbus, Leipzig, Rostock und so weiter wurde jede Ansage, jeder Song, jeder Ton auf der Bühne zur Unisono-Aktion von Künstlern und Publikum. Gleiches Schwingen, gleiches Denken, gleiches Wollen.

Gab es das vorher oder nachher jemals wieder?
Nein. Vor einem dieser Konzerte, das in der TU Dresden stattfand, spielten wir, es war um den 18. Oktober 1989 herum, über unsere Tonanlage die Antrittsrede des neuen Generalsekretärs der SED und Staatsratsvorsitzenden Egon Krenz ein. Die Studenten hörten erst einmal interessiert zu, wir Musiker setzten uns auf die Treppe vor der Bühne und lauschten ebenfalls der Rede. Nach wenigen Minuten nur gab es leichte Unmutsbekundungen aus der Studentenschaft: »Aufhören! Schluss! Keine Lügen mehr! Das ist zu wenig, Herr Krenz!« skandierten sie. Dann standen ein paar Dozenten auf: »Macht das Radio aus! Spielen, spielen!« Die Studenten schlugen mit Fäusten auf die Lehnen der vorderen Sitzbänke, bis von der Krenz-Rede nichts mehr zu verstehen war. Wir gingen an die Instrumente und spielten los, es war überhaupt nicht nötig, das irgendwie zu kommentieren. Ich habe noch nie so viele Leute weinen und tanzen sehen. Und zwar gleichzeitig. In der Zeit der Wendewende - also nach der Entscheidung des Anschlusses der DDR an die Bundesrepublik - habe ich manchmal gedacht, dass der Slogan »Wir sind ein Volk« seinen Ursprung in den Oktober-November-Tagen von ’89 haben könnte und sich erst viel später daraus der Wunsch entwickelte, Oblaten unserer Schwestern und Brüder im Westen zu werden.

Im Untertitel Ihres »AltTag«-Programms ist die Rede nicht nur vom Altern von Menschen, sondern auch vom Altern von Meinungen und Vorurteilen. Inwiefern altern Meinungen und Vorurteile - verschwinden sie, kommen neue dazu?
Meinungen und Vorurteile - DDR-Bürger wissen es - waren oft in trutzburgigen Beton gegossen. Dass wir aber heute in Bezug auf die unsägliche Unrechtsstaat-DDR-Diskussion schon wieder in den Schraubstock des »Ja-das-geloben-wir« geraten sind, nervt gewaltig. Ich habe einen wirklichen Horror vor all denen, die nicht in der Lage sind, die gewesene DDR von ihrem Anfang, also vom Grund ihrer Entstehung her, zu denken, sondern nur von ihrem unrühmlichen Ende.

Gibt es Lieder von Ihnen, die Sie heute nicht mehr singen würden?
Nein, da ist keines, das ich heute aus ästhetischen oder, viel wichtiger, aus politischen Gründen nicht mehr singen könnte. Es gibt Lieder, die veraltet sind und nicht mehr auf die Bühne gehören. Sie kriegen ein Gnadenbrot in der Schublade, statt ein Ende im Papierschredder. Ein paar Songs, die zwischen Ende 1988 und Mitte 1989 entstanden sind, haben nie wirklich das Licht der Öffentlichkeit erblickt. Aber es gibt so unendlich viele, großartige Lieder auf dieser Welt, die Jetztzeit tröstend reflektieren, dass ich noch dreimal so lange leben müsste wie jetzt, um sie auch nur ansatzweise kennenlernen zu können.

Sie haben für das Programm »AltTag« auch Kurt Schwaens Lied »Wer möchte nicht im Leben bleiben« zu einem Text von Wera und Klaus Küchenmeister adaptiert - warum gerade dieses?
Ich finde, dass dieses Lied zu Unrecht in der öffentlichen Wahrnehmung hinten runtergefallen ist. Ein Lied des Volkes, ein großartiges Lied, das nicht nur Ostdeutsche meiner Generation aus der Schule zu kennen scheinen. Filmisch haben wir ein Defilee bedeutender Menschen des 19. und 20. Jahrhunderts dazu komponiert. Der Film versucht zu sagen: Ihr seid bei uns, ihr, die ihr de facto tot seid, lebt in uns weiter.

Wer sind die Menschen, die Sie da zum Leben erwecken?
Von Günter Gaus, dem ich viel verdanke, über Stefan Heym, Tamara Danz, Regine Hildebrandt, Christa Wolf, Käthe Reichel, aber auch Heiner Müller und Heiner Carow, um nur einige zu nennen. Zu sehen sind Menschen, nicht nur mit DDR-Biografien, die uns, die Lebenden beeinflussten, ohne deren Existenz wir vielleicht Andere wären und anders dächten heute.

Das Gespräch mit Barbara Thalheim führte Martin Hatzius.

nd Journalismus von links lebt vom Engagement seiner Leser:innen

Wir haben uns angesichts der Erfahrungen der Corona-Pandemie entschieden, unseren Journalismus auf unserer Webseite dauerhaft frei zugänglich und damit für jede:n Interessierte:n verfügbar zu machen.

Wie bei unseren Print- und epaper-Ausgaben steckt in jedem veröffentlichten Artikel unsere Arbeit als Autor:in, Redakteur:in, Techniker:in oder Verlagsmitarbeiter:in. Sie macht diesen Journalismus erst möglich.

Jetzt mit wenigen Klicks freiwillig unterstützen!

Unterstützen über:
  • PayPal
  • Sofortüberweisung