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Weiter lachen

Dieter Hildebrandt

Vor wenigen Tagen lief im Fernsehen eine ganz besondere Folge der Kabarett-Sendung »Scheibenwischer« - die vom 14. Januar 1982 über den Rhein-Main-Donau-Kanal. Das Bauwerk, das die Flüsse Main und Donau miteinander verbinden sollte, damit Schiffe von der Nordsee bis zum Schwarzen Meer Waren transportieren konnten, war damals zwischen Naturschützern und der CSU-Landesregierung heftig umstritten.

Die Folge vom 14. Januar 1982 bleibt deshalb in Erinnerung, weil sich an ihr ein handfester politischer Skandal entzündete. In einem Sketch wedelte Gerhard Polt mit Geldscheinen und Gisela Schneeberger verteilte Schecks an Politiker und Journalisten. Den Vorwurf, die Politik lasse sich von einer Wirtschaftslobby kaufen, wollte die bayerische Landesregierung nicht auf sich sitzen lassen; beim SFB, der den »Scheibenwischer« produzierte, protestierte man wegen eines »bayernfeindlichen Programms«. Vier Jahre später, kurz nach der Reaktorkatastrophe in Tschernobyl, schaltete sich der Bayerische Rundfunk gar aus dem ARD-Gemeinschaftsprogramm aus, um zu verhindern, dass die satirische Auseinandersetzung des »Scheibenwischer« mit der Kernenergie im Freistaat empfangen werden konnte. Getroffen werden sollte mit solchen Aktionen Dieter Hildebrandt, der den »Scheibenwischer« 1980 begründet hatte und der als ausgewiesener Gegner der CSU galt.

Am 20. November 2013 verstarb Hildebrandt im Alter von 86 Jahren. Zu seinem geistigen Nachlass gehört eine Frage, die zu selten gestellt und noch seltener offen ausgesprochen wird: Kann politisches Kabarett der politischen Macht überhaupt noch jene Selbstentblößung abringen, wie es der »Scheibenwischer« vor rund 30 Jahren vermochte? Heute würde eine Sendung wie die über die Korruption bei der Vergabe der Bauaufträge am Rhein-Main-Donau-Kanal in den Senderäten der TV-Anstalten allenfalls eine Protokollnotiz provozieren - und wahrscheinlich nicht einmal das.

Dafür gibt es die Comedy. Was nicht das Schlechteste sein muss. Er habe nichts gegen Comedy, sagte Hildebrandt, als es zwischen ihm und seinen Nachfolgern beim »Scheibenwischer« zum Streit um den Stellenwert des doch auch nur vordergründig unpolitischen Witzes in der Sendung kam, und er meinte das so, wie er es sagte. Der Kalauer, das Lachen über noch den blödsinnigsten Witz, so erzählen es die, die mit ihm arbeiteten, war ihm schmerzlindernde Medizin. »Die Bühne erspart den Psychiater«, gab Hildebrandt zu. Kabarett als wütendes Aufstampfen des Geistes, Comedy als dessen Wuterleichterung.

Doch diese Bühne ist nicht mehr das Fernsehen, dieser Swingerclub, in dem nichts muss, aber alles möglich ist. In den letzten Jahren seines Lebens entdeckte Hildebrandt das Internet als neue Bühne. Sein stoersender.tv sendet heute noch. In ihm ist ein Muss, was im Fernsehen nur noch Möglichkeit ist: Weiter lachen als bis zur nächsten »Frauen-und-ihre-Handtaschen«-Zote

»Dieter Hildebrandt: Weiterlachen«, ARD, 23.30 Uhr

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