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Ein Meisterwerk erzählender Geschichtsschreibung

Peter Heather gibt Einblicke in die Welt von Konstantin bis Karl der Große und das Heilige Römische Reich deutscher Nation

Das römische Weltreich erreichte seine größte territoriale Ausdehnung in der ersten Hälfte des 2. Jahrhunderts unter Kaiser Trajan (98-117). Die heutige Europäische Union ist mit ihm fast identisch, abgesehen von den baltischen und skandinavischen Ländern, ausgenommen auch Polen. Zum damaligen Rom gehörten neben weiten Teilen der Türkei noch der Nahe Osten, Ägypten, Nordafrika und das nördliche wie östliche Schwarzmeergebiet.


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* Peter Heather: Die Wiedergeburt Roms. Päpste, Herrscher und die Welt des Mittelalters. A. d. Engl. v. Hans Freundl und Heike Schlatterer.
Klett-Cotta. 544 S., geb., 32,95 €


Dass Großreiche zugrunde gehen, hat wirtschaftliche wie politische Gründe, und so manches Mal tritt staatsmännische Dummheit beschleunigend hinzu - wie wir aus der jüngeren Geschichte wissen.

Im Jahre 395 erfolgte die endgültige Trennung des Imperiums in ein Oströmisches und Weströmisches Reich. Während Ostrom im Byzantinischen Reich mit Konstantinopol als Hauptstadt seine Fortsetzung fand, löste sich Westrom allmählich in einer Reihe von Nachfolgestaaten auf. Eben diesem Prozess ist das neue Buch von Peter Heather, Jg. 1960, Geschichtsprofessor am King’s College in London, gewidmet.

Im September 476 entmachtete der Skire Odoaker den Kindkaiser Romulus Augustulus (den »kleinen Augustus«). Den kaiserlichen Ornat samt Diadem und Kaisermantel sandte er nach Konstantinopol und gab damit zu verstehen, dass von nun an wieder ein Kaiser für beide Reichsteile nominell genüge. Er selbst aber werde sich in seine von Rom aus geführte Politik nicht hineinreden lassen. In der Folge bildete sich in West- und Südeuropa eine neue, sich immer wieder wandelnde Kräftelage heraus, deren Exponenten die Reiche der Ost- und Westgoten und der Franken waren.

Die Gründe, die zur Auflösung Westroms führten, sieht Heather in dessen wirtschaftlicher Erschöpfung, beginnend im 4. Jahrhundert. Kriege, das System der Klientelstaaten, die Hunneneinfälle, territoriale Einbußen, die Alimentation von Menschen, z. B. von germanischen Völkerschaften, die in den Grenzen des Römischen Reiches Schutz suchten, für ihre Hilfsdienste bezahlt sein und am Reichtum Roms partizipieren wollten, führten bei geringer werdendem Steueraufkommen zu einer andauernden finanziellen Notlage. Das Kosten-Nutzen-Verhältnis war unwiederbringlich zerbrochen.

Auch wenn das Reich verschwand, geblieben war die imperiale Idee, ein Staatskonzept, das seiner Wiedergeburt in neuen politischen Strukturen harrte. Drei gewichtige Namen nennt Heather, die - in römischer Tradition stehend - bis zum Ende des 1. Jahrtausends staatsbildend aktiv wurden: der Ostgote Theoderich, Justinian, der das Römische Reich in seinen früheren Grenzen in ruinösen Kriegen wiederherstellte, und der Frankenkönig Karl. Mit und neben ihnen entwickelte sich eine vierte Größe: das nach weltlicher Macht, säkular emporstrebende Papsttum.

Als Karl erfolgreich sein Großreich aufbaute und nach der Kaiserkrone zu greifen begann, geriet er zwangsläufig in eine Konkurrenzsituation mit dem Papst. Hier kam nun die berühmt-berüchtigte »Konstantinische Schenkung« ins Spiel, jenes gefälschte »Dokument«, das angeblich auf Konstantin I. (306-337) zurückging und dem »Heiligen Vater« in Rom nicht nur die Oberherrschaft über das »Patrimonium Petri«, den Kirchenstaat in Italien, zusprach, sondern auch über die gesamte Westhälfte des Römischen Reiches.

Karl, inzwischen bereits »der Große«, unterlief das entstandene Problem, indem er seinerseits dem Papst die Toskana, Kalabrien, Sizilien, Sardinien und das Exarchat von Ravenna »schenkte« und ihm damit zu beträchtlichen Einnahmequellen verhalf. Dieser Kompromiss bedeutete für den Franken, dass Rom seine Machtintentionen akzeptierte, er mit seiner Krönung zum Kaiser am 25. Dezember 800 ideell zum »Pater Europae« und im christlichen Verständnis »zu Gottes Werkzeug in der Welt« wurde. Dessen ungeachtet wahrte Karl in seiner Politik stets eine gewisse Distanz zum Papsttum, u. a. in der Frage der Ikonenverehrung.

Großreiche in der Nachfolge und als Erbe Roms verkörperten immer auch einen existenziell-praktischen Zweck. Sie bündelten Ressourcen, schufen, wenn es gut ging, eine im Inneren befriedete Welt, förderten den Ausbau der Infrastruktur und brachten somit Handel und Wandel voran. Auf die Jetztzeit und die Europäische Union bezogen, hieße das, gute Voraussetzungen für die Kapitalverwertung durchzusetzen.

Im Buch wird ein Zeitraum von 500 Jahren beschrieben. Wie aber sah es mit dem Weiterleben von Roms Reichsgedanken nach dem Jahr 1000 aus? War die Osmanische Herrschaft nicht auch die Wiederkehr Ostroms bzw. des Byzantinischen Reiches? Und Moskowiens »drittes Rom«? Langen Bestand hatte das »Heilige Römische Reich deutscher Nation«, bis es dann von Napoleon zu Grabe getragen wurde. Und wie sieht es mit Umberto Ecos These aus, dass der Niedergang Österreich-Ungarns eine direkte Folge des Untergangs des Römischen Reiches gewesen sei?

Heather hat, um diesen Begriff zu verwenden, ein Sachbuch der gehobenen Klasse vorgelegt. Die Kunst der Analyse verbindet sich darin mit dem Talent zur Offenlegung von selbst schwierigsten Zusammenhängen. Gewagte, meist fragwürdige Vergleiche mit modernen Zeiten regen zu gedanklichem Pro und Kontra an. Das Buch zu lesen, ist ein Vergnügen.

Bei der Gelegenheit sei auf die Vorgängerbände von Peter Heather verwiesen, ebenfalls Meisterwerke erzählender Geschichtsschreibung: »Der Untergang des römischen Weltreiches« und »Die Invasion der Barbaren« über die Entstehung Europas im ersten Jahrtausend u. Z., also über die Zeit der Völkerwanderung, der Hunnen und der Wikinger.

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