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Das Nichts nichtet nichts

Thesen zur reinen Apokalyptik des Todes

I.

»Wann wohl kann ein Toter die Strahlen der Sonne sehen«, heißt es im Gilgamesch-Epos. - Das Leben ist das Leben, und ein Leben außerhalb des Lebens gibt es nicht. Nicht im Tod, nicht mit dem Tod, nicht durch den Tod und schon gar nicht nach dem Tod. Der Tod ist der Tod. Nicht mehr und nicht weniger.

II.

Tod und Leben, das ist keine dialektische Einheit, das ist eine metaphysische Differenz. Der Tod ist Negation, aber nicht Negation der Negation. Der Tod hat nichts Aufhebendes und nichts Transzendentales, er ist die perfekte Nichtung singulärer Existenz. Der Tod ist der große Antagonist, nicht Scheide oder Stufe, sondern definitives Aus.

III.

Der Tod ist weder Wesen noch Sein, weder Essenz noch Existenz. Der Tod ist die absolute Losigkeit. Er ist kein bloßes Ende, er ist ein endgültiger Schnitt. In ihm geht verloren, was nie mehr gewonnen werden kann: das jeweilige Exemplar.

IV.

Der Tod ist, wie Jean Améry sagte, das »nichtige Nicht«. Er soll verstanden werden als das Nichtsein des Einzelnen. Und dieses Nichtsein kippt ins Nichtssein.

V.

Es gibt kein Totsein. Der Tod gehört nicht zum Sein, er gehört freilich auch nirgendwo anders hin. Wer aus dem Leben scheidet, geht nicht in den Tod. Das eine mag ein Schritt sein, das andere keineswegs. Der Tod bezeugt Abschied ohne Ankunft.

VI.

Der Tod ist nur durch das Leben zu bestimmen, aber er selbst ist keine Bestimmung des Lebens. Der Tod ist kein Resultat, keine Konsequenz, keine Erledigung, kein Ereignis. Er ist das Nichts, dem wir einen Namen gegeben haben. Mit dem Tod stehen wir vor einem Rätsel, das nie gelöst werden kann.

VII.

Der Tod ist nicht sinnlich und schon gar nicht übersinnlich. Er entsinnlicht die Betroffenen völlig. Der Tod betrifft nicht die Toten. Ist man betroffen, ist man geradewegs nicht mehr betroffen.

VIII.

Über den Tod zu schreiben, das ist ein Ringen um Worte, wo diese doch allesamt versagen, um Sätze, wo doch keiner hinreicht. Der Tod kann nicht übersetzt werden. Vom Leben kann man sich Bilder machen, doch vom Tod ist jedes Bild falsch. Der Tod kann nicht gepflügt werden mit der Sprache des Lebens.

IX.

Je näher man hinsieht, desto weniger blickt zurück. Der Tod ist ein Spiegel, der nichts spiegelt, und wenn doch, dann nur die Projektionen diverser Anschauungen, deren Gemeinsamkeit darin liegt, den Tod auszudeuten, anzufüllen, schwer oder leicht zu machen.

X.

Wenn das Leben nicht alles ist, was man hat, dann ist es weniger als alles. Das kann nur dazu führen, dass es als Durchgangsstadium des Leides und der Opfer betrachtet und missbraucht wird. Der Tod wird dann zur himmlischen Pforte und das Jenseits zur eigentlichen Kraft, die das Irdische in den Schatten stellt. Folglich ist es auch logisch, nicht mehr alles auf das Leben zu setzen und alles dafür einzusetzen, was man hat. So wird das Leben zum Versäumnis.

XI.

Wir sind nicht ins Leben geworfen, sondern es ist uns geschenkt. Auf dass wir es nützen und es uns gut gehen lassen. Leben ist die Gegebenheit, die wahr- und angenommen werden sollte. Es ist Gabe ohne Wiedergabe. Geworfen sind wir nicht in das Leben durch die Geburt, sondern aus dem Leben durch den Tod.

XII.

Aus der Gewissheit des Todes ist keine Bestimmung des Lebens zu konstruieren. Der Tod ist nicht Ziel einer Richtung, sondern Hinrichtung. Der Körper verweigert seinem Träger den Dienst. Damit ist es aus. Alles ist unmöglich geworden. Der Tod betrifft immer nur abgrenzbare Existenzen. Er ist zwar endgültig, aber nicht universell. Für den einen geht alles zu Ende, aber nicht alles kann zu Ende gehen.

XIII.

Leben ist nicht das Sein zum Tode, sondern das Nein zum Tode. Dieser ist zwar anzuerkennen, aber nie zu akzeptieren. Das Leben gewinnt, außer einmal, fortwährend. Der Tod gewinnt selbst dann nicht, wenn einer das Leben verliert. Was soll jener auch gewinnen? Durch den Tod gewinnt immer nur das Nichts, aber damit ist nichts gewonnen.

XIV.

Leben ist nicht auf den Tod ausgerichtet, der Tod schafft es lediglich ab. Das Leben ist auf das Leben ausgerichtet, kein Sein zum Tode, sondern Sein zum Dasein. Der Tod ist nicht Seinsbestimmung, sondern Seinsschranke. Nicht Potenz, sondern Depotenzierung.

XV.

Jedes Leben ist das Gut schlechthin, nicht eines von vielen, sondern das, das alle Güter im Gut vereint. Unser Problem ist nun, dass zu wenig Leben im Leben ist, oder wie Brecht einst sagte: »Nicht tot sein heißt nicht: leben.« Leben meint mehr als existenzielle Vorhandenheit.

XVI.

Der Tod ist nicht das Ende des Lebens, denn wäre er das Ende von ihm, wäre er noch immer Teil von ihm, das er jedoch nicht ist. Das Lebensende ist geprägt vom Sterben, einem verendenden Leben. Im Tod ist niemand mehr zugegen.

XVII.

Im Sterben erlebt man das endende Leben, nicht aber den Tod. Man spürt zwar seine Nähe, aber man kann ihm nie so nahe sein, dass man »Jetzt!« sagt. Fällt man in ihn, ist man aus sich gefallen.

XVIII.

Der Tod ist ein Moment, das Leben ist eine Dauer. Der Tod trifft uns nur einmal. Gegenüber dem Leben ist jeder Tod von einer geradezu lächerlichen Kürze, aber doch von entscheidender Größe.

XIX.

Der Tod ist kein Trieb, weil sich in ihm keine Befriedigung ausdrückt. Es gibt keinen Todestrieb. Wenn der Körper seinen Träger negiert, ist das nicht Trieb, sondern Abtreibung. Trieb unterstellt, dass man etwas tun muss. Aber das Sterben ist kein Tun und auch kein Haben, sondern lediges Erleiden. Dieses Werden folgt keinem Drang, sondern einem Zwang.

XX.

Sterben ist Leben, aber Leben nicht Sterben. Leben und Sterben sind also keineswegs eins. Im Gegenteil, das Leben ist gerade auf sich selbst bezogen, sein Ziel ist Fülle, nicht Ende. Im Sterben hingegen ist das Leben im Begriff, sich zu verlieren. Durch den Tod verliert man sich selbst. Und mit sich selbst verliert man alles.

XXI.

Der Tod ist das sich selbst auslöschende Faktum. Mit dem Tod richtet sich das Leben gegen das Leben, doch ist dieses hingerichtet, bleibt nichts übrig. Das Leben nicht, aber auch der Tod nicht. Niemand nimmt das Sterben als Gelegenheit wahr. Das Leben hingegen wird immer als solche wahrgenommen, selbst dann, wenn es in seiner Dürftigkeit nur der Reproduktion oder der Reputation dient.

XXII.

»Der Tod ist kein Ereignis des Lebens. Den Tod erlebt man nicht«, schreibt Wittgenstein. Solange man stirbt, ist man noch nicht tot, sobald man tot ist, stirbt man nicht mehr.

XXIII.

Was wir im Tod fürchten, das ist der Verlust des Lebens. Angst macht das Leben, das sich da anschickt, aus zu werden. Man hat nicht Angst vor dem Tod, sondern Angst um das Leben. Zu gewinnen und zu verlieren ist allerdings nur das Leben, den Tod kann man weder gewinnen noch verlieren.

XXIV.

Vor dem Tod ist etwas gewesen, nach dem Tod kann nichts mehr sein. Viele Religionen leugnen letztendlich den Tod, nicht selten erklären sie das, was da ihrer Ansicht nach kommen soll, zum eigentlichen Ziel. Erlösung im Tod ist sodann wichtiger als Lösung im Leben. Anstatt sich hier und jetzt mit dem Leben einzulassen, werden die Sehnsüchte und Bedürfnisse der Menschen durch das Vertrösten auf ein Jenseits kanalisiert. Das elementare »Das kann doch nicht alles gewesen sein«, wird von einer Frage der Transformation zu einer der Theologie.

XXV.

Religion ist Aufladung des Sinnlichen wie Antisinnlichen zum Übersinnlichen. Wirkliches und Unwirkliches sollen wir nicht wahrnehmen, so vergeistlichen wir es. Es gibt nichts Übersinnliches, es ist das Sinnliche selbst, das über alle seine scheinbaren Grenzen hinweg sich zu setzen vermag. Jeder Zauber ist sinnlich. Zauber meint geradezu die Entgrenzung des Sinnlichen von einem kruden Realismus.

XXVI.

Wer den Tod leugnet, leugnet das Leben, wer den Tod aber anerkennt, bekennt des Lebens zentrale Bedeutung. Das Leben ist dann kein Vorspiel mehr für irgendetwas jenseits von ihm, es ist vielmehr das große Erlebnis, das es auszufüllen gilt. Die Relativierung des Todes ist die Relativierung des Lebens selbst.

XXVII.

Das Leben hat, was der Tod nicht hat: Zeit und Ort. Der Tod ist kein Ort, auch kein Abort, ja nicht einmal ein Unort. Der Tod ist aber auch keine Zeit. Weder Vorzeit noch Nachzeit, weder Wartezeit noch Unzeit.

XXVIII.

Der Tod betrifft die Hinterbliebenen, nicht die Toten. Tote gibt es nicht. Den Tod kann man nur vor sich, aber nicht hinter sich haben. Dahinter ist nichts. Im Tod verliert man nichts, weil man selber verloren geht, ohne je wieder gefunden zu werden.

XXIX.

Wir sind nicht unser Körper, sondern wir sind in unserem Körper. Er ist es, an dem unser Leben versagt. Wenn er nicht mehr kann, ist unser ganzes Verlangen letztlich belanglos. So sind wir weit mehr als der Körper, doch wenn der nicht mehr will, sind wir nichts, da mag der Geist noch so rege und wach gewesen sein. Der Tod löscht ihn aus.

XXX.

Verwesendes Fleisch hat seine eigene Lebendigkeit, aber es ist nicht mehr die Lebendigkeit seines ehemaligen Trägers. Was uns angeht, ist es lebloser Stoff, den der Leichnam birgt. Der Prozess des Verfaulens ist kein Leben, geschweige denn ein Erlebnis. Es stinkt. Indes, so rieche ich nicht. Es ist eine sinnliche Täuschung. Durch den Tod hat der Körper sich von uns distanziert. Nicht wir verfaulen, sondern er verwest. Niemand ist seine Leiche. Der Tod ist keine Abwesenheit, er ist überhaupt keine Wesenheit.

XXXI.

Der Leichnam ist der unwesentliche Rest. Der verwesende Kadaver ist nichts anderes als totes Fleisch. Das Leben ist der Fall, die Leiche lediglich sein Abfall. Und der Tod ist hier das Fallen des Falles. Wir fallen durch ihn und mit ihm und in ihm und in ihn und ...

XXXII.

Dauerlos ist der Tod, nicht dauerhaft. Nach dem Tod bin ich nicht im Zustand des Todes. Ich bin in keinem Zustand mehr. Der Tod offenbart keine Zuständigkeit über mich, sondern eine Unzuständigkeit von mir. Man hat eine Lebenszeit, aber keine Todeszeit. Den Tod, den jeder vor sich hat, kann niemand hinter sich bringen. Im Tod ist also niemand hinüber, sondern hin.

XXXIII.

»Es wird nichts sein als nichts,« sagt Günther Anders im Angesicht seines nahenden Endes. Der Tod ist kein Zustand. Der Tod ist aber auch kein Ergebnis, kein Resultat, kein Fazit, keine Conclusio, er ist und bleibt dieses »nichtige Nicht«.

XXXIV.

Jeder Anfang kennt ein Ende und jedes Ende kennt einen Anfang. Doch nicht jedes Ende ist ein Anfang, der Tod jedenfalls ist kein Beginn. Im Tod fällt ein Dasein durch sein Nichtsein ins Nichtssein. Der Tod ist die Nichtung ins Nichts.

XXXV.

Der Tod bedeutet nichts. Klein wie groß geschrieben: Nichts! In dieses Nichts kann man nicht fallen, nicht gestoßen werden und schon gar nicht in ihm verweilen. Der Tod ist kein Kontinuum, keine Zeit, kein Ort, keine Bewegung, kein Inhalt, keine Form, kein Grund, keine Weise. Er definiert sich nicht, letztlich auch nicht durch das Nichts, denn das Nichts definiert nichts.

XXXVI.

Aber nichtet nicht das Nichts? - Das Nichts nichtet nicht! Es ist stets das Dasein, das nichtet und auch sich nichtet. Das Nichts tut nichts, es schafft nichts und es schafft nichts ab. Das Nichts vermag nichts. Könnte es etwas vermögen, dann wäre es kein Nichts. Das Nicht nichtet, aber das Nichts nichtet nichts!

Franz Schandl, geb. 1960, Historiker und Publizist, lebt in Wien. Er ist Herausgeber der Zeitschrift »Streifzüge«, in welcher eine längere Fassung des hier abgedruckten Textes erschienen ist (www.streifzuege.org).

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