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Kammerspiel auf Knopp-Kanal

Am Montag im ZDF: »Das Zeugenhaus« geht über das übliche Hitler-Historytainment hinaus

Was ist nicht schon alles rund um Hitler verfilmt worden: seine Helfer, Frauen, Opfer, seine Taten, Ursachen, Folgen. Es geht sogar das Gerücht, Hitlers Hunde seien mal Teil einer Doku über die zwölf scheußlichsten Jahre der Weltgeschichte gewesen, aber diese Mär sollte bloß den Nazi-Overkill am Bildschirm karikieren. Umso erstaunlicher, dass es im Folterkeller unserer Geschichte noch unentdeckte Leichen gibt, die für Fernsehfilme taugen.

Zum Beispiel »Das Zeugenhaus«. So heißt Christiane Kohls Bestseller über ein unfassliches Ereignis. Für die Nürnberger Prozesse quartierten die Alliierten 1945 Zeugen der Anklage und Verteidigung in eine Villa ein, also NS-Opfer gemeinsam auf engstem Raum mit den Tätern. Diese wahre Begebenheit hat - wer sonst? - der Knopp-Kanal ZDF verfilmt, und die einzige Frage, die sich anschließt, lautet im Grunde: Warum erst jetzt?

Denn »Das Zeugenhaus« ist so geeignet zur Illustration der damaligen Parallelität von Zivilisation und Barbarei, Rechtlosigkeit und Bürokratismus, Schuld und Unschuld, dass man sich zwei Drittel des bisherigen Historytainments vor braunem Hintergrund getrost hätte sparen können. Dass die Verfilmung auch übers Motiv hinaus gelungen ist, liegt dabei nicht nur an Matti Geschonnecks dezenter, aber kraftvoller Inszenierung von Magnus Vattrodts Drehbuch. Mehr noch hat es mit der famosen Besetzung eines Kammerspiels zu tun, das alle Figuren des klassischen Dramas unter einem Dach vereint.

Da wäre Iris Berben als Gräfin Belavar, deren Hausdame die Zwangsgemeinschaft mit aristokratischer Distanziertheit auszugleichen versucht. Da wäre Tobias Moretti als zynischer Gestapo-Gründer Rudolf Diels. Da wäre Gisela Schneeberger als Görings Ex-Privatsekretärin Limberger, die scharfzüngig zwischen Nostalgie und Neubeginn schwankt. Da wäre Matthias Brandt als depressiver Generalmajor Lahousen, dessen später Widerstand die frühen Verbrechen relativiert oder umgekehrt. Da wären der fidele Hitler-Fotograf Hoffmann (Udo Samel), die unbelehrbare Täter-Gattin von Schirach (Rosalie Thomass), der doppeldeutige Stoiker Gärtner (Edgar Selge), der zwielichtige Kunsthändler Ross (Matthias Matschke). Da wäre also ein Shakespearesches Ensemble, das all den Abgründen jener Jahre schauspielerisch so gestochen scharf beikommt, als hätten sie alle nur auf diesen Film gewartet.

Denn das, was ihn stärker prägt als Requisite oder Recherche, ist die intensive Interaktion der Darsteller. Trotz des Produzenten Oliver Berben, der historische Stoffe ansonsten so tief in Pathos tunkt, bis heillos überfrachtetes Puppentheater entsteht, können die Figuren ihre inneren Konflikte im Konflikt mit anderen entfalten. Dafür bedarf es oft bloß eines Augenzuckens, wenn der Bellizist Lahousen vom Pazifisten Ross zu hören kriegt, er wolle nicht neben Kriegsverbrechern frühstücken. Und dank Annette Focks’ wohldosierten Klavierfetzen suppt nicht mal die übliche Geigensoße durch dieses Kammerspiel, das seine Kammer immer mal wieder in Richtung Gericht verlässt.

Wir können uns die nächsten Filme rund um Hitler also sparen. Auch wenn an dieser Interpretation der Ereignisse nicht alles so grandios ist wie die Realität dahinter, vermag sie es doch, uns mehr zu überraschen, zu erhellen, zu unterhalten als die nächsten fünf Melodramen über Gut und Böse zusammen.

ZDF, 24.11., 20.15 Uhr

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