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Kein Abgesang

Aurélie Filippetti über das Ende einer stolzen Minenarbeiterdynastie in Lothringen

  • Von Eberhard Reimann
  • Lesedauer: 3 Min.

Die Rolle der Italiener für die lothringische Bergbauregion ist vergleichbar mit der der polnischen Zuwanderer im Ruhrgebiet. Am Nachnamen Filippetti erkennt man die Herkunft der Autorin; in ihrem Roman erzählt sie die Geschichte ihrer Familie - als spezielle, aber auch als typische für die politisierten Minenarbeiter der Region. Aurélie Filippetti selbst stieg 2012 zur Ministerin für Kultur und Kommunikation unter dem sozialistischen Präsident Hollande auf, ein Amt, für das sie sich nach der Regierungsumbildung von Manuel Valls im August 2014 nicht mehr zur Verfügung stellte - unter Betonung ihrer Loyalität gegenüber den lothringischen Wählern, die sie ins Parlament geschickt hätten.

Helden, das sind für Aurélie Filippetti all die Menschen, die vom Stahlboom nach Lothringen gelockt wurden, die sich aber nicht vom Gestus der Werksbesitzer blenden ließen. Erst mit der massenhaften Ankunft der Italiener in der Region erstarkte die Kommunistische Partei in Lothringen, wurde die Gewerkschaft CGT zur prägenden politischen Kraft. Das zeigte sich noch einmal besonders, als ab den siebziger Jahren die Krise den Bergbau Lothringens voll erreichte. Gruben wurden geschlossen, um Longwy und in Paris tobte der Widerstand. Doch es half alles nichts: Während Vater Filippetti mit dem Lungenkrebs und den Zweifeln an der Sowjetunion und der KP kämpfte, schloss der von der Regierung Mitterand verstaatlichte Stahlkonzern weitere Standorte. Am 31. Juli 1997 ist es die Mine von Audun-le-Tiche, die letzte aktive Eisenmine Lothringens.

In kurzen Szenen beschwört Filippetti herauf, was die Mitglieder ihrer Familie während der deutschen Besatzung der Moselregion erlebten, wie der Großvater Tommaso als einer von 14 Verschwörern von der Gestapo aus der Grube herausgeholt und deportiert wurde ins KZ, wie der Vater Angelo in den Algerienkrieg geschickt wurde, zurückkehrte und zum Bürgermeister in seiner Heimatgemeinde Audun-le-Tiche aufstieg - bevor er früh starb. Wie sie, Angelos einzige Tochter, nach Paris an die Eliteschule ging und sich doch weiter als Arbeiterkind fühlte.

Die Kapitel stoßen sich gegenseitig herum. Der Erzählfaden wird immer wieder abgerissen. Episodenhaft das Ganze. Stein für Stein setzt sich die Hommage an das Alzette-Tal und ihre Menschen zusammen. Diese Form des literarischen Ausdrucks wurde zweifellos bewusst gewählt: Der Stil soll das Bruchhafte atmen, den Stollen, das langsame Herausbrechen des Erzes. Eine lineare Geschichte mit plastischen Figuren hätte auch nicht den sozialen Spannungen, der Gewalt und dem Leben der dargestellten Personen entsprochen.

Schroffes Erz ist noch lange kein polierter Stahl, und eine geschliffene Sprache würde dem sicherlich nicht gerecht werden. So ist auch die Sprache der Personen stark umgangssprachlich, lakonisch und immer wieder in den Text eingeflochten. Ein Stil, der den gebrochenen Existenzen entspricht, ein Stil der Atemlosigkeit, ein Röcheln aus den verstaubten Lungen.

Der Bezug zu Zolas »Germinal« ist von der Thematik her nachvollziehbar, jedoch nicht vom Stil. Aber so wie Zola den Minenarbeitern seiner Zeit ein naturalistisches Denkmal setzt, tut es Aurélie Filippetti für jene des 20. Jahrhunderts und für eine Region in einer Übergangsphase zwischen der alten Minenkultur und neuem Aufschwung. Eine Region sucht ihre Bestimmung. So ist »Das Ende der Arbeiterklasse« mehr als ein Abgesang auf die Geschichte einer Region und ihrer Menschen. Er ist ein Beitrag zu einer Geschichtsschreibung von Menschen, die in der offiziellen Geschichtsschreibung nur wenig und immer weniger Platz finden.

Aurélie Filippetti: »Das Ende der Arbeiterklasse«. Aus dem Französischen von Angela Sanmann. S.Fischer. 187 S., geb., 18,99 €.

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