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Gegen den Arbeitsfetisch

Buch über gesellschaftliche Zwänge im Kapitalismus

»Arbeit ist das halbe Leben«, sagt ein Sprichwort. Für neoliberale Verhältnisse dürfte das noch untertrieben sein. Dabei ginge es auch anders, behauptet eine Streitschrift.

Kaum etwas anderes scheint in unserem Leben so bedeutsam zu sein wie Arbeit. Die Frage, wie viel wir arbeiten, bis zu welchem Alter, was für einen Lohn wir erhalten, ob wir uns dabei verwirklichen können und ob sich überhaupt ein Leben ohne Arbeit lohnt, beschäftigt uns mehr als alles andere. Einen regelrechten Arbeitswahn, der kaum hinterfragt wird, konstatiert Patrick Spät in seiner Streitschrift, die einen pointierten Überblick der Kritik am Arbeitsfetisch bietet - kulturgeschichtliche Anekdoten zum Thema inklusive. Die Titel gebende Frage »Und was machst du so?« wird uns im Alltag oft gestellt. Dahinter steht, so Spät, immer die Frage, wie viel wir in der Leistungsgesellschaft wirklich wert sind. Dabei verinnerlichen wir den äußeren Zwang, arbeiten gehen zu müssen, und machen daraus eine Tugend. Unser Verhältnis zur Arbeit vergleicht Spät deshalb mit dem Stockholm-Syndrom, bei dem in Geiselhaft genommene Menschen einen positiven Bezug zu ihren Entführern entwickeln. Denn so viel wir über Arbeit auch sprechen - kaum jemand stellt ihre Existenz wirklich in Frage.

Dabei wusste schon Karl Marx, dass der Arbeiter »keine freie physische und geistige Energie entwickelt, sondern seine Physis abkasteit und seinen Geist ruiniert. Der Arbeiter fühlt sich daher erst außer der Arbeit bei sich und in der Arbeit außer sich.« Die entfremdete Lohnarbeit ist grundlegend für den Kapitalismus. Nur stand die Arbeiterbewegung der Arbeit an sich nicht kritisch gegenüber, sondern stellte sie glorifizierend in den Mittelpunkt ihrer politischen Organisierung. Aber wer das Kapitalverhältnis wirklich überwinden will, muss auch die Lohnarbeit abschaffen. Die Gruppe Krisis um Robert Kurz lieferte 1999 mit dem »Manifest gegen die Arbeit« den wohl radikalsten Text gegen den »Leichnam der Arbeit«. Zu dessen Verteidigung habe sich, so Krisis, eine Allianz von Sozialisten über Weltbank bis Unternehmer zusammengefunden, obwohl die mikroelektronische Revolution die Arbeit im Lauf der Zeit überflüssig mache. Ist Arbeit also ein autoritäres Instrumentarium zur gesellschaftlichen Disziplinierung? Wie Michel Foucault das für die Gefängnisarbeit definierte als »Bildung eines Machtverhältnisses, eines Schemas der individuellen Unterwerfung und ihrer Anpassung an einen Produktionsapparat«?

Dabei prophezeite schon in den 1990ern der Ökonom Jeremy Rifkin »das Ende der Arbeit«. Ob wir uns irgendwann wirklich in einer Science-Fiction-Welt wiederfinden, in der Arbeit ausschließlich von Maschinen erledigt wird, muss sich noch zeigen. Denn im globalen Süden ist menschliche Arbeitskraft heute immer noch billiger als Automatisierung, wie das Beispiel Foxconn in China zeigt, wo unsere Smartphone-Hochtechnologie-Spielzeuge zusammengebaut werden. Für Patrick Spät liegt die Zukunft einer anderen Idee von »Arbeit« daher in Praktiken, die versuchen, etwas jenseits des entfremdeten kapitalistischen »Zwangsarbeitsverhältnisses« Realität werden zu lassen: das Guerilla-Gardening, das es von New York bis Leipzig gibt, die Solidarökonomien, wie sie im krisengeschüttelten Griechenland eine große Rolle spielen und die Debatten um die Gemeinschaftsgüter, die in der Idee eines »Commonismus« münden.

Patrick Spät: Und was machst du so?, Rotpunkt-Verlag, 2014, 165 S., 9,90 €.

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