Bayreuth nur beinahe

Jonathan Meese:

  • Von Hans-Dieter Schütt
  • Lesedauer: 3 Min.

Es ist ein Gerücht, das sich hartnäckig hält: Die Bayreuther Festspiele finden alljährlich im Juli und August statt. Aber vielleicht hat jetzt auch der Letzte den hochperformativen Teil der Zwischenzeit begriffen. Denn die Inszenierungen im Zeitraum von Sommer zu Sommer bilden mehr und mehr den eigentlichen Hügel-Höhepunkt. Kaderfragen, Klageschriften, Knalleffekte, Kräche. So nennt »Ring«-Regisseur Frank Castorf Bayreuth längst ein »Straflager«, und in den Ring trat auch Gregor Gysi: Er streitet für den »rebellischen Teil der Familie«, die Kinder von Wieland Wagner, um stabile Rechte bei der Firmenführung.

Die jüngste Spektakel-Szene ist ein Rauswurf: Soeben setzte die Geschäftsführung den Maler Jonathan Meese vor die Tür, der 2016 »Parsifal« inszenieren sollte. Von einem rein finanziellen Zerwürfnis ist die Rede: Meeses Inszenierungskonzept sei zu teuer. Der Maler-Millionär wollte mit eigenem Geld bürgen. Abgelehnt - man kann wahrlich nicht einführen, dass Regisseure sich privat ins Festival einkaufen.

Meese! Immer wieder in den letzten Monaten hatte ihn die Festivalleitung gegen die Bewahrer fränkischen Schönklangs verteidigen müssen. Diesen Unkontrollierbaren, dem der Hitlergruß vor Gerichtsschranken als Kunst durchging. Sein Satz »Fleisch ist härter als Eisen« ist belegt durch Performances, die groben Unfug und Platzwunden verbinden mit Graffiti-Malereien horribler Spontaneität. Porno, Pop, Philosophie, Pamphletismus und Pipifaxe. Fehlt in der Aufzählung nur noch - Parsifal. Der 44-Jährige kann für nichts garantieren, schon gar nicht für sich. Er ist jene Gliederpuppe, die sich das Unbewusste ausgedacht hat, um durch die Menschenwelt zu hampeln.

Er ist also zu teuer. Sagt Bayreuth. Sagt es laut, um überhaupt gehört zu werden. Denn ein Rauschen rund um den Grünen Hügel ist weit lauter. Geradezu ein Sturmgeräusch. Es kommt vom befreiten Stoßseufzer aller, die wissen, wer Meese ist, und die wissen, dass alles, was er anpackt, nicht mehr das sein wird, was es vorher war. Dass dies Reibung bringt, und zwar in jeder Etappe eines Projekts, das wusste doch jeder. Finanzielle Gründe für die Absage mögen also wahr sein - und bleiben doch nur die halbe Wahrheit. Im »Spiegel« schreibt Meese, es gehe Bayreuth nicht um Kunst, sondern um »kulturpolitisches Opportunitätsdenken«. Von sich in der dritten Person teilt er mit: »Sich bei Meese zu spät zu wundern, was kommt, ist provinziell.« Er beteilige sich nicht daran, »Wagner weichzuspülen«.

Bayreuth als Spiegel des modernen Zerrfeldes: Kunst zwischen Tradition und Trümmerung, Verehrung und Verstörung, Schönheit und Schändung. Bayreuth will die Oper als Edelstoff und auch als Explosivstoff. Namen Angekündigter und dann Abgestoßener wie Wenders, von Trier, Kušej und Meese säumen einen Weg, den es nicht gibt: kühn zu werden und doch brav zu bleiben. Wahre Hochkultur beginnt, wo das Risiko begrüßt wird, richtig missverstanden zu werden.

Das Risiko Meese ging. Grußlos. Na wenigstens nicht mit gerecktem Arm.

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