Zu lukrativ für Skrupel

Der Mächtige schwächelt nur etwas: Joseph Blatter, seine FIFA, Katar und die lästige Korruption

  • Von Alexander Ludewig
  • Lesedauer: 4 Min.
Weil der Präsident des Weltfußballverbands um seine Macht und die der FIFA weiß, wird beiden auch die aktuelle Affäre nichts anhaben.

Die FIFA muss sich keine Sorgen machen, sie schwächelt im Moment nur ein wenig. Das gilt vor allem für den Präsidenten des Fußballweltverbandes: Joseph Blatter schweigt. Sein Twitteraccount, über den der Schweizer sonst täglich jede Erfolgsmeldung an seine über 2,7 Millionen Follower weiterreicht, steht seit dem 11. November still. Ganz sicher nicht zufällig, denn ganz sicher wusste Blatter Bescheid. Zwei Tage später nämlich veröffentlichte Hans-Joachim Eckert als Vorsitzender den Bericht der Rechtsprechungskammer der FIFA-Ethikkommission zu den Korruptionsvorwürfen bei der Vergabe der WM-Turniere an Russland und Katar.

Da Blatter nun schon seit über 30 Jahren, 16 davon als Präsident, den skandalreichen und nachweislich korrupten Verband führt, wusste er, was folgen wird: öffentliche Entrüstung. Zum einen über ihn selbst. Eckert verpasste Blatter in seinem Bericht eine porentief reine weiße Weste. Zum anderen über seinen Verband. Eckert stellte keine gravierenden Verstöße fest, die FIFA sah den Vorgang als abgeschlossen an.

Blatter sitzt auch diese Angelegenheit wieder aus - und überlässt den Verband sich selbst. Nachdem Michael Garcia, Vorsitzender der ermittelnden Kammer der FIFA-Ethikkommission, Einspruch gegen den 42-seitigen Bericht seines Kollegen angekündigt hatte, machte Eckert aus seinem Abschlussbericht kurzerhand einen Zwischenbericht. Und nun soll Garcia »für den Abschlussbericht weiterermitteln«, so Eckert. Ermittelt hatte Garcia aber mehr als zwei Jahre - und einen 350-seitigen Untersuchungsbericht vorgelegt. Diesen aber will die FIFA nicht veröffentlichen.

Unsicher und führungslos wirkt der Weltverband aber nur in den Augen der Öffentlichkeit. Joseph Blatter weiß, was er tut. Und vor allem weiß er um seine Macht und die seines Verbandes. Am Montag forderten die Fußballverbände der Niederlande und Belgiens als nächstes die Veröffentlichung des gesamten Garcia-Reports. Am gleichen Tag meldete sich auch David Bernstein zu Wort. »Es gibt Deutschland, Spanien, Italien, Frankreich und die Niederlande - alle mächtig - und man kann ohne sie keine ernsthafte WM abhalten«, forderte der ehemalige englische Verbandschef zu einem Boykott der Weltmeisterschaft auf. Der deutsche Ligapräsident Reinhard Rauball hatte zuvor folgende Idee beigesteuert: »Eine Option, über die ernsthaft nachgedacht werden müsste, ist sicherlich, dass die UEFA sich von der FIFA löst.«

Vorschläge gibt es reichlich, allein der Wille wird wohl wieder fehlen. Zu verstrickt ist die große Familie in all die Belange des Weltfußballs. Das Netz ist über Jahrzehnte geschickt gesponnen worden - das System Blatter. Am 1. und 2. Dezember treffen sich in Frankfurt am Main einige europäische Fußballverbände. Aufgrund der aktuellen Ereignisse sah man sich sofort genötigt zu dementieren: »Es ist kein Krisengipfel, sondern ein turnusmäßiges Treffen«, betonte der Mediendirektor des Deutschen Fußball-Bundes Ralf Köttker. Man werde aber natürlich über die FIFA sprechen. Nun ja. Für den DFB sitzt dessen ehemaliger Präsident Theo Zwanziger im Exekutivkomitee der FIFA. Mit groß angekündigten Reformplänen ist er 2011 in den elitären Zirkel eingezogen. Seitdem hält er gerade auch in dunkelsten Zeiten ergeben und treu die Hand Blatters.

»Wenn WM ist, vergessen alle die Probleme«, sagte Anfang November Mark Pieth. Er weiß, wovon er spricht. Der Jurist aus der Schweiz war Antikorruptionsberater der FIFA und beriet den Weltverband bei seinen Reformbemühungen. Einer von vielen Pieths Vorschlägen war die Einführung einer Ethikkommission, die meisten wurden jedoch nicht berücksichtigt. Eine Erkenntnis aus seiner damaligen Arbeit: »Ich glaubte, dass die Sponsoren eigentlich interessiert sein müssten an einem besseren Ruf der FIFA. Aber die Annahme war naiv.« Das Geschäft mit dem ganz großen Fußball ist einfach zu lukrativ für Skrupel. Anfang November wurde bekannt, dass zwei Hauptsponsoren bei der FIFA aussteigen, angeblich auch wegen des negativen Ansehens des Weltverbandes. Klingt auch irgendwie nach einer guten Werbestrategie.

Die FIFA jedenfalls stellt der bevorstehende Abschied der Fluglinie »Emirates« und von »Sony« vor keine Probleme. Zahlungswillige Firmen stehen in Zürich nämlich Schlange. Also werden vermutlich bald »Samsung« und - als ob nichts gewesen wäre - »Qatar Airways« ganz exklusiv im Auftrag der FIFA werben dürfen.

Apropos Katar: Auch vom Gastgeber der Weltmeisterschaft 2022 gibt es plötzlich Neuigkeiten. »Wir wollen bedeutende und dauerhafte Verbesserungen zum Wohle aller, die in Katar leben und arbeiten, erreichen«, teilte das Arbeitsministerium mit. Ein Versprechen, das in dieser oder ähnlicher Form schon unzählige Male gegeben wurde, nachdem wieder mal die menschenverachtenden Bedingungen vor allem für die Gastarbeiter angeprangert wurde. Und nachdem es schon Hunderte Tote auf den WM-Baustellen gab. Nun will Katar aber wirklich das Kafala-System, in dem Arbeitnehmer keine Rechte haben, reformieren. Wenn das, wie angekündigt, bis Anfang 2015 geschehen ist, ja spätestens dann wird auch Joseph Blatter sein Schweigen brechen. Er wird der Welt am Beispiel Katar mitteilen, wie der Fußball das Leben besser machen kann.

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