Der Maidan und Lenins Reste

Herbstausgabe von »Lettre International«: Theater- und andere Geister

  • Von Hans-Dieter Schütt
  • Lesedauer: ca. 4.5 Min.

Als sei er ein Hund, folgt der Stein der Menge. So wie ein Hund, so hat auch der Stein einen Strick um den Hals: eine vom Sockel gezerrte Lenin-Statue in einer südwestukrainischen Kleinstadt; es ist die Zeit der revolutionären Unruhen auf dem Kiewer Maidan-Platz im vergangenen Jahr. Lenin wird durch die Stadt gezerrt, endlich ganz unten im Dreck, der Hohe Priester - aber im Moment der Genugtuung auch der tiefe Schmerz: An dieser Statue traf man sich doch, man küsste einander, man saß umschlungen, man feierte, am Fuße des Denkmals fand man Ruhe inmitten des Straßenlärms. Mit einem Male wird nicht der ungeliebte Bolschewik durch die Straßen gezogen, sondern die eigene Erinnerung scheint dem Schmutz der Demütigung ausgesetzt zu sein. Und die Freude der Entladung hockt sich gleichsam hin und wandelt sich in Trauer.

So verknäult sich geschichtliches Erschauern mit persönlichem Erschrecken. Ein Moment aus »Entscheidung am Majdan - e...

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