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Epische Schlachten

Die 8. Partie endet remis, in der 7. hält Vishy Anand den Angriffen von Magnus Carlsen in einer Marathonpartie von 122 Zügen stand

  • Von Dagobert Kohlmeyer
  • Lesedauer: 5 Min.
Der Kampf um die Schachkrone 2014 beschert den Schachfans in aller Welt spektakuläre Partien und einmalige Aussetzer ihrer Idole.

Die Schachweltmeisterschaft in Sotschi tritt in ihre entscheidende Phase. Nach acht Partien führt Titelverteidiger Magnus Carlsen gegen seinen Herausforderer Viswanathan Anand mit 4,5:3,5 Punkten. Der knappe Vorsprung des 23-jährigen Norwegers resultiert aus dem Sieg im sechsten Spiel, danach indes konnte er den Widerstand seines 44-jährigen Gegners aus Indien nicht brechen und teilte zweimal mit ihm den Punkt.

Gestern hatte Anand wieder Aufschlag und eröffnete das achte Spiel wie gewohnt mit dem Damenbauern. Er versuchte einen Angriff auf den schwarzen Königsflügel, ohne Carlsens Stellung jedoch ernsthaft gefährden zu können. Nachdem viele Figuren getauscht waren, einigten sich beide Spieler im 41. Zug auf Remis. Mit dem friedlichen Ausgang verhinderte Anand eine Vorentscheidung im Match zugunsten von Carlsen und verschaffte sich eine Verschnaufpause.

Für mehr Aufsehen in der Schachwelt hatten die Duelle davor gesorgt. In der 7. Partie lieferten sich beide Kontrahenten eine epische Schlacht über viele Stunden, die an die härtesten Kämpfe ihrer Vorgänger erinnerte. Anand hatte am letzten Ruhetag mit seinem Sekundantenteam, das aus zwei polnischen und einem indischen Großmeister besteht, an einer neuen Strategie gebastelt. Nach der bitteren Niederlage in Runde 6 verzichtete er auf Sizilianisch sowie auf taktische Verwicklungen und wählte lieber die solide Berliner Verteidigung der Spanischen Partie. Sein Minimalziel an diesem Tag lautete: Bloß nicht verlieren! Beide Kontrahenten spielten sehr schnell und hatten nach einer Stunde schon mehr als 20 Züge absolviert.

Carlsen gab einen Bauern und erhielt dafür eine gute Stellung, doch sein Gegner konnte im Partieverlauf alle Angriffe abwehren. Im 31. Zug opferte Anand einen Läufer für zwei Bauern, um die Schärfe aus der Stellung zu nehmen. Danach verteidigte er sich zäh und umsichtig und schaffte es, seine Position trotz des materiellen Nachteils zu halten. Obwohl das Endspiel theoretisch remis war, spielte Carlsen immer weiter auf Gewinn. Er spekulierte wohl auf einen Fehler des Inders und wollte ihn mit seiner Taktik mürbe machen. Anand zeigte sich aber auf der Höhe und widerstand dem Druck. Allerdings musste er 122 Züge lang kämpfen, ehe der Norweger das Remis akzeptierte. Mit ihrer Marathonpartie verfehlten die beiden den Längenrekord bei einer Schachweltmeisterschaft nur knapp. Die 5. Partie von Anatoli Karpow und Viktor Kortschnoi 1978 in Baguio dauerte sogar 124 Züge.

Auch die Ereignisse der dramatischen 6. Partie, wo der Inder einen leicht zu sehenden Gewinnzug verpasste und danach unterging, werden in der Schachszene weiterdiskutiert. Nicht wenige Beobachter sind der Meinung, die Ursache von Anands Niederlage ist weniger in seinem Alter, sondern eher im psychologischen Bereich zu suchen. Weil er Carlsen vor Jahresfrist beim WM-Duell in Chennai in keiner Partie bezwingen konnte, scheint der heutige Herausforderer auch in diesem Match vielleicht nicht 100-prozentig an seine Siegchance zu glauben.

»Es wird sehr schwer für Anand, noch einmal zurückzukommen«, twitterte denn auch der frühere Weltmeister Garri Kasparow nach dem unerklärlichen Fehler des Inders. Die vergebene Chance habe das Potenzial, als »größter Aussetzer« in die Geschichte der Schachweltmeisterschaften einzugehen. Viele Kommentatoren teilen Kasparows Ansicht, dass Carlsen von Anand kaum zu schlagen ist. In einem Live-Bericht zur Schach-WM bezeichnete der russische Großmeister Konstantin Landa den jungen Weltmeister als norwegischen Eisberg, der nicht bereit sei, zu schmelzen. Und weil das Spitzenschach nicht nur eine große Kunst ist, sondern vor allem ein harter Sport, könnte die bessere Physis von Carlsen zum Ende hin sicher eine immer größere Rolle spielen. Nach dem Ruhetag am heutigen Mittwoch geht das 12-Partien-Match am Donnerstag mit Aufschlag des Weltmeisters weiter.

Anand - Carlsen 8. WM-Partie (Damengambit)

1.d4 Sf6 2.c4 e6 3.Sf3 d5 4.Sc3 Le7 5.Lf4 0-0 6.e3 c5 7.dxc5 Lxc5 8.a3 Sc6 9.Dc2 Te8 10.Lg5 Le7 11.Td1 Da5 12.Ld3 h6 13.Lh4 dxc4 14.Lxc4 a6 15.0-0 b5 16.La2 Lb7 17.Lb1 Tad8 18.Lxf6 Lxf6 19.Se4 Le7 20.Sc5 Lxc5 21.Dxc5 b4 22.Tc1 bxa3 23.bxa3 Dxc5 24.Txc5 Se7 25.Tfc1 Tc8 26.Ld3 Ted8 27.Txc8 Txc8 28.Txc8+ Sxc8 29.Sd2 Sb6 30.Sb3 Sd7 31.Sa5 Lc8 32.Kf1 Kf8 33.Ke1 Ke7 34.Kd2 Kd6 35.Kc3 Se5 36.Le2 Kc5 37.f4 Sc6 38.Sxc6 Kxc6 39.Kd4 f6 40.e4 Kd6 41.e5+. Remis.

Magnus Carlsen - Viswanathan Anand 7. WM-Partie (Spanisch)
1.e4 e5 2.Sf3 Sc6 3.Lb5 Sf6 4.0–0 Sxe4 5.d4 Sd6 6.Lxc6 dxc6 7.dxe5 Sf5 8.Dxd8+ Kxd8 9.h3 Ke8 10.Sc3 h5 11.Lf4 Le7 12.Tad1 Le6 13.Sg5 Th6 14.g3 Lxg5 15.Lxg5 Tg6 16.h4 f6 17.exf6 gxf6 18.Lf4 Sxh4 19.f3 Td8 20.Kf2 Txd1 21.Sxd1 Sf5 22.Th1 Lxa2 23.Txh5 Le6 24.g4 Sd6 25.Th7 Sf7 26.Se3 Kd8 27.Sf5 c5 28.Sg3 Se5 29.Th8+ Tg8 30.Lxe5 fxe5 31.Th5 Lxg4 32.fxg4 Txg4 33.Txe5 b6 34.Se4 Th4 35.Ke2 Th6 36.b3 Kd7 37.Kd2 Kc6 38.Sc3 a6 39.Te4 Th2+ 40.Kc1 Th1+ 41.Kb2 Th6 42.Sd1 Tg6 43.Se3 Th6 44.Te7 Th2 45.Te6+ Kb7 46.Kc3 Th4 47.Kb2 Th2 48.Sd5 Td2 49.Sf6 Tf2 50.Kc3 Tf4 51.Se4 Th4 52.Sf2 Th2 53.Tf6 Th7 54.Sd3 Th3 55.Kd2 Th2+ 56.Tf2 Th4 57.c4 Th3 58.Kc2 Th7 59.Sb2 Th5 60.Te2 Tg5 61.Sd1 b5 62.Sc3 c6 63.Se4 Th5 64.Sf6 Tg5 65.Te7+ Kb6 66.Sd7+ Ka5 67.Te4 Tg2+ 68.Kc1 Tg1+ 69.Kd2 Tg2+ 70.Ke1 bxc4 71.Txc4 Tg3 72.Sxc5 Kb5 73.Tc2 a5 74.Kf2 Th3 75.Tc1 Kb4 76.Ke2 Tc3 77.Sd3+ Kxb3 78.Ta1 Kc4 79.Sf2 Kb5 80.Tb1+ Kc4 81.Se4 Ta3 82.Sd2+ Kd5 83.Th1 a4 84.Th5+ Kd4 85.Th4+ Kc5 86.Kd1 Kb5 87.Kc2 Tg3 88.Se4 Tg2+ 89.Kd3 a3 90.Sc3+ Kb6 91.Ta4 a2 92.Sxa2 Tg3+ 93.Kc2 Tg2+ 94.Kb3 Tg3+ 95.Sc3 Th3 96.Tb4+ Kc7 97.Tg4 Th7 98.Kc4 Tf7 99.Tg5 Kb6 100.Sa4+ Kc7 101.Kc5 Kd7 102.Kb6 Tf1 103.Sc5+ Ke7 104.Kxc6 Td1 105.Tg6 Kf7 106.Th6 Tg1 107.Kd5 Tg5+ 108.Kd4 Tg6 109.Th1 Tg2 110.Se4 Ta2 111.Tf1+ Ke7 112.Sc3 Th2 113.Sd5+ Kd6 114.Tf6+ Kd7 115.Sf4 Th1 116.Tg6 Td1+ 117.Sd3 Ke7 118.Ta6 Kd7 119.Ke4 Ke7 120.Tc6 Kd7 121.Tc1 Txc1 122.Sxc1 Remis.

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