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Der Geprellte gewinnt

Arto Paasilinna: Wer zu seinem Roman greift, mag sich auf Turbulenzen gefasst machen - und bekommt gute Laune

  • Von Irmtraud Gutschke
  • Lesedauer: 4 Min.

So prachtvoll das Walross auf dem Buchumschlag ist, im Roman kommt es nicht vor. Wurde es mit einem Wildschwein verwechselt? Arto Paasilinna würde es ein leichtes gewesen sein, auch das Walross in seine Geschichte einzubauen oder zumindest zwischen ihm und dem Wildschwein eine Verbindung herzustellen. So wendig wie er ist selten ein Autor. Wer zu seinem Roman greift, mag sich auf Turbulenzen gefasst machen.


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* Arto Paasilinna: Der Mann mit den schönen Füßen. A. d. Finn. v. Regine Pirschel.
Ehrenwirth, 240 S., geb., 18,99 €.


Die Verblüffung fängt schon mit dem Titel an: »Der Mann mit den schönen Füßen«. Soll Aulis Rävänder damit gemeint sein? Eher passt bei ihm wohl der Vergleich mit einem Walross. Ein einigermaßen reicher Reeder, nennt einen Schlepper mit zwanzigtausend Kilo Zugkraft sein eigen. Dazu eine große Wohnung in Helsinki, ein Sommerhaus auf einer Insel, die offenbar ihm gehört, Geld … Aber seiner Frau, die dieses Geld gern ausgibt, ist er nach zwanzig Ehejahren nicht mehr gut genug. Obwohl er sich duscht, wenn er heimkommt, obwohl er alles tut, was er kann. Aber Liisa Rävänder möchte sich weiter verbessern, finanziell und überhaupt. Kurt Kim Karlsson war »ein Schwedisch sprechender, gebildeter, eleganter Mann mit guten Manieren. Groß und schlank, die Stimme weich wie ein Frottierhandtuch, der Atem frisch wie Sekt, die Redeweise intelligent verschlungen wie Spritzgebäck.« - Ohne Zweifel: Der Autor kann diesen KKK, der schon eine Weile Aulis Rävänders Rasierwasser benutzt, nicht besonders leiden.

Wer Arto Paasilinna kennt - immerhin ist dies sein zwanzigstes Buch auf Deutsch - weiß seinen trockenen Humor zu schätzen. Aber für Aulis Rävänder kommt auch Mitgefühl auf, als seine Frau zwecks Scheidung eine Szene inszeniert, als sie ins Taxi steigt und ihn auf der Straße zurücklässt. Irgendwie findet er es nicht passend, in die eigne Wohnung zurückzukehren.

Wo schläft er, was isst er? Erst mal trinkt er was. Es wird im Buch noch viel getrunken werden. Die Frau will die Hälfte seines Vermögens. In vielerlei Hinsicht ist er geprellt. Bis Seite 62 kommt er dem Selbstmord immer näher. Dann ruft er die Telefonseelsorge an.

Verwählen kann sich jeder - und Aulis Rävänder ist am Ende seiner Kräfte. In einer Fußpflegepraxis klingelt das Telefon. Wenn man sich nach der Lektüre fragt, wie aus dem Pechvogel ein Glückspilz werden konnte, wird man sich an viele, zum Teil unglaubliche Begebenheiten erinnern. Paasilinna ist ja berühmt für seine überbordende Phantasie. Aber die Weiche gestellt für die Schicksalswende hat die Fußpflegerin Irene Oinonen, eine resolute Person, männererfahren, sie hält Rävänder trotz seiner Klagen für eine gute Partie - und sie bringt ihm Achtung entgegen. Wie schön zu sehen, wenn sich ein Gedemütigter erhebt, wie er sich aufrichtet zu seiner vollen Größe. Aus seinem bisherigen Leben geschleudert, wächst Rävänder sogar über seine bisherigen Möglichkeiten hinaus. Er wird zu dem, was sich Irene Oinonen - und wohl auch Arto Paasilinna - unter einem »richtigen Mann« vorstellen. Großzügig und durchsetzungsstark. Ein Faustkämpfer, den man vor allem deshalb gut leiden mag, weil man ihn schon mal am Boden sah und sich nicht vorstellen konnte, wie er wieder aufstehen würde.

»The winner takes it all, the loser’s standing small«, sang einst die schwedische Popgruppe Abba. Ein trauriges Lebensgesetz, wie es scheint, dem Arto Paasilinna hier vehement widerspricht. Dass sich das Schicksal jederzeit auch wenden kann, das ist die ermutigende Botschaft, die er hier in filmreife Szenen verpackt. Dabei nimmt er sich ebenso Willkür heraus wie sein Held. - Lektüre, die gute Laune macht.

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