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Prachtäpfel - aber leider unverkäuflich

Bisher importierte Russland auch Früchte, die deutsche Supermärkte nicht wollten - doch ausgerechnet nach der Superernte 2014 läuft das nicht

  • Von Harald Lachmann
  • Lesedauer: 4 Min.
Die Obstbauern verzeichnen derzeit dank einer überdurchschnittlichen Ernte ein Überangebot an Äpfeln, das noch durch den Handelskrieg mit Russland verschärft wird. Ein Bericht aus Sachsen.

Bei Äpfeln ist es wie bei Menschen: Die Bäckchen röten sich am stärksten, wenn sie vom Kalten ins Warme kommen. Und so schaute Udo Jentzsch in den letzten Wochen eher missmutig aufs Thermometer. Es war ihm schlicht nicht kühl genug zwischen Sonnenuntergang und Sonnenaufgang. »Wenn es nachts zu warm ist, kommt die Farbe nicht, sie werden nicht rot genug«, erzählt er nachdenklich. Denn neben der Größe sei halt die Farbe »das A und O bei der Vermarktung«. Dies vor allem wenn sie wie bei dem 49-jährigen Nebenerwerbs-Obstbauer indirekt erfolgt - über Einzelhandelsketten und den Großhandel. Das Auge isst halt mit, und der am meisten nachgefragte Apfel sei zudem der, »der auch in einen Schulranzen passt«.

Jentzschs Apfelernte fiel diesmal ertragsmäßig nicht schlecht aus. Damit reiht er sich ein in die gesamte deutsche Branche, die 2014 rund 1,02 Millionen Tonnen von den Bäumen pflückte. Im Vorjahr waren es lediglich 804 000 Tonnen gewesen, im Schnitt der letzten zehn Jahre knapp 952 000 Tonnen. Doch die Menge, die letztlich auf die günstige Witterung zurückzuführen sei, so Jentzsch, mache es gerade dieses Jahr eher nicht. Im Gegenteil, sie wirkt sich gar negativ aus. Denn Deutschlands Landwirte leiden praktisch an einer Obstschwemme. Rund ein Drittel des Überangebotes sei dabei der Russlandkrise geschuldet, schätzt der Sachse, der sich auch hauptberuflich mit Vitaminen beschäftigt - als Geschäftsführer des Landesverbandes Sächsisches Obst e.V. Den Handelskrieg mit Russland findet Jentzsch auch vor allen deshalb ärgerlich, weil die Russen bisher gerade jene Früchte abnahmen, auf die der rettungslos überregulierte deutsche Einzelhandel längst pfeift: gesunde, reife, durchaus auch rotbäckige, aber bereits zu große Äpfel, also über 90 Millimeter Durchmesser. Sie werden von Aldi, Lidl & Co. inzwischen als unverkäuflich geächtet. »Und die Russen zahlen auch ordentlich«, so Jentzsch.

Deutsche Ketten forderten dagegen »streng nach Größen kalibrierten Früchte, gleichmäßig gerötet und mittelgroß im Durchmesser«. Was nicht in dieses Raster passe, könne er im Grunde in die (Most-)Tonne kloppen.

Und der deutsche Verbraucher kann die Verluste durch die Russlandsanktionen nicht auffangen: Er isst bereits - vom Säugling bis zum zahnlosen Greis - gut 16 Kilo Äpfel im Jahr. Zudem trinkt er etwa 8,5 Liter Apfelsaft. Doch auch die Vermarktungsschiene als Saft greift dieses Jahr nach Jentzschs Beobachtung allenfalls als Anreiz »zur reinen Anlagenpflege«. Normalerweise wandern halt Äpfel, die kleiner als 60 Millimeter sind, in die Obstpresse. Doch bis sie dort landen, haben sie den Erzeuger rund vier Cent pro Kilo gekostet - vom Auflesen bis zum Abtransport. Wenn aber, wie in diesen Wochen zu erleben, »gerade einmal drei bis vier Cent Ertrag zurückkommen«, sagt der Gartenbauingenieur, könne man noch froh sein, nicht draufzahlen zu müssen. 2013 habe Mostobst dem Landwirt immerhin noch um die 15 Cent gebracht.

Natürlich gäbe es Alternativen, um den Absatz der eigenen Plantage rentabler zu gestalten. Doch als Udo Jentzsch 2002 den Familienbetrieb von den Eltern übernahm, rieten sie ihm, Prioritäten zu setzen: Entweder auf eine lohnende, hochwertige Produktion konzentrieren oder auf einen halbwegs professionellen Absatz, etwa über einen Hofladen oder mobile Marktstände. Beides sei in gleich hoher Qualität im Nebenerwerb nicht zu stemmen.

Die großen Einzelhandelsketten, über die Jentzsch und weitere Mitglieder der Erzeugerorganisation Dresdener Obst e.G. ihre Früchte vermarkten, bestimmen inzwischen sogar, welche Apfelsorten auf den Plantagen wachsen sollten. Hierzu gehören etwa Gala, Shampion, Pinova, Braeburn, Red Ronaprince, Golden Delicious und Nicoter. Aus Auslaufmodelle wertet der Experte dagegen etwa Gloster und Cox Orange. Auch Idared sei »langsam dabei abzusterben«. Wer diese Sorte noch im Anbau hat, sollte sie gegen neue auswechseln, das Sortenspektrum also latent der Nachfrage anpassen, rät er. Denn Supermarktkunden fragten halt konsequent andere Sorten nach als etwa die Klientel von Hofläden oder Wochenmärkten. Dort gingen - bereits mit Blick auf das Weihnachtsgeschäft - auch noch Boskoop, Topaz oder Rubinette gut.

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