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Ist das Endlager viel zu klein?

Schwach und mittelradioaktiver Atommüllberg doppelt so hoch wie gedacht

Das deutsche Entsorgungskonzept für schwach und mittelradioaktiven Atommüll ist Makulatur - die Mengen sind zu groß.

Atomkraftgegner aus Salzgitter und Umgebung wurden am Dienstag durch die morgendliche Zeitungslektüre aufgeschreckt: Muss erheblich mehr Atommüll in das Endlager Schacht Konrad gebracht werden als bislang genehmigt ist? »Was sich hier abzeichnet, ist ein großangelegter Betrug an den Menschen in und um Salzgitter«, sagt der Landwirt Ludwig Wasmus von der atomkraftkritischen Arbeitsgemeinschaft Schacht Konrad.

Die »Süddeutsche Zeitung« hatte aus einem Entwurf des »Nationalen Entsorgungsplans« zitiert, den die Bundesregierung derzeit mit den Ländern abstimmt. Danach geht der Bund nun davon aus, dass in Deutschland rund 600 000 Kubikmeter schwach- und mittelradioaktive Abfälle anfallen. Bislang wurde für Schacht Konrad - das einzige für diese Art von Atommüll vorgesehene Endlager - eine Menge von 298 000 Kubikmetern erwartet.

Bei den Müllmengen zählt der Bund erstmals auch Abfälle aus der Urananreicherungsanlage Gronau mit. Dort lagern etwa 13 000 Tonnen abgereichertes Uran. Bislang wurde dieses als »Wertstoff« deklariert, aus denen sich noch Kernbrennstoffe fertigen ließen. Der neue Entsorgungsplan beziffert das Volumen der Gronauer Abfälle auf rund 100 000 Kubikmeter. Weitere 200 000 Kubikmeter kämen hinzu, wenn das marode Atommülllager Asse bei Wolfenbüttel geräumt wird. Dort lagern 126 000 Fässer.

Schacht Konrad, wo die Einlagerung nicht vor 2022 beginnen kann, ist für bis zu 303 000 Kubikmeter genehmigt. Eine mögliche Vergrößerung des Lagers will die Regierung dem Bericht zufolge erst danach prüfen. »Wenn die Bundesregierung mehr und anderen Müll in Schacht Konrad lagern will, dann soll sie die Karten jetzt auf den Tisch legen«, fordert dagegen Bauer Wasmus. Sei Konrad erst einmal in Betrieb, gehe die Zuständigkeit für weitere Genehmigungen vom derzeit rot-grün regierten Land auf das neue Bundesamt für kerntechnische Entsorgung über, das dem Bundesumweltministerium untersteht.

Sorgen bereitet auch der Zustand des Atommülls. Wie der NDR berichtet, sind rund 2000 von 85 000 Fässern mit Atommüll verrostet oder auf andere Art beschädigt. Das ergab eine Umfrage bei den Aufsichtsbehörden der Länder. Die Behälter aus der Asse, deren Zustand noch völlig unbekannt ist, wurden dabei nicht berücksichtigt.

Die jüngst in den Kavernen des stillgelegten AKW Brunsbüttel entdeckten Schäden sind demnach nur die Spitze des Eisberges. Dort sind 136 von bislang 409 überprüften Behältern korrodiert, die Ummantelung verformt oder durchlöchert. Teils ist eine zähe Flüssigkeit ausgetreten: schwach- und mittelradioaktive Konzentrate, die sich an Fassoberflächen und am Boden der Kaverne angesammelt haben.

Laut NDR gibt es an mindestens 17 Standorten beschädigte Fässer, unter anderem in Niedersachsen in der Landessammelstelle Leese sowie in Hessen in der Sammelstelle Ebsdorfergrund und am AKW Biblis. Als besonders kritisch gilt die Lage im größten oberirdischen Zwischenlager im Forschungszentrum Karlsruhe. Hier sollen Prüfer mehr als 1700 beschädigte Behälter mit radioaktivem Müll gefunden haben.

Experten gehen davon aus, dass die Anzahl der beschädigten Fässer und Container mit schwach- und mittelradioaktiven Abfällen noch weit höher ist. Michael Sailer, Atomexperte des Öko-Instituts, weist auch auf den Faktor Zeit hin: »Weil wir noch kein Endlager haben, bleiben die Fässer noch mindestens sechs bis acht Jahre stehen. Da wird noch viel chemische Korrosion passieren.«

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