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Schallplattenhändler, ihr seid Schweine

  • Von Andreas Gläser
  • Lesedauer: 3 Min.

In der Schallplattenladentür habe ich den Tocotronic-Song »Hamburg rockt« im Ohr: »Gitarrenhändler / ihr seit Doofmänner / Gitarrenhändler / eure Fressen gefallen mir nicht / Ihr erzählt mir was von wegen Hamburg rockt / und hinterrücks habt ihr mich wieder abgezockt.«

Die Umdichtung auf die Berliner Schallplattenhändler halte ich für naheliegend, während der Inhaber im dusteren Pullover hinter der Ladentheke lungert und skeptisch zu mir sieht. Er schnieft und hustet, denn dauernd geht die Tür auf und zu, ohne dass Geld hängen bleibt. Zwei seiner Kumpels hängen bei ihm ab, trinken Bier, kaufen nichts. Im Schallplattenladen ist niemand so schön wie irgendwer im Käsekaufhaus.

Früher vertickte der Mann seine seltsamen Scheiben noch zu fairen Preisen, doch mit den Jahren der späten Reife und des kühlen Rechnens war Schluss mit dem Idealismus. Nun kostet jede halbwegs neue Scheibe mindestens 16,10 - in Anlehnung an den einstigen Amiga-Standardpreis. Von der Ostmark zum Euro, welch Hohn. Die Hersteller und Verkäufer der Tonträgerindustrie lassen die LP-Sammler für die Verluste aufkommen, die sie bei den CDs machen. Als ob wir alles kaufen würden, was wir kopieren.

Ich frage nach der neuen LP von The Fall, er guckt mitleidig. Mein Wunsch ist nicht ausgefallen genug. Wenn es diese LP bei Aldi & Co. gäbe, würde ich sie dort kaufen. Leider führt kein Discounter diese heiße Ware, doch wenn, so hätte er mehrere frische Exemplare von jeder LP auf Lager. Wenn, ja wenn ... ihr CDs, ihr Brenner - ihr tausend Tode der LP!

Da hilft kein Jammern, auch ich habe CDs. 1000!? Der Schallplattenmann lagert von den LPs nur je ein Exemplar, das schon von 20 Menschen befingert und leergehört wurde. In seinen komischen Regalen stehen die LPs alle hochkant, und zwar so eng, dass die Cover beim Durchstöbern systematisch geknickt werden, alle an derselben Stelle. Eigentlich bin ich nicht so pingelig, manche Platten gehen auch bei mir futsch; aber ich will sie nicht schon so kaufen. In der Kneipe nippt der Wirt nicht von meinem Bier, beim Bäcker beißt die Verkäuferin nicht von meinem Brot ab. Aber der Schallplattenmann, der legt alle paar Nächte in stinkenden Schuppen auf. Glück gehabt, wenn sich auf dem Cover nur eine Bleistiftnotiz findet, welche Titel sich für die Disko eignen. Zweimal die Woche stolpert er in einem engen DJ-Kabuff gegen seine Ware, manchmal verteilt er Bier drüber.

Ich sage: »Hier, die Neue von The Fall, die nehme ich. Aber nicht die mit dem Knoblauchsoßenfleck!« Er täuscht am Computer etwas Inventurstress vor und antwortet kalt: »Ist das letzte Exemplar.« Ich versuche, ihn zu motivieren: »Soll ein Geschenk sein … für mich.« Er guckt mürrisch zu mir. »Ja, und?« »Für Micha.« »Was denn nun?« »Für Michaela, die Rotblonde.« »Ist meine Ex, hör bloß auf.« »Schade. Ich kopiere mir irgendwo die CD. Tschüss.«

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