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Politik an der Fassade

Streit um Transparente an Studentenwohnheimen in Göttingen

  • Von Kai Böhne, Göttingen
  • Lesedauer: 3 Min.
Das Studentenwerk in Göttingen möchte nicht, dass politische Transparente aus Wohnheimfenstern gehängt werden. Für viele ist das nicht nachzuvollziehen.

Bereits seit Mai 2014 gibt es Spannungen zwischen dem Göttinger Studentenwerk und einer studentischen Wohnrauminitiative wegen einiger aus Wohnheimfenstern gehängter Transparente. Mehrfach hatte das Studentenwerk Wohnheimbewohner aufgefordert, Transparente mit politischen Meinungsäußerungen von ihren Hausfassaden zu entfernen.

Um 8 Uhr morgens lief am Montag die zweite Frist des Studentenwerks zum Abhängen der Transparente aus. Falls der Aufforderung nicht nachgekommen werde, solle der »Rahmen mietrechtlicher Möglichkeiten« ausgeschöpft werden. Doch auch am Dienstag hingen in der Humboldtallee und der Roten Straße noch bunte Stofftücher, die die internationale Solidarität hochleben lassen und »Solidarität mit den linken Kräften in Israel und Palästina« und »Solidarität mit dem Widerstand in Kobane« fordern, sich »Gegen Luxussanierungen und Mieterhöhungen« aussprechen oder trotzig verlauten »Dieses Transparent wird vom Studentenwerk verboten«.

Rund 20 selbstverwaltete Studentenwohnheime gibt es laut Thomas Winkelberg, einem Sprecher der Wohnrauminitiative, in Göttingen. Der Geschäftsführer des Studentenwerks, Jörg Magull, sei so Winkelberg »der einzige, der die politischen Transparente entfernt haben will, alle anderen sehen darin einen festen Bestandteil der Stadtkultur. Wir freuen uns über das positive Feedback der Ratsherren Patrick Humke (Linke) und Ulrich Holefleisch (Grüne)«.

Bundesweit betreuen 58 Studentenwerke rund 2,2 Millionen Studentinnen und Studenten an über 300 Hochschulen in etwa 200 Orten. Die Studentenwerke kümmern sich um die soziale, wirtschaftliche und gesundheitliche Förderung der Studierenden.

In Göttingen vermietet das Studentenwerk derzeit 4500 Wohneinheiten. Dennoch herrscht Wohnraumnot. Es mangelt an studentischen und preiswerten Wohnungen. Vor diesem Hintergrund mag der Vorstand der Göttinger SPD die Forderung des Studentenwerks, die Studierenden sollten die an Wohnheimen angebrachten Transparente entfernen, nicht nachvollziehen. »Verbote von politischen Forderungen«, sagt der Stadtverbandsvorsitzende Christoph Lehmann, »sind keine Argumente im politischen Meinungsstreit und lösen den objektiven Mangel an studentischem Wohnraum nicht«.

Ähnlich argumentiert auch der ehemalige Göttinger Ratsherr der LINKEN, Gerd Nier: »Nicht nur Werbeplakate sondern auch verschriftlichte Meinungsäußerungen auf Transparenten gehören zu einer jungen, lebendigen und bunten Stadt und sind Bestandteil einer demokratischen Kultur«.

In einer Erklärung vom 17. November bitten die Grünen im Göttinger Rat die Stadt, dem Geschäftsführer des Studentenwerks Jörg Magull eine Schulung in offener und universitärer Stadtkultur anzubieten. »Jörg Magull mag auf dem beschaulichen Land wohnen, wo politische Meinungsäußerungen durch Transparente nicht üblich sind. In Göttingen sind sie Teil einer lebendigen Stadtkultur«, äußert Katrin Reuter, Mitglied der Grünen Fraktion im Göttinger Stadtrat.

»Wir möchten die Stadt eher auffordern, diese Kultur als Teil des Stadtmarketings zu pflegen und sich über das Interesse an gesellschaftlichen Prozessen durch die Studierendenschaft zu freuen«, ergänzt Reuter. Transparente gehören ihrer Meinung nach zum universitären Umfeld wie das Gänseliesel.

Die Grünen im Göttinger Rat fragen, ob es für das Studentenwerk in Zeiten knappen Wohnraums und hoher Mietpreise keine dringenderen Probleme gibt als das Entfernen von Transparenten. »Vielleicht sollte Jörg Magull lieber Altenheime verwalten, hier ist die Gefahr politischer Transparente nicht so groß«, meint Ulrich Holefleisch, ebenfalls Grünes Ratsmitglied. »Aber Vorsicht, auch Senioren sind politisch engagiert und können ganz schön anstrengend werden.«

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