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Das Leben der Frauen

Im Verborgenen Museum: Fotografie der Schweizerin Monique Jacot

Von Tom Mustroph

Manch freier Journalist wird erst durch eine Institution zu seinem Lebensthema gebracht. Monique Jacot, eine damals aufstrebende Schweizer Fotografin, wurde Ende der 1950er Jahre neben einigen für die renommierte Agentur Magnum arbeitenden Kollegen von der Weltgesundheitsorganisation WHO engagiert, um Fotoreportagen über kritische Lebens- und Arbeitsbedingungen in allen Weltgegenden anzufertigen. Diese »Fotoromane«, veröffentlicht von 1958 bis 1998 im World Health Magazine, boten eindrucksvolle Einblicke in das Arbeitsleben im Fernen Osten, im nahen Westen und in der damaligen Sowjetunion. Und Jacot, nicht immer ausgelastet mit Aufträgen kommerzieller Magazine, entdeckte bei den Reisen für den institutionellen Auftraggeber die soziale Realität der mit der Hand arbeitenden Menschen als ihr Thema.

Davon zeugt auch die aktuelle Ausstellung »Monique Jacot. Reportagen und Tagträume« im Verborgenen Museum in Berlin-Charlottenburg. Imposant ist der mächtige Rücken der Bäuerin, die souverän ihren Traktor über halb abgeerntete Felder in der Nähe von Le Cret in der französischen Schweiz steuert. Voller Lebenskraft, durchaus untermalt mit einer brutalen Note, ist eine andere Landarbeiterin, die gelassen eine Gans rupft. Beide Aufnahmen entstanden Ende der 1980er Jahre im Rahmen von Langzeitstudien über Frauenarbeit. Eine visuelle Verbindung stellt sich über das Federvieh her zu einer Aufnahme aus dem Jahre 1961 aus Israel. Sie zeigt auf dem Dach eines vollbesetzten Autos eine ganze Schar Gänse, die vermutlich zum nächsten Markt transportiert wird. Die Hälse zeigen in alle Richtungen. Die Federn sind noch fest in der Haut verankert. Aber das Rupfen, und vorherige Getötetwerden, ist wohl nur eine Frage der Zeit.

Landwirtschaft ist eher zeitlos, suggerieren Jacots Aufnahmen. Auch in der Industrie lassen sich nicht immer die Zyklen der Mode ablesen. Arbeiterinnen in Schweizer Textilfabriken tragen in den 1990er Jahren ähnliche Kittelschürzen wie die Bäuerinnen in den 1980ern. Man hat ähnliche Kleidungsstücke auch in den 1970er und 1950er Jahren gesehen, in Ost wie West, Nord wie Süd. Manch einer mag dies als Zeichen einer ästhetischen Statik in bestimmten Milieus werten; manch anderem wird es zu Gelassenheit verhelfen, weil offenbar doch nicht die ganze Welt eingetaktet ist in den Rhythmus von Sommer- und Winterkollektionen.

Jacot nur als Spezialistin für die Dokumentation des Arbeitslebens zu bezeichnen, wäre indes eine Verkürzung. Die Ausstellung beinhaltet auch Landschaftsaufnahmen, bei denen die Ruhe und die Hingabe ans Detail beeindrucken. Regelrecht beseelt wirken die Objekte, von der Kamera ins Leben geholt und nicht erjagt, wie es bei vielen, meist männlichen Kollegen, die Regel war. Jacot scheint nicht auf der Lauer zu liegen für den besonderen Augenblick; sie lässt ihn sich ereignen und ist seine Zeugin.

Eine komplett andere Seite stellen die abstrakten Kompositionen dar, die Jacot, jetzt schon über 70-jährig, in der letzten Dekade aus Details von Stoffen und Objekten herstellte. Sie fand hier offenbar auf eine spielerische Art zurück zur Studiofotografie ihrer Ausbildungsjahre, für die der penible Umgang mit Licht charakteristisch war. Ein weiterer Aspekt ist die Porträtfotografie. Einige Größen des letzten Jahrhunderts saßen (oder standen) ihr Modell wie etwa Aretha Franklin oder Salvador Dali. Der exzentrische Maler ist auf einem Baumstumpf, der schräg in eine Bucht hineinragt, inszeniert.

Das Verborgene Museum hat seiner Reihe von Entdeckungen und Wiederentdeckungen von Künstlerinnen mit dieser Ausstellung ein weiteres Juwel hinzugefügt. Angesichts der sorgsamen Recherche wünscht man ihm größere Ausstellungsflächen, damit auch ganze Serien präsentiert werden können, und das Geld für längere Öffnungszeiten. Es gäbe schließlich noch manches zu bergen für das Verborgene Museum.

Bis 1. März 2015, Verborgenes Museum, Schlüterstraße 70, Do, Fr 15-19, Sa, So 12-16 Uhr

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